Julian Nagelsmann, der im Alter von nur 28 Jahren zum jüngsten Cheftrainer der Bundesliga bei Hoffenheim aufstieg, hat die Fußballwelt mit seiner innovativen Herangehensweise und taktischen Finesse nachhaltig geprägt. Zum Vergleich: Als er 2004, im Alter von 16 Jahren, erlebte, wie José Mourinho den FC Porto zum Champions-League-Sieg führte, und 1987, ein Jahr nach der Ernennung von Sir Alex Ferguson zum Trainer von Manchester United, geboren wurde, war seine eigene Trainerkarriere noch undenkbar. Doch seine Reise von einem vielversprechenden Jugendspieler zu einem der gefragtesten Trainer Europas ist ein Zeugnis seiner außergewöhnlichen Fähigkeiten und seines unermüdlichen Strebens nach Verbesserung.
Nagelsmanns Trainerphilosophie ist stark von der Pressing-Philosophie Ralf Rangnicks beeinflusst, der maßgeblich dafür verantwortlich war, ihn 2019 von Hoffenheim zu RB Leipzig zu holen. Auch Thomas Tuchel spielte eine wichtige Rolle in seiner frühen Entwicklung; Tuchel war Trainer der zweiten Mannschaft des FC Augsburg, als der damals 20-jährige Nagelsmann eine Knieverletzung erlitt, die seine Spielerkarriere beendete. Tuchel bat ihn zunächst, Gegner zu scouten, und ernannte ihn später zum Trainer der U17 von 1860 München. Nagelsmanns Ansatz lässt sich in seinem berühmten Zitat zusammenfassen: “Dreißig Prozent des Coachings sind Taktik, siebzig Prozent soziale Kompetenz.” Er betont, dass jeder Spieler individuell motiviert werden muss und die psychologische Verfassung entscheidend ist, um die Qualität der Spieler innerhalb eines guten taktischen Systems optimal zu nutzen.
Nagelsmanns Spielstil: Innovation und Anpassungsfähigkeit
Julian Nagelsmann ist bekannt für seine Bereitschaft, mit neuen Technologien und Daten zu experimentieren, um seine Mannschaften ständig zu verbessern. Bei Hoffenheim installierte er eine riesige Leinwand auf dem Trainingsgelände, um Spieler und Einheiten in Echtzeit zu korrigieren, ohne lange Unterbrechungen im Training zu verursachen. Seine Trainingseinheiten sind zudem für ihre hohe Intensität bekannt.
Taktische Anfänge bei Hoffenheim
In Hoffenheim bevorzugte Nagelsmann im Ballbesitz ein offensives 3-5-2-System, das sich bei der Verteidigung in ein 3-4-3 oder 5-3-2 wandelte. Seine drei Innenverteidiger leiteten den Spielaufbau von hinten ein, wobei Kevin Vogt besonders die Verantwortung für den Spielaufbau und die Ballzirkulation nach vorne übernahm. Im zentralen Mittelfeld schützte Florian Grillitsch die Innenverteidiger, sicherte die vorrückenden Flügelverteidiger ab und rückte bei Bedarf in die Abwehr zurück. Zwei weitere zentrale Mittelfeldspieler bildeten eine quadratische Struktur mit den offensiven Flügelspielern Mark Uth und Serge Gnabry. Diese Formation unterstützte das Team dabei, das Spiel über das Feld zu verlagern.
Evolution bei RB Leipzig
Mit einem stärkeren Kader bei RB Leipzig entwickelte sich Nagelsmanns bevorzugter Ansatz weiter. Die Grundstruktur seines Teams war ein 5-2-3, das jedoch ähnliche Prinzipien wie das 3-5-2 und 3-4-3 aus Hoffenheim aufwies. Mehr Rotationen in den zentralen Gassen erhöhten die Chancen, hinter die gegnerische Abwehr zu gelangen. Vor Timo Werners Abgang sorgte dieser für die meisten Tiefenläufe, unterstützt von einem weiteren Stürmer. Nach Werners Wechsel zu Chelsea wechselte Nagelsmann regelmäßig die Stürmer und spielte oft in einem 4-2-3-1-System.
Leipzigs Spielaufbau und Angriffe zeigten im Vergleich zu Hoffenheim mehr Variabilität. Die Flügelverteidiger – meist Angeliño links und Nordi Mukiele rechts – sorgten zunächst für die Breite im Angriff. Da Leipzig jedoch stark auf zentrale Rotationen setzte, rückten die Flügelverteidiger manchmal nach innen, um gemeinsam mit dem vordersten Angreifer anzugreifen. In solchen Situationen sorgte ein zentraler Mittelfeldspieler für Absicherung, während der andere zentrale Mittelfeldspieler in eine Position rückte, aus der er entweder auf eine breite Position oder durch die Halbkanäle rotieren konnte.
Die Gegner reagierten häufig auf die numerische Überlegenheit im Zentrum, indem sie mit ähnlichen Zahlen verteidigten, was sie wiederum anfällig für Leipzigs Angriffe über die Außen machte. Die Rotation des Teams wurde durch die Vielseitigkeit von Marcel Sabitzer, Dani Olmo, Emil Forsberg und anderen Spielern ermöglicht, die in mehreren Positionen komfortabel waren und Positionen während des Spiels wechseln konnten – genau die Art von Angreifern, die Nagelsmann bevorzugt.
Herausforderungen und Anpassungen beim FC Bayern München
Beim FC Bayern setzte Nagelsmann oft ein 4-2-3-1 ein, das auf dem doppelten Pivot von Joshua Kimmich und Leon Goretzka aufbaute. In seiner ersten Saison blieb Thomas Müller als Zehner hinter Robert Lewandowski. Im Gegensatz zu Hansi Flick wählte Nagelsmann jedoch Flügelspieler auf der Seite ihres stärkeren Fußes. Leroy Sané spielte tendenziell links, während Gnabry oder Kingsley Coman auf der rechten Seite agierten. Die Breite, die diese Flügelspieler schufen, und die Angriffe um die Außenseiten der gegnerischen Außenverteidiger erhöhten den Raum in der Mitte für Lewandowski und Müller. Ähnlich wie bei Nagelsmanns Leipzig rotierten die vorderen vier Spieler des FC Bayern vom Zentrum weg, was wiederum Raum für Kimmich oder Goretzka schuf, um vorzurücken.
Eine weitere Änderung betraf den offensiven Alphonso Davies, der vom linken Verteidiger früher angriff als der rechte Verteidiger. Wenn er dies tat, rückte Sané nach innen, um mit Lewandowski und Müller zu kombinieren und Überladungen im Zentrum zu schaffen.
Nach Lewandowskis Abgang zum FC Barcelona im Sommer 2022 stand Nagelsmann vor der Herausforderung, Bayerns Angriff neu zu erfinden. Sadio Mané kam vom FC Liverpool, aber ein direkter Ersatz für Lewandowski wurde nicht verpflichtet. Nagelsmann blieb weitgehend beim 4-2-3-1, aber mit Eric Choupo-Moting im Sturm und Jamal Musiala dahinter. Flanken waren bereits unter Nagelsmann weniger ein Merkmal von Bayerns Spiel, wurden aber nach Lewandowskis Abgang noch seltener eingesetzt. Ziel war es, Chancen durch die Mitte des Feldes statt über die Flügel zu kreieren.
Verteidigen und Pressen unter Nagelsmann
Nagelsmanns Leipziger Mannschaft war erfolgreich darin, mit einem alleinigen Stürmer, unterstützt von zwei offensiven zentralen Mittelfeldspielern, zu pressen. Die drei Spieler zielten darauf ab, das Spiel in Fallen auf den Außenbahnen zu zwingen. Wenn dies nicht gelang, rückte einer von Leipzigs tiefer positionierten Mittelfeldspielern vor, um eine Rautenstruktur mit dem Stürmer und den beiden offensiven Mittelfeldspielern zu bilden, die nicht nur schwer zu überspielen war, sondern auch ein gegnerisches Dreiermittelfeld überladen konnte. Nach einem anfänglichen Pass vom Abstoß aus rückte die Abwehr so hoch wie möglich, damit die Raute darunter Unterstützung hatte.
Wenn der Gegner stattdessen über die Außen aufbaute, verschob sich die Raute der vier Spieler, und der auf der gegenüberliegenden Seite spielende Flügelverteidiger rückte nach innen, um ein doppeltes Pivot mit dem freien defensiven Mittelfeldspieler hinter der Raute zu bilden. Angriffe, die über die Seitenlinie liefen, wurden vom Flügelverteidiger, dem nächstgelegenen offensiven Mittelfeldspieler und potenziell dem nächsten Innenverteidiger verteidigt. Nagelsmann förderte in der Saison 2020/21 ein hohes Pressing, was sich in einer Zunahme der Ballgewinne in der gegnerischen Hälfte und im Angriffsdrittel für Leipzig auszahlte. Eine weitere Folge war, dass die Gegner oft gezwungen waren, lange Bälle über ihr Pressing zu versuchen, was zu Ballgewinnen in der eigenen Hälfte oder zu Kämpfen um zweite Bälle im Mittelfeld führte.
Gelegentlich, wenn es ihnen nicht gelang, den Ball in fortgeschrittenen Bereichen zurückzugewinnen, lag ihre Priorität darin, den Gegner daran zu hindern, den Ball durch das Zentrum des Spielfeldes zu tragen. Spiele wie Freiburg St. Pauli oder BTSV gegen SC Paderborn zeigen die Bedeutung solcher taktischen Konzepte in der Bundesliga.
Beim FC Bayern wurde Nagelsmanns 4-2-3-1 im Ballbesitz zu einem 4-4-2 oder einer 4-4-2-Raute ohne Ball, wobei Müller oder Musiala am ehesten das hohe Pressing durch Vorrücken initiierten, um eine Doppelspitze zu bilden. Als Zweiergespann zwangen die Stürmer den Ball auf die Außenbahnen und schirmten Pässe auf die gegnerischen defensiven Mittelfeldspieler ab, während sie sich auf die Innenverteidiger zubewegten. Wenn sie Unterstützung benötigten, rückte Goretzka vor, um das Pressing zu unterstützen.
Beide Flügelstürmer wurden angewiesen, sich zurückzuarbeiten, um Goretzka und Kimmich zu unterstützen, eine flache Mittelfeldlinie zu bilden, wenn ein Mittelfeld-Block erforderlich war, oder eine Rautenform, wenn versucht wurde, zu pressen. Welchen Ansatz Bayern auch wählte, die breiten Mittelfeldspieler konzentrierten sich darauf, den Halbkanal abzudecken, bevor sie zum Pressing heraussprangen, wodurch Goretzka und Kimmich die Pressing-Bemühungen ihrer Doppelspitze unterstützen konnten. Bei Vorstößen von Goretzka bewegte sich der auf der gegenüberliegenden Seite spielende Flügelstürmer deutlich weiter nach innen, um die Präsenz im Zentrum zu erhöhen.
Nagelsmann wies dann die Außenverteidiger des FC Bayern an, vorzurücken und zu pressen, wobei die verbleibenden drei Verteidiger sich verschoben und der auf der gegenüberliegenden Seite spielende Flügelstürmer nach innen rückte. Sollte Kimmich oder Goretzka hinter den pressenden Außenverteidiger zurückfallen, wurde der auf der gegenüberliegenden Seite spielende Flügelstürmer noch mehr in einer zentralen Position benötigt. Unter Nagelsmann hatte der FC Bayern viele verschiedene Wege, den Ball zurückzugewinnen, und sie griffen nach Ballgewinn direkt und schnell das Tor an, wobei viele Spieler bereits in zentralen Positionen waren. Seine Bayern-Mannschaft war eine echte Macht, wenn der Gegner außer Form geraten war. Auch Coaches wie Sandro Schwarz prägen mit ihren Ideen den deutschen Fußball.
Fazit: Ein Visionär am Spielfeldrand
Julian Nagelsmanns Karriere ist ein Paradebeispiel für taktische Innovation und die Fähigkeit, sich an verschiedene Kader und Vereinsphilosophien anzupassen. Von seinen Anfängen als “Baby-Mourinho” in Hoffenheim über die dynamischen Systeme bei RB Leipzig bis hin zu den Anpassungen beim FC Bayern München hat Nagelsmann stets bewiesen, dass er ein Trainer ist, der nicht nur auf dem Spielfeld agiert, sondern das Spiel auch durch seine Herangehensweise an Daten, Psychologie und kontinuierliche Weiterentwicklung neu denkt. Seine Arbeitsweise und die stetige Suche nach Wegen zur Verbesserung machen ihn zu einer der prägendsten Figuren im modernen deutschen Fußball und darüber hinaus. Es bleibt spannend zu beobachten, wie sich seine taktische Handschrift und seine Karriere in Zukunft weiterentwickeln werden.
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