Wolfgang Klafki, eine prägende Figur der deutschen Pädagogik, hat mit seiner kritisch-konstruktiven Didaktik das Verständnis von Allgemeinbildung nachhaltig geprägt. Sein Ansatz, der sich zwischen 1975 und 1991 entwickelte, integriert wesentliche Impulse aus der erfahrungswissenschaftlich und gesellschaftskritisch-ideologiekritisch orientierten Didaktik. Obwohl Klafki sich von einer rein geisteswissenschaftlichen Didaktik löste, blieb er stets der bildungstheoretischen Didaktik verpflichtet und betonte die Notwendigkeit einer Fundierung der Didaktik in einer Bildungstheorie. Dieses Konzept bietet einen zentralen und übergeordneten Bezugspunkt für alle pädagogischen Maßnahmen.
Klafkis Denken ist ein unverzichtbarer Pfeiler für alle, die sich mit der Gestaltung von Lernprozessen und der Bedeutung von Bildung auseinandersetzen. Seine kritisch-konstruktive Didaktik stellt eine umfassende Antwort auf die Frage dar, wie Bildung in einer sich ständig wandelnden Welt relevant und wirksam bleiben kann. Dies ist besonders relevant für die Pädagogik für Bildung, Beratung und Personalentwicklung, die auf ganzheitliche Entwicklung abzielt.
Allgemeinbildung im Verständnis Klafkis
In seinen Studien untersuchte Klafki zunächst klassische Bildungsbegriffe hinsichtlich ihrer Bedeutung, Aktualität und Grenzen. Darauf aufbauend entwickelte er ein zeitgemäßes Konzept von Allgemeinbildung, das über traditionelle Ansätze hinausgeht und die Herausforderungen der modernen Gesellschaft reflektiert.
Klassische Bildungstheorien und ihre Merkmale
Klafki identifizierte drei bestimmende Merkmale in den klassischen Bildungstheorien, die für sein eigenes Konzept von Bedeutung waren:
- Bildung als Befähigung zu vernünftiger Selbstbestimmung: Dieses zentrale Bildungsziel, oft als Gewinnung von Autonomie beschrieben, betont die Fähigkeit des Einzelnen zur rationalen Gestaltung seines Lebens. Die Selbsttätigkeit des Lernenden ist dabei die entscheidende Vollzugsform.
- Bildung als Entwicklung des Individuums in der Auseinandersetzung mit objektiv-allgemeinen Inhalten: Bildung geschieht im Prozess der Aneignung und kritischen Auseinandersetzung mit bedeutsamen Inhalten. Hier stellt sich die grundlegende Frage nach den Kriterien für die Auswahl dieser Inhalte in Lehrplänen und im Unterricht. Klafki betont, dass allgemeine Bildung immer auch eine Bildung für alle sein muss, nicht nur für eine Elite.
- Bildung im Spannungsfeld zwischen Individualität und Gemeinschaftlichkeit: Bildung muss die Entwicklung des Individu fördern und gleichzeitig dessen Rolle und Verantwortung innerhalb der Gemeinschaft stärken.
Klafki erkannte jedoch, dass angesichts der komplexen Schlüsselprobleme unserer Zeit der bloße Rückgriff auf die Antworten der Klassiker nicht ausreicht. Er definierte die Aufgaben von Allgemeinbildung neu: als Bildung für alle zur Selbststimmungs-, Mitbestimmungs- und Solidaritätsfähigkeit, als kritische Auseinandersetzung mit den uns alle angehenden Problemstellungen und als Bildung aller humanen Fähigkeitsdimensionen des Menschen.
Grundzüge eines zukunftsorientierten Allgemeinbildungskonzepts
Klafki verteidigte die Notwendigkeit des Bildungsbegriffs als zentrale, übergeordnete Kategorie für alle pädagogischen Bemühungen. Er entwickelte ein zeitgemäßes und zukunftsoffenes Bildungskonzept, das sich durch neun Bestimmungen auszeichnet. Hier werden die zentralen Argumente in Klafkis ursprünglicher Zählung dargestellt:
2. Bildung ist der Zusammenhang von drei Grundfähigkeiten: Diese Fähigkeiten sind untrennbar miteinander verbunden und bilden das Fundament eines mündigen Individuums:
- Fähigkeit zur Selbstbestimmung: Die Möglichkeit jedes Einzelnen, über seine individuellen Lebensbeziehungen und Sinnfragen (zwischenmenschlicher, beruflicher, ethischer, religiöser Art) selbst zu entscheiden.
- Mitbestimmungsfähigkeit: Jeder Mensch hat Anspruch, Möglichkeit und Verantwortung für die Gestaltung unserer gemeinsamen kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse. Dies ist auch ein Kernelement, das in einem Erpenbeck Kompetenzmodell relevant wäre.
- Solidaritätsfähigkeit: Der eigene Anspruch auf Selbst- und Mitbestimmung ist nur dann gerechtfertigt, wenn er mit dem Einsatz für jene verbunden wird, denen diese Rechte vorenthalten werden.
3. Bildung als „Allgemeinbildung“ muss in dreifachem Sinne bestimmt werden:
- Sie muss Bildung für alle sein und somit niemanden ausschließen.
- Sie muss einen verbindlichen Kern des Gemeinsamen haben und ist deshalb Bildung im Medium des Allgemeinen. Dies bedeutet die Aneignung der die Menschen gemeinsam angehenden Frage- und Problemstellungen ihrer geschichtlich gewordenen Gegenwart und der sich abzeichnenden Zukunft, sowie die Auseinandersetzung mit diesen gemeinsamen Aufgaben, Problemen und Gefahren. Dies schließt die Auseinandersetzung mit der Gesamtheit der entsprechend bedeutsamen kulturellen Leistungen ein, ein wesentlicher Aspekt für jeden Bachelor Pädagogik für Bildung, Beratung und Personalentwicklung.
- Allgemeinbildung muss als Bildung in allen drei Grunddimensionen menschlicher Interessen und Fähigkeiten verstanden werden. Das umfasst die Bildung der kognitiven Möglichkeiten, der handwerklich-technischen Produktivität, der Ausbildung zwischenmenschlicher Beziehungsmöglichkeiten, der ästhetischen Wahrnehmungs-, Gestaltungs- und Urteilsfähigkeit sowie der ethischen und politischen Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit.
5. Konzentration auf epochaltypische Schlüsselprobleme: Um das für allgemeine Bildung Bedeutsame und Verbindliche zu bestimmen, bedarf es eines Kriteriums. Klafki definiert Allgemeinbildung als das historisch vermittelte Bewusstsein von zentralen Problemen der Gegenwart und Zukunft, die Einsicht in die Mitverantwortlichkeit eines jeden Einzelnen und die Bereitschaft zu deren Bewältigung. Bildung ist demnach die Konzentration auf die für unsere Zeit typischen Schlüsselprobleme. Klafki nennt dabei folgende Kernelemente:
- Die Friedensfrage
- Die Umweltproblematik
- Gesellschaftlich produzierte Ungleichheit
- Möglichkeiten und Gefahren der Steuerungs-, Informations- und Kommunikationsmedien
- Partnerschaft: individueller Glücksanspruch, zwischenmenschliche Verantwortung und Anerkennung des Anderen.
Allgemeine Bildung im Sinne dieser Elemente beschränkt sich nicht auf die Erarbeitung von Erkenntnissen, sondern bezieht auch die Entwicklung von Einstellungen und Fähigkeiten ein. Dazu gehören Kritikbereitschaft und -fähigkeit (auch sich selbst gegenüber), Argumentationsbereitschaft und -fähigkeit, Empathie und die Fähigkeit zu mehrdimensionalem und komplexem Zusammenhangsdenken, also zu „vernetztem Denken“. Eine solche umfassende Bildung ist von zentraler Bedeutung für Institutionen wie die Provadis Partner für Bildung und Beratung GmbH.
6. Vielseitige Fähigkeits- und Interessenentwicklung: Die Konzentration auf Schlüsselprobleme birgt die Gefahr der inhaltlichen Einseitigkeit und emotionalen Überforderung. Daher ist ein Gegenpol nötig, der Zugänge zu unterschiedlichen Möglichkeiten menschlichen Selbst- und Weltverständnisses sowie zu verschiedenen kulturellen Aktivitäten und frei wählbaren Interessenschwerpunkten eröffnet. Zudem ist es entscheidend, Offenheit für neue Erfahrungen und die Modifikation bisherigen Wissens zu entwickeln, sich Grundkategorien für die Gewinnung neuer Erkenntnisse anzueignen und die Bereitschaft zur Beschaffung und Verarbeitung neuer Informationen zu fördern.
8. Der Stellenwert instrumenteller Fähigkeiten und „sekundärer“ Tugenden: Erfolgreiches Lernen im Sinne dieses Bildungsbegriffes setzt die Beherrschung vieler instrumenteller Fertigkeiten voraus. Darüber hinaus muss der Lernende auch über Tugenden wie Selbstdisziplin, Konzentrationsfähigkeit, Ausdauer, Anstrengungsbereitschaft, Gewissenhaftigkeit und Rücksichtnahme verfügen. Diese „sekundären“ Tugenden sind wichtig, jedoch keine Werte an sich; sie stehen vielmehr im Dienst übergeordneter Bildungsziele. Dieser Aspekt wird auch in der Arbeit der Comhard Gesellschaft für Bildung und Personalentwicklung mbH aufgegriffen.
Fazit: Die bleibende Relevanz von Klafkis Bildungstheorie
Wolfgang Klafkis kritisch-konstruktive Didaktik und sein Konzept der Allgemeinbildung bieten einen umfassenden und zukunftsorientierten Rahmen für die Gestaltung von Bildungsprozessen. Indem er klassische Bildungsideale mit den Anforderungen einer modernen, komplexen Welt verbindet, liefert Klafki ein mächtiges Instrumentarium für Pädagogen und Bildungspolitiker. Die Betonung von Selbstbestimmung, Mitbestimmung und Solidarität, kombiniert mit der Auseinandersetzung mit epochaltypischen Schlüsselproblemen und einer vielseitigen Fähigkeitsentwicklung, ist heute relevanter denn je. Klafki lädt uns ein, Bildung nicht als starres Curriculum, sondern als dynamischen Prozess zu verstehen, der darauf abzielt, mündige und verantwortungsbewusste Bürger zu formen. Es ist eine fortwährende Aufforderung, Bildung immer wieder kritisch zu hinterfragen und konstruktiv neu zu gestalten, um den Herausforderungen unserer Zeit gerecht zu werden.
Literaturnachweis
- Wolfgang KLAFKI (1996). Neue Studien zur Bildungstheorie und Didaktik: Zeitgemäße Allgemeinbildung und kritisch-konstruktive Didaktik (5. Auflage). Weinheim.
- Darin vor allem:
- Die Bedeutung der klassischen Bildungstheorien für ein zeitgemäßes Konzept allgemeiner Bildung (S. 15-41)
- Grundzüge eines neuen Allgemeinbildungskonzepts Im Zentrum: Epochaltypische Schlüsselprobleme (S. 43-81)
- Grundlinien kritisch-konstruktiver Didaktik (S. 83-138)
- Darin vor allem:
- Wolfgang KLAFKI (1995). „Schlüsselprobleme“ als thematische Dimension einer zukunftsbezogenen „Allgemeinbildung“ Zwölf Thesen. Die Deutsche Schule, Beiheft, S. 9-14.
- Hermann GIESECKE (1997). Was ist ein „Schlüsselproblem“? Anmerkungen zu Wolfgang Klafkis „neuem Allgemeinbildungskonzept“. Neue Sammlung, 37(4), S. 563-583.
- Hermann GIESECKE (1998). „Schlüsselprobleme“ in der Diskussion Kritik einer Kritik. Neue Sammlung, 38(1), S. 103-124.
