Karl Schlögel: Lektionen aus Kiew und die Rolle der Zeithistoriker im Angesicht des Krieges

Karl Schlögels Buch „Entscheidung in Kiew. Ukrainische Lektionen“, erstmals 2015 veröffentlicht, erlangte im März 2022 eine beunruhigende Aktualität und wurde zum „Buch der Stunde“. Die darin enthaltenen politischen Einschätzungen und Prognosen scheinen direkt aus der Gegenwart gegriffen, während seine Essays über ukrainische Städte, die zwischen 1988 und 2015 entstanden, nun von der Zerstörung durch russische Raketen überschattet werden. Schlögel reflektiert zudem seine eigene Rolle als Historiker im Angesicht epochaler Umbrüche und wirft die Frage auf, was Zeithistoriker leisten können, „wenn es ernst wird“.

Bereits 2014/15, nach der Annexion der Krim und der Besetzung von Teilen der Ostukraine, sah Schlögel die Existenz des ukrainischen Staates auf dem Spiel. „Wir wissen nicht, wie der Kampf um die Ukraine ausgehen wird; ob sie sich gegen die russische Aggression behaupten oder ob sie in die Knie gehen wird“, schrieb er zu Beginn des Buches (S. 9). Er prognostizierte bereits, dass die Ukraine „nie mehr von der Landkarte in unseren Köpfen verschwinden“ werde. Am Ende des Buches stellt er fest: „Nun bekommen wir es mit einem Ernstfall zu tun, für den wir, was die dafür notwendigen Denkmittel und Verhaltensformen angeht, denkbar schlecht gerüstet sind“ (S. 289). Diese Worte verlieren angesichts der aktuellen Geschehnisse nichts von ihrer Dringlichkeit und werfen die Frage auf, warum diese Warnungen in der deutschen Öffentlichkeit lange Zeit kaum Beachtung fanden.

Die späte Erkenntnis der Bedrohung

Schlögel selbst gesteht ein, die Ukraine lange Zeit nicht auf seinem Radar gehabt zu haben. Die Ereignisse um den Euromaidan und die russische Aggression zwangen ihn zu einer „Stunde der Wahrheit“ und einer kritischen Selbstreflexion, die in Teilen als „Zeugnis der Desillusion – und der Empörung“ gewertet wurde. Doch sein Anliegen war tiefergehend: Er wollte die Rückkehr der Bedrohung in Europa thematisieren und eine Neubewertung des Verhältnisses von russischer und ukrainischer Geschichte anstoßen. Er betonte die Notwendigkeit, die Ukraine als eigenständiges Subjekt mit eigener historischer Vorstellung wahrzunehmen, statt sie nur als „Hinterhof“ oder „Objekt anderer“ zu betrachten (S. 38f.).

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Im Deutschland des Jahres 2015, das von der Flüchtlingskrise und dem Projekt „Nord Stream 2“ dominiert wurde, stießen Schlögels unbedingtes Eintreten für die ukrainische Nation und ihre europäische Ausrichtung bei vielen auf Unverständnis. Die Berichte über Nationalisten auf dem Maidan und Kämpfer in der Ostukraine prägten das Bild stärker, und Schlögels teils pathetischer Ton wurde als überzogen empfunden.

Urbane Porträts und die Rolle des Historikers

Abseits der politischen Brisanz bietet „Entscheidung in Kiew“ faszinierende Annäherungen an urbane Räume und ihre Geschichte. Schlögels acht Stadtporträts, entstanden in unterschiedlichen Phasen ukrainischer Geschichte – vor und nach der Jahrtausendwende sowie während der Krisenjahre 2014/15 –, zeugen von seiner meisterhaften Sprachkunst und tiefen Faszination für seine Themen. Diese Essays gewinnen angesichts der aktuellen Zerstörungen in Städten wie Charkiw oder Kiew eine beklemmende Dringlichkeit. Sie vermitteln eine Ahnung von den kommenden Katastrophen und Verlusten und verdeutlichen die besondere Position Schlögels als kritischer Analytiker und zugleich Anwalt seines Gegenstands.

Die Aufgabe der Zeithistoriker im Ernstfall

Angesichts des Krieges in der Ukraine, eines Epochenbruchs von globaler Bedeutung, stellt sich die Frage nach der konkreten Rolle von Zeithistorikern. Schlögel betont die moralische Verpflichtung, Partei zu ergreifen und mit den Ereignissen Schritt zu halten. Konkret bedeutet dies, historische Kontexte zu erklären, Falschinformationen entgegenzutreten und Medienauftritte zu nutzen, um Aufklärungsarbeit zu leisten.

Darüber hinaus ist die Erfassung von Quellenmaterial – Videos, Social-Media-Beiträge, Blogposts – für die zukünftige Geschichtsschreibung unerlässlich. Initiativen wie „Saving Ukrainian Cultural Heritage Online (SUCHO)“ setzen sich für die Sicherung des bedrohten kulturellen Erbes ein. Von zentraler Bedeutung ist jedoch die Unterstützung von Kolleginnen und Kollegen aus der Ukraine, die fliehen mussten, sowie von jenen in Russland und Belarus, die sich vom Krieg distanzieren. Hier sind unkomplizierte Stipendien und langfristige Programme gefragt. Auch wenn institutionelle Kooperationen mit russischen Einrichtungen ruhen, darf die Solidarität mit den russischen Kolleginnen und Kollegen nicht abreißen.

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Schlögel schließt mit der Frage, ob wir die „lange und qualvolle Zeit der Destabilisierung, der Fragmentierung, der Atomisierung“, die dem Aufbau einer Gegenwehr vorausgeht, aushalten werden. Die Antwort darauf liegt in der Hoffnung und der gemeinsamen Anstrengung, die Ukraine und ihre Menschen zu unterstützen und die historischen Zusammenhänge zu verstehen.

: https://www.fr.de/kultur/gesellschaft/karl-schloegel-entscheidung-in-kiew-die-chronik-eines-angekuendigten-todes-91381527.html
: https://www.perlentaucher.de/buch/karl-schloegel/entscheidung-in-kiew.html
: https://www.deutschlandfunkkultur.de/karl-schoegel-entscheidung-in-kiew-ein-zeugnis-der-100.html
: https://zzf-potsdam.de/de/news/angebot-fur-lehrkrafte-schulklassen-gesprache
: https://zeitgeschichte-online.de/themen/russlands-ueberfall-auf-die-ukraine-eine-zeitenwende
: https://www.sucho.org
: https://www.osmikon.de/news/nachricht-einzelansicht?tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Bnews%5D=116&cHash=59689be619025dfb179166eece309d70
: https://zeitgeschichte-online.de/themen/russlands-wissenschaftlerinnen-protestieren