Die Welt der Finanzen erlebt eine Revolution. Während Zentralbanken weltweit die Entwicklung digitaler Währungen vorantreiben, werfen Kryptowährungen wie Bitcoin und private Stablecoins Fragen über die Zukunft der Geldpolitik auf. Die Bahamas haben im Oktober 2020 mit der Einführung des „Sand-Dollar“ als erste Nation eine digitale Zentralbankwährung (CBDC) auf den Markt gebracht. Bis heute forschen oder entwickeln über 50 Zentralbanken ähnliche digitale Währungen, darunter China mit seinem E-Yuan und die Europäische Zentralbank sowie die US-Notenbank Fed. Auch die Schweizerische Nationalbank (SNB) unternimmt Pilotstudien im Umgang mit digitalen Währungen im Bankensektor.
Im Gegensatz zu volatilen privaten Kryptowährungen wie Bitcoin bieten CBDCs einen stabilen Wert und sind leicht konvertierbar. Private Stablecoins wie Tether oder Binance stellen eine Zwischenform dar, gestützt durch offizielle Währungen und ausgegeben von privaten Emittenten, die über ausreichende liquide Mittel verfügen müssen. Angesichts dieser Entwicklungen stellt sich die entscheidende Frage: Beeinträchtigen Kryptowährungen das Kernmandat der Zentralbanken? Die Antwort ist vielschichtig und hängt davon ab, ob man von digitalen Zentralbankwährungen, privaten Stablecoins oder unbesicherten Kryptowährungen spricht.
Zahlungssysteme im Wandel
Eine zentrale Aufgabe von Zentralbanken ist die Bereitstellung eines effizienten und zuverlässigen Zahlungssystems. Digitale Zentralbankwährungen versprechen hier Effizienzgewinne durch sofortige Abwicklung von Forderungen. Private Stablecoins können zusätzliche Vorteile bieten, indem sie Wirtschaftsakteure direkt mit einer stabilen Rechnungseinheit verbinden. Allerdings sind Kryptowährungen auch mit Kosten verbunden. Sie können die Entstehung von Monopolanbietern, insbesondere bei Stablecoins, begünstigen und somit den wirtschaftlichen Wettbewerb einschränken. Emittenten erhalten Zugang zu umfangreichen Transaktionsdaten, was ihnen einen erheblichen Wettbewerbsvorteil verschafft und zu einer stärkeren Marktmacht auf Kosten der Verbraucher führen kann.
Kreditvergabe unter Druck?
Ein weiteres Mandat der Zentralbanken ist die Aufrechterhaltung eines effizienten Spar- und Kreditsystems. Kryptowährungen könnten die traditionelle Rolle von Banken als Intermediäre zwischen Sparern und Unternehmen grundlegend verändern. Vereinfacht ausgedrückt ermöglichen Bankeinlagen von privaten Haushalten den Banken, Kredite für Investitionen an Unternehmen zu vergeben. Wenn jedoch private Anleger ihr Geld stattdessen in Kryptowährungen oder digitale Zentralbankwährungen investieren, könnte die Fähigkeit der Banken, Kredite zu vergeben, abnehmen.
Aktuelle Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass das Risiko einer Schwächung der Banken als Intermediäre („Disintermediation Risk“) von der Struktur des Bankensystems abhängt. In Märkten mit geringem Wettbewerb können Kryptowährungen den Wettbewerb fördern, indem sie die Monopolmargen der Banken unter Druck setzen, wovon Kreditnehmer profitieren. In bereits wettbewerbsintensiven Märkten könnten die unter Druck geratenen Banken diese höheren Kosten jedoch an die Kreditnehmer weitergeben. Sollte es zu einer signifikanten Verlagerung von Einlagen hin zu digitalem Zentralbankgeld kommen, könnten Zentralbanken gegensteuern, indem sie ihrerseits in Bankeinlagen reinvestieren. Dies würde jedoch komplexe Governance-Fragen aufwerfen, da Zentralbanken sowohl Regulierungsbehörden als auch Hauptinvestoren wären.
Finanzstabilität im Fokus
Das dritte Mandat der Zentralbanken ist die Wahrung der Finanzstabilität. Digitale Währungen könnten das Risiko von Bankenstürmen erhöhen, da das Abheben von Spareinlagen nur einen Mausklick erfordern würde. Möglichkeiten zur Risikobegrenzung, wie negative Zinssätze für digitale Währungen oder Obergrenzen für in Wallets gehaltene Kryptowährungen, werden diskutiert.
Die Wirksamkeit dieser Strategien ist jedoch fraglich. Erstens behindern solche Maßnahmen die Effizienzgewinne digitaler Währungen. Zweitens sind sie möglicherweise nicht für alle Arten digitaler Währungen gleichermaßen praktikabel. Während eine Obergrenze für digitales Zentralbankgeld denkbar ist, lässt sie sich bei privaten Kryptowährungen kaum durchsetzen, da keine Regulierungsbehörde derzeit den vollständigen Überblick hat. Ein weiteres Risiko liegt in einer potenziell unzureichenden operativen und technischen Zahlungsinfrastruktur privater Kryptowährungs-Emittenten, einschließlich Risiken durch Cyberkriminalität oder IT-Sicherheit. Obwohl Ausfälle unwahrscheinlich sind, könnten sie schwerwiegende gesamtwirtschaftliche Folgen haben.
Der E-Dollar als potenzielle Gefahr?
Das vierte Mandat der Zentralbanken, die Preisstabilität, könnte ebenfalls beeinflusst werden. Können digitale Währungen den Transmissionsmechanismus der Geldpolitik behindern? Bei digitalem Zentralbankgeld oder Stablecoins, die an die heimische Währung gekoppelt sind, besteht diese Gefahr weniger. Tatsächlich könnte der Transmissionseffekt sogar verstärkt werden, wenn Zentralbanken negative Zinssätze direkt an Verbraucher weitergeben können, was jedoch die Attraktivität dieser digitalen Währungen schmälern würde.
Anders sieht die Situation aus, wenn private Akteure digitales Geld einer ausländischen Zentralbank halten. Insbesondere in Entwicklungs- und Schwellenländern, wo das Vertrauen in die heimische Zentralbank oft gering ist, könnte die Bevölkerung ihr Geld vermehrt in E-Dollar oder E-Euro anlegen, was die geldpolitische Autonomie des Landes gefährden und zu Wohlstandsverlusten führen würde. Ein Höchstwert für von Nicht-Gebietsfremden gehaltene digitale Zentralbankgelder könnte dieses Risiko zwar eindämmen, wäre jedoch in der Praxis schwer durchsetzbar. Darüber hinaus könnten wirtschaftspolitische Spillover-Effekte Länder negativ beeinflussen, die selbst keine Emittenten sind.
Stabilität als entscheidender Faktor
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Auswirkungen von Kryptowährungen auf die vier Hauptmandate der Zentralbanken unterschiedlich sind. Digitale Währungen werden wahrscheinlich die Effizienz des Zahlungssystems verbessern. Im Hinblick auf das Spar- und Kreditsystem bergen sie jedoch die Gefahr, die Funktion von Geschäftsbanken als Intermediäre zu schwächen, was stark vom Wettbewerbsgrad im Bankensektor abhängt. Zudem ergeben sich Governance-Fragen, falls Zentralbanken eine aktivere Rolle bei der Kreditvergabe übernehmen würden.
Was die Preisstabilität betrifft, könnte eine mögliche Flucht in ausländische E-Währungen in Entwicklungs- und Schwellenländern dieses Mandat gefährden, während Industrieländer weniger betroffen wären. Eine Herausforderung stellt auch die Finanzstabilität dar, da digitale Währungen die Funktion der Zentralbanken als „Kreditgeber der letzten Instanz“ unter Druck setzen könnten.
Quellen:
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