Warum zahlen Raucher oft höhere Beiträge für eine Risikolebensversicherung als Nichtraucher? Die Antwort liegt in der Versicherungsmathematik und der statistisch nachweisbaren höheren Sterblichkeit von Rauchern. Um diese Risiken fair und präzise zu bewerten, verwenden Versicherungsunternehmen spezielle Berechnungsgrundlagen. Eine zentrale Rolle spielen dabei die Raucher- und Nichtrauchersterbetafeln, die von der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV) entwickelt und empfohlen werden. Diese Tafeln sind das Fundament für eine solide und gerechte Kalkulation von Lebensversicherungen mit Todesfallcharakter.
Die Notwendigkeit, zwischen Rauchern und Nichtrauchern zu unterscheiden, führte zur Entwicklung spezifischer Sterbetafeln. Bereits von 2006 bis 2008 führte eine Arbeitsgruppe der DAV umfassende Untersuchungen durch, um die bis dahin gültigen Annahmen zu überprüfen. Das Ergebnis war eine neue Richtlinie, die bis heute als maßgeblicher Standard gilt und deren Aktualität zuletzt 2018 bestätigt wurde. Für Versicherte ist das Verständnis dieser Grundlagen wichtig, um die Beitragsgestaltung nachvollziehen zu können, insbesondere bei Modellen wie der risikolebensversicherung paare, wo der Status beider Partner eine Rolle spielt.
Die DAV 2008 T R und NR als Branchenstandard
Das Kernstück der Richtlinie sind die Sterbetafeln mit den Bezeichnungen DAV 2008 T R (für Raucher) und DAV 2008 T NR (für Nichtraucher). Diese wurden auf Basis der allgemeinen Sterbetafel DAV 2008 T, einer sogenannten Aggregattafel, hergeleitet. Seit dem Bilanzstichtag 2009 gelten sie als Mindeststandard für die Berechnung der Deckungsrückstellungen bei Tarifen, die nach dem Raucherstatus differenzieren. Sie stellen sicher, dass Versicherer ausreichende finanzielle Mittel vorhalten, um ihre zukünftigen Verpflichtungen zu erfüllen.
Eine Überprüfung im Jahr 2018 bestätigte, dass diese Tafeln weiterhin eine angemessene Grundlage für die Reservierung darstellen. Die Analyse zeigte, dass die Annahmen bezüglich der Raucheranteile in der Bevölkerung und der Übersterblichkeit von Rauchern im Vergleich zu Nichtrauchern nach wie vor valide sind. Dies gibt sowohl den Versicherungsunternehmen als auch den Kunden die Sicherheit, dass die Kalkulationen auf einem soliden und aktuellen Fundament stehen, was besonders bei langfristigen Verträgen wie einer lebenslange risikolebensversicherung von entscheidender Bedeutung ist.
Wann sind Abweichungen von den Standardtafeln möglich?
Obwohl die DAV-Tafeln den Standard vorgeben, sind sie nicht in Stein gemeißelt. Die Richtlinie sieht ausdrücklich vor, dass unter bestimmten Voraussetzungen weniger konservative, also günstigere, Annahmen getroffen werden dürfen. Dies ist jedoch an strenge Bedingungen geknüpft:
- Sorgfältige Sterblichkeitsuntersuchungen: Wenn ein Versicherer durch eigene Datenanalysen nachweisen kann, dass die tatsächliche Sterblichkeit in seinem Versichertenbestand signifikant niedriger ist als von den DAV-Tafeln prognostiziert, kann er auf Teile des eingerechneten Sicherheitszuschlags verzichten. Ein niedriges Sterblichkeitsniveau im Gesamtbestand allein reicht jedoch nicht aus. Es könnte auch durch einen unterdurchschnittlich niedrigen Raucheranteil verursacht sein, während die Sterblichkeit der Nichtraucher im Bestand nicht besser ist als in der Standardtafel.
- Besondere Bestandszusammensetzung: Umgekehrt kann ein Unternehmen mit einem nachweislich überdurchschnittlich hohen Raucheranteil im Bestand unter Umständen die Standardtafeln für Raucher und Nichtraucher absenken, selbst wenn die Gesamtsterblichkeit nicht unter dem Niveau der Aggregattafel liegt.
- Unternehmensindividuelle Tafeln: Versicherer mit sehr großen und datenreichen Beständen haben die Möglichkeit, komplett eigene Sterbetafeln zu entwickeln. Diese müssen jedoch den methodischen Mindeststandards der DAV genügen und versicherungsmathematisch fundiert sein. Solche individuellen Analysen berücksichtigen auch Risiken, die über das Rauchen hinausgehen, wie sie etwa bei einer unfall lebensversicherung relevant sind.
Die Verantwortung des Aktuars und die Grenzen der Anwendung
Die Entscheidung, ob die Standardtafeln verwendet oder angepasst werden, liegt letztlich beim Verantwortlichen Aktuar des jeweiligen Unternehmens. Er oder sie muss prüfen, ob unternehmensindividuelle Gegebenheiten gegen eine unveränderte Übernahme der Richtlinien sprechen. Dazu gehört die Analyse des eigenen Kundenbestands, der Produktstruktur und der Vertriebswege. Der Aktuar stellt sicher, dass die verwendeten Rechnungsgrundlagen für das spezifische Unternehmen und seine Produkte angemessen sind.
Die Sterbetafeln DAV 2008 T R und NR eignen sich grundsätzlich auch für die Beitragskalkulation. Hierdurch wird sichergestellt, dass die Prämien das tatsächliche Risiko widerspiegeln. Es gibt jedoch eine wichtige Einschränkung: Für Tarife ohne Gesundheitsprüfung, wie zum Beispiel Sterbegeldversicherungen, sind diese Tafeln nicht geeignet. Bei solchen Produkten kann der Versicherer das Risiko nicht individuell einschätzen, was eine andere, vorsichtigere Kalkulationsgrundlage erfordert. Eine Ausnahme können spezielle Produkte sein, wie eine risikolebensversicherung ohne gesundheitsprüfung ergo, die oft spezifische Bedingungen und Annahmen haben.
Fazit
Die Raucher- und Nichtrauchersterbetafeln der DAV sind ein unverzichtbares Instrument für die deutsche Lebensversicherungsbranche. Sie schaffen einen verlässlichen und transparenten Standard für die Bewertung von Sterblichkeitsrisiken und sorgen so für eine faire Beitragsgestaltung. Gleichzeitig bietet das System die notwendige Flexibilität, um den Besonderheiten einzelner Versicherungsunternehmen gerecht zu werden, solange dies auf einer soliden aktuariellen Grundlage geschieht. Für Verbraucher bedeutet dies, dass die Unterscheidung zwischen Rauchern und Nichtrauchern nicht willkürlich ist, sondern auf fundierten, statistischen Daten beruht, die eine gerechte Verteilung der Risiken im Kollektiv gewährleisten. Komplexe Versicherungsprodukte wie eine über kreuz lebensversicherung basieren ebenfalls auf diesen präzisen Risikobewertungen.
