Was bedeutet “Kultur” im Deutschland des 21. Jahrhunderts?

Der Begriff “Kultur” ist allgegenwärtig, doch seine Bedeutung bleibt im alltäglichen Sprachgebrauch oft vage. Während die Geistes- und Sozialwissenschaften eine Fülle an Definitionen hervorbringen, kämpft die Gesellschaft mit der Komplexität dieses Wortes, das sich in zahllosen Komposita wie Alltagskultur, Diskussionskultur oder Populärkultur wiederfindet. Angesichts dieser Vielfalt ist es sinnvoller, von “Kulturbegriffen” im Plural zu sprechen, da sowohl verschiedene Disziplinen als auch unterschiedliche soziale Gruppen und Gesellschaften “Kultur” anders verstehen. Die Bedeutungsvielfalt wird durch die Akteure der politischen Bildung weiter vergrößert, was die klare Abgrenzung und einheitliche Definition erschwert.

Von der Landwirtschaft zur ganzheitlichen Lebensform

Die Wurzeln des Wortes “Kultur” liegen im lateinischen “colere”, was so viel wie “pflegen” oder “kultivieren” bedeutet und ursprünglich auf den Ackerbau verweist. Diese landwirtschaftliche Herkunft spiegelt einen zentralen Aspekt wider: das vom Menschen Geschaffene, Gestaltete – im Gegensatz zur natürlichen Welt. Über die Jahrhunderte hat sich die Bedeutung von der reinen Landwirtschaft auf die “pädagogische, wissenschaftliche und künstlerische ‘Pflege’ der individuellen und sozialen Voraussetzungen des menschlichen Lebens selbst” ausgeweitet. Kultur wird somit zum Modell für die Kultivierung einer Gesellschaft, zur Kunst, die das Überleben und die Entwicklung der Menschheit in Einklang mit der Natur sichert.

Im weitesten Sinne umfasst Kultur heute die gesamte vom Menschen geschaffene Welt – von geistigen Gütern über materielle Kunstprodukte bis hin zu sozialen Einrichtungen. Dies schließt die typischen Arbeits- und Lebensformen, Denk- und Handlungsweisen, Wertvorstellungen und geistigen Äußerungen einer Gemeinschaft ein, die im Zuge der Sozialisation erworben werden. Die schiere Menge an Definitionen, wie die von Kroeber und Kluckhohn bereits 1952 erfassten 175, verdeutlicht die Komplexität und die ständige Weiterentwicklung des Kulturbegriffs.

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Vielfalt der Kulturbegriffe: Eine Typologie

Andreas Reckwitz hat eine Typologie entwickelt, die vier Hauptarten von Kulturbegriffen unterscheidet und somit einen guten Überblick über die Debatten in Wissenschaft und Gesellschaft bietet:

1. Der normative Kulturbegriff

Dieser auf Wertungen und Vorschreibungen basierende Begriff grenzt eine anerkannte “Hochkultur” von der Massen- oder Alltagskultur ab. Er zeichnete sich im 19. Jahrhundert durch eine Fokussierung auf ästhetische Werke und “große” Künstler aus. Die Überwindung dieser engen Sichtweise hin zu einem wertneutralen Verständnis, das sowohl Hoch- als auch Volkskultur einschließt, markiert einen wichtigen Schritt in der Entwicklung des modernen Kulturbegriffs.

2. Der totalitätsorientierte Kulturbegriff

Im Gegensatz zum normativen Ansatz konzentriert sich dieser Kulturbegriff auf “ganze Lebensformen” – die Gesamtheit der Denk-, Handlungs- und Wahrnehmungsmuster von Kollektiven. Er erkennt die Vielfalt und Gleichwertigkeit unterschiedlicher Kulturen an und wird oft in der Anthropologie, Ethnologie und Volkskunde verwendet. Hierunter fällt auch das Interesse der anglo-amerikanischen “Cultural Studies” an Phänomenen der Alltags- und Populärkultur, die durch Rituale und Feste die kulturellen Werte einer Gesellschaft sichtbar machen und weitergeben.

3. Der differenztheoretische Kulturbegriff

Dieser Ansatz, der aus der Soziologie und Systemtheorie stammt, schränkt den Kulturbegriff radikal auf das “enge Feld der Kunst, der Bildung, der Wissenschaft und sonstiger intellektueller Aktivitäten” ein. Kultur wird hier als spezialisiertes Teilsystem der modernen Gesellschaft verstanden, das bestimmte funktionale Leistungen erbringt.

4. Der bedeutungs- und wissensorientierte Kulturbegriff

In den letzten fünfzehn Jahren hat sich eine fachübergreifende Präferenz für diesen semiotisch und konstruktivistisch geprägten Ansatz abgezeichnet. Kultur wird hier als der von Menschen geschaffene Gesamtkomplex von Vorstellungen, Denkformen, Empfindungsweisen, Werten und Bedeutungen verstanden, der sich in Symbolsystemen materialisiert. Dies schließt sowohl materielle Ausdrucksformen als auch die sozialen Institutionen und mentalen Dispositionen ein, die deren Entstehung ermöglichen. Konzepte wie “Kultur als Text” oder “Kultur als Zeichensystem” fallen in diese Kategorie.

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Funktionen von Kultur und die Akzeptanz der Vielfalt

Trotz der unterschiedlichen wissenschaftlichen Definitionen herrscht weitgehend Einigkeit darüber, dass Kultur vom Menschen gestaltet wird und nicht auf die “hohe” Elitenkultur beschränkt werden darf. Die erweiterte Perspektive berücksichtigt die heutige Medienkultur und entprivilegiert die sogenannte “hohe Kultur”. Kultur erfüllt wichtige Funktionen: Sie wirkt nach innen integrierend, indem sie zur Identitätsbildung beiträgt, und nach außen hierarchisch und ausgrenzend. Die Standardisierungen des Denkens, Fühlens und Handelns können jedoch auch zur Vernachlässigung der internen Heterogenität von Kulturen führen. Ansätze, die sich mit Inter-, Multi- und Transkulturalität beschäftigen, wirken dieser Tendenz entgegen.

Die Auseinandersetzung mit dem breiten Spektrum des Kulturbegriffs ist entscheidend, um die vielschichtigen Aspekte des menschlichen Zusammenlebens in Deutschland und weltweit zu verstehen. Wenn Sie tiefer in die Facetten der deutschen Lebensart eintauchen möchten, könnte Sie auch das Thema hamburger kultur interessieren, das einen spezifischen regionalen Aspekt beleuchtet. Die Vielfalt der Lebensstile in Deutschland lässt sich auch unter dem Blickwinkel des raum der lebensstile betrachten, der die verschiedenen Milieus und deren kulturelle Präferenzen untersucht.

Literatur

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  • Ders./Peter Matussek/Lothar Müller: Orientierung Kulturwissenschaft. Was sie kann, was sie will, Reinbek bei Hamburg 2000.
  • Daniel, Ute. “‘Kultur’ und ‘Gesellschaft’: Überlegungen zum Gegenstandsbereich der Sozialgeschichte”, in: Geschichte und Gesellschaft 19 (1993), S. 69-99.
  • Kroeber, Alfred L./Clyde Kluckhohn: Culture. A Critical Review of Concepts and Definitions, Cambridge/Mass. 1952.
  • Nünning, Ansgar (Hrsg.): Metzler-Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Ansätze – Personen – Grundbegriffe, 4. Aufl., Stuttgart/Weimar 2008 [1998].
  • Ders./Vera Nünning (Hrsg.): Einführung in die Kulturwissenschaften: Theoretische Grundlagen – Ansätze – Perspektiven, Stuttgart 2008 (aktualisierter Nachdruck des Bandes Konzepte der Kulturwissenschaften: Theoretische Grundlagen – Ansätze – Perspektiven, Stuttgart 2003).
  • Ort, Claus-Michael: “Kulturbegriffe und Kulturtheorien”, in: Ansgar Nünning/Vera Nünning (Hrsg.), a.a.O., S. 19-38.
  • Posner, Roland: “Kultursemiotik”, in: Ansgar Nünning/Vera Nünning (Hrsg.), a.a.O., S. 39-72.
  • Reckwitz, Andreas: Die Transformation der Kulturtheorien. Zur Entwicklung eines Theorieprogramms, Weilerswist 2000.
  • Reckwitz, Andreas: “Die Kontingenzperspektive der ‘Kultur’. Kulturbegriffe, Kulturtheorien und das kulturwissenschaftliche Forschungsprogramm”, in: Friedrich Jaeger/Jörn Rüsen (Hrsg.): Handbuch Kulturwissenschaften. Band 3: Themen und Tendenzen, Stuttgart/Weimar 2004, S. 1-20.
  • Schmidt, Siegfried J.: Kalte Faszination. Medien, Kultur, Wissenschaft in der Mediengesellschaft, Weilerswist 2000.
  • Sommer, Roy: Fictions of Migration: Ein Beitrag zur Theorie und Gattungstypologie des zeitgenössischen interkulturellen Romans in Großbritannien, Trier 2001.
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