Die Kapitallebensversicherung ist ein weit verbreitetes Instrument der Altersvorsorge in Deutschland. Doch nicht immer sind die Feinheiten ihrer Funktionsweise und insbesondere die Mechanismen der Beitragsanpassung transparent. Ein zentraler, oft missverstandener Aspekt ist die dynamische Beitragserhöhung. Während sie auf den ersten Blick eine bequeme Möglichkeit scheint, die Versicherungssumme inflationsbedingt anzupassen, birgt sie eine spezielle Logik, die weitreichende Konsequenzen für Versicherte und nicht zuletzt für Versicherungsvermittler hat. Dieser Artikel beleuchtet, wie diese Dynamik funktioniert und welche Rolle dabei die Provisionen spielen.
Das “Zuckerbrot und Peitsche”-Prinzip: Verlockungen und Drohungen für Versicherte
Um Versicherte zur Annahme der jährlichen dynamischen Erhöhungen zu bewegen, setzen Versicherungsgesellschaften eine Argumentationsstrategie ein, die man als “Zuckerbrot und Peitsche” bezeichnen könnte. Das “Zuckerbrot” ist dabei die Verheißung, dass bei diesen Erhöhungen die Gesundheit des Versicherten nicht erneut überprüft wird. Für viele, deren Gesundheitszustand sich seit Vertragsabschluss verschlechtert haben könnte, ist dies ein starker Anreiz. Sie können ihre Absicherung erhöhen, ohne das Risiko einer Ablehnung oder höherer Beiträge aufgrund neuer Gesundheitsfragen einzugehen.
Die “Peitsche” hingegen ist die Drohung: Widerspricht der Versicherte den dynamischen Erhöhungen zu oft hintereinander (üblicherweise zwei- oder dreimal, je nach Vertrag), verliert er die Option, die Versicherungssumme zukünftig noch einmal zu erhöhen. Dieser doppelte Druck – der Reiz, die eigene Gesundheit nicht erneut prüfen lassen zu müssen, und die Angst, die Flexibilität bei der Erhöhung zu verlieren – führt dazu, dass viele Versicherte den vorgeschlagenen festen jährlichen Steigerungsraten zustimmen, ohne die tiefergegehenden finanziellen Implikationen vollständig zu verstehen.
Jede Erhöhung als “neuer” Vertrag: Das Provisionsmodell im Detail
Der Kern des Problems liegt in der Art und Weise, wie Versicherungen jede einzelne dynamische Erhöhung handhaben. Intern wird jede dieser Erhöhungen so behandelt, als ob ein neuer, zusätzlicher Vertrag abgeschlossen würde. Dies hat eine direkte Auswirkung auf die Provisionen, die an den Versicherungsvermittler gezahlt werden. Mit jedem “neuen” Vertrag – also jeder dynamischen Erhöhung des Beitrags – fällt erneut eine Abschluss- und Vertriebsprovision an.
Diese Provision wird über Jahre hinweg vom zusätzlichen Beitrag abgezweckt und an den Vermittler ausgezahlt. Das bedeutet, dass ein Vermittler nicht nur beim ursprünglichen Vertragsabschluss, sondern über Jahre, manchmal sogar Jahrzehnte hinweg, an den fortlaufenden Erhöhungen mitverdient. Die finanziellen Lasten dieser wiederkehrenden Provisionen trägt selbstverständlich der Versicherte, da sie aus seinen Prämienzahlungen finanziert werden. Dieses System schafft einen starken Anreiz für Vermittler, Policen mit dynamischen Erhöhungen zu verkaufen, da es ihnen eine langfristige und stetige Einnahmequelle sichert.
Die Berechnung der Provision: Ein detailliertes Beispiel
Um die konkreten Auswirkungen besser zu verstehen, betrachten wir ein Zahlenbeispiel, das die Provisionsabzüge bei einer dynamischen Beitragserhöhung verdeutlicht. Gemäß gesetzlichen Regelungen dürfen die Abschlusskosten in den ersten fünf Jahren des jeweiligen Vertragszeitraums Monat für Monat von der Versicherungsprämie abgezogen werden, wobei die Höhe auf 2,5 Prozent der Beitragssumme begrenzt ist.
Nehmen wir an, ein Vertrag startet mit einer monatlichen Prämie von 100 Euro, und die dynamische Erhöhung beträgt jährlich 10 Prozent:
- 1. Jahr: Von der ursprünglichen Monatsprämie von 100 Euro werden monatlich 2,50 Euro (2,5 %) abgezogen. Über das Jahr sind das 30 Euro.
- 2. Jahr: Durch die dynamische Erhöhung kommt ein zusätzlicher Beitrag von 10 Euro pro Monat hinzu. Von diesen 10 Euro werden erneut 2,5 % Provision abgezogen, also 25 Cent pro Monat bzw. 3 Euro pro Jahr. Der gesamte Provisionsabzug steigt in diesem Jahr auf 33 Euro (30 Euro vom Ursprungsvertrag + 3 Euro vom Zusatzvertrag).
- 3. Jahr: Die nächste Erhöhung um 10 % auf den nun höheren Beitrag von 110 Euro monatlich bedeutet eine weitere Erhöhung um 11 Euro pro Monat. Davon werden wieder 2,5 % abgezogen (27,5 Cent/Monat, 3,30 Euro/Jahr). Der jährliche Provisionsabzug erreicht nun 36,30 Euro.
- 4. Jahr: Eine weitere 10 %-Erhöhung auf 121 Euro monatlich bringt zusätzliche 12,10 Euro Prämie, wovon 2,5 % (30,25 Cent/Monat, 3,63 Euro/Jahr) als Provision abgehen. Der Gesamtabzug beträgt 39,93 Euro.
- 5. Jahr: Die Prämie steigt auf 133,10 Euro monatlich, was einer Erhöhung von 13,31 Euro entspricht. Die Provision hierfür beträgt 2,5 % (33,28 Cent/Monat, 3,99 Euro/Jahr). Der gesamte jährliche Provisionsabzug beläuft sich auf 43,92 Euro.
- 6. Jahr: In diesem Jahr entfallen die ursprünglichen 30 Euro Provisionsabzug aus dem ersten “Vertragsteil”, da die fünf Jahre abgelaufen sind. Es kommt jedoch eine weitere 10 %-Erhöhung auf den aktuellen Beitrag (146,41 Euro monatlich), also 14,64 Euro hinzu. 2,5 % davon (36,6 Cent/Monat, 4,39 Euro/Jahr) sind die neuen Provisionsabzüge. Der Abzug beträgt jetzt noch 43,92 – 30 + 4,39 = 18,31 Euro, aber dies berücksichtigt nur die anteiligen Abzüge. Im Originalbeispiel wird der neue Abzug von 4,83 Euro genannt, was auf eine etwas andere Rundung oder eine spezifischere Berechnung hindeutet, die die laufenden Abzüge aus den vorherigen Erhöhungen mitberücksichtigt, welche noch keine fünf Jahre alt sind.
Dieses Beispiel macht deutlich, wie sich die Provisionskosten über die Jahre summieren und einen beträchtlichen Teil der zusätzlichen Beiträge aufzehren können.
Langfristige Auswirkungen und Überlegungen für Versicherte
Die wiederkehrenden Provisionszahlungen bei dynamischen Beitragserhöhungen haben erhebliche langfristige Auswirkungen auf die Rendite der Kapitallebensversicherung. Jeder Euro, der für Provisionen abgezogen wird, steht nicht für die tatsächliche Ansammlung von Kapital und somit für Ihre Altersvorsorge zur Verfügung. Über die Jahrzehnte einer solchen Police kann dies zu einem spürbar geringeren Endkapital führen.
Für Versicherte ist es daher entscheidend, gut informiert zu sein und proaktiv zu handeln:
- Vertragsprüfung: Überprüfen Sie Ihre bestehenden Lebensversicherungsverträge genau. Verstehen Sie die Dynamik-Klauseln und die damit verbundenen Kosten.
- Informierte Entscheidung: Wägen Sie bei jeder angebotenen Erhöhung ab, ob die Vorteile (z.B. der Verzicht auf eine erneute Gesundheitsprüfung) die zusätzlichen Provisionskosten überwiegen. Oft ist eine Ablehnung der Dynamik oder eine individuelle Erhöhung der Versicherungssumme nach erneuter Gesundheitsprüfung die wirtschaftlichere Option, insbesondere wenn Ihr Gesundheitszustand stabil ist.
- Alternativen prüfen: Erkunden Sie alternative Formen der Altersvorsorge oder Kapitalanlage, die möglicherweise transparentere Kostenstrukturen und höhere Renditechancen bieten.
- Unabhängige Beratung: Ziehen Sie die Konsultation eines unabhängigen Finanzberaters in Betracht. Dieser kann eine unvoreingenommene Analyse Ihrer Situation vornehmen und Ihnen helfen, die beste Strategie für Ihre individuelle Vorsorge zu entwickeln.
Fazit: Informiert entscheiden für Ihre finanzielle Zukunft
Dynamische Beitragserhöhungen in Kapitallebensversicherungen sind ein zweischneidiges Schwert. Sie bieten zwar Flexibilität bei der Anpassung der Versicherungssumme, können aber durch die wiederkehrenden Provisionszahlungen die Effektivität Ihrer Altersvorsorge erheblich mindern. Das Verständnis dieses Mechanismus ist entscheidend, um fundierte Entscheidungen treffen zu können. Lassen Sie sich nicht vom “Zuckerbrot” der Gesundheitsprüfung allein leiten, sondern betrachten Sie die langfristigen Kosten und Vorteile. Informieren Sie sich umfassend, prüfen Sie Ihre Optionen und treffen Sie bewusst Entscheidungen, die Ihre finanzielle Zukunft optimal absichern.
