Bildungs- und Lerngeschichten sind mehr als nur Notizen über die Aktivitäten von Kindern; sie sind ein tiefgreifendes pädagogisches Werkzeug, das darauf abzielt, die individuellen Lernprozesse jedes Kindes zu verstehen, wertzuschätzen und zu fördern. Dieser Ansatz, der auf einer sorgfältigen Beobachtung basiert, rückt die einzigartigen Bildungswege der Kinder in den Mittelpunkt und ermöglicht es ihnen, ihre eigenen Erfahrungen zu reflektieren und sich als kompetente Lerner zu erfahren. Sie sind ein wesentlicher Bestandteil der Portfolioarbeit und werden oft durch Fotos der Lernsituationen visuell unterstützt, was den Kindern und Eltern einen lebendigen Einblick in die Entwicklung gewährt.
Der Kern dieses Ansatzes liegt in der Anerkennung und Förderung von Partizipation, Wohlbefinden und Exploration. Er versteht Lernen als einen integrierten Prozess, der soziale, emotionale und kognitive Aspekte umfasst und die wechselseitige Beziehung zwischen dem Kind und seiner Lernumgebung betont. Im Gegensatz zu traditionellen Beobachtungsmethoden, die oft auf die Überprüfung standardisierter Fähigkeiten abzielen, konzentrieren sich Bildungs- und Lerngeschichten auf die Entwicklung des Lernvermögens und die Stärken jedes Kindes. Dies fördert ein positives Selbstbild und legt den Grundstein für lebenslanges Lernen. Die Arbeit mit diesen Geschichten bereichert nicht nur den Kindergartenalltag durch intensiven Austausch im Team und mit den Eltern, sondern stärkt auch das Gefühl der Zugehörigkeit und des Wertes bei jedem Kind.
Die fünf zentralen Lerndispositionen
Das Fundament des Ansatzes der Bildungs- und Lerngeschichten bilden die fünf Lerndispositionen. Diese beschreiben ein Repertoire an Lernstrategien und Motivationen, mit denen Kinder Lerngelegenheiten erkennen, auswählen, darauf reagieren und sie erweitern. Sie sind entscheidend dafür, wie Kinder sich mit neuen Anforderungen auseinandersetzen und ihre Lernumgebung aktiv mitgestalten. Diese Dispositionen sind nicht an spezifische Inhalte gebunden, sondern manifestieren sich in allen Lebensbereichen und Tätigkeiten eines Kindes, stets im Zusammenspiel von Person und Situation.
1. Interessiert sein
Diese Disposition beschreibt das grundlegende Interesse eines Kindes an seiner Umwelt. Wenn Kinder interessiert sind, widmen sie sich aufmerksam Dingen oder Personen, was den Erwerb von Fähigkeiten und Kenntnissen anregt. Eine anregende Lernumgebung, die Neugier weckt, ist hierfür die wichtigste Voraussetzung. Anzeichen dafür sind aufmerksamer Blickkontakt, das eigenständige Suchen nach Aufgaben, das Wahrnehmen von Angeboten und das Stellen von Fragen.
2. Engagiert sein
Engagement bedeutet die Bereitschaft und Fähigkeit, sich auf eine Sache einzulassen und über längere Zeit vertieft damit auseinanderzusetzen. Kinder, die engagiert sind, lassen sich nicht leicht ablenken, zeigen tiefe Konzentration und Freude an ihrer Tätigkeit. Dies kann sich in verbalen Äußerungen des Erstaunens, im Ausprobieren von Neuem oder in wiederholten Handlungen zeigen. Die Voraussetzung hierfür ist eine Situation, die ungestörtes, langes Arbeiten ermöglicht.
3. Standhalten bei Herausforderungen und Schwierigkeiten
Diese Lerndisposition umfasst die Fähigkeit, auch bei Hindernissen nicht aufzugeben, sondern nach Lösungen zu suchen und aus Fehlern zu lernen. Kinder, die diese Stärke zeigen, probieren Neues aus, erweitern ihre Grenzen und entwickeln eigene Lösungsstrategien. Eine bestätigende Lernumgebung, in der Fehler als Lernchance betrachtet werden, ist hier essenziell. Merkmale sind Hartnäckigkeit, das Entwickeln von Alternativen und das Zulassen von Frustration als Teil des Prozesses.
4. Sich ausdrücken und mitteilen
Hierbei geht es um die Fähigkeit von Kindern, ihre Ideen, Gefühle und Wünsche vielfältig auszudrücken und sich mit anderen auszutauschen. Kinder, die sich mitteilen können, erleben sich als wichtige Gesprächspartner und nutzen verschiedene Ausdrucksformen. Die Voraussetzung ist eine Situation, in der ihnen aufmerksam zugehört wird und sie sich sprachlich frei fühlen. Dies zeigt sich im Singen, Malen, Rollenspiel oder im aktiven Suchen von Interaktion.
5. An einer Lerngemeinschaft mitwirken und Verantwortung übernehmen
Diese Disposition fördert das Mitgestalten in Gruppen, das Einnehmen anderer Perspektiven und die Entwicklung eines Verständnisses von Recht und Unrecht. Kinder lernen, Entscheidungen zu treffen, sich und ihre Bedürfnisse zu artikulieren und im Austausch mit anderen Strategien zu entwickeln. Eine förderliche Lernumgebung, die gemeinsames Arbeiten und Verantwortung für Menschen oder Dinge ermöglicht, ist hierfür entscheidend. Interesse an den Ideen anderer und das Aufgreifen von Vorschlägen sind typische Anzeichen.
Die Rolle der Erwachsenen und der Nutzen für alle Beteiligten
Erwachsene spielen eine entscheidende Rolle im Ansatz der Bildungs- und Lerngeschichten. Sie sind dafür verantwortlich, Lerngelegenheiten zu schaffen, die Kinder wertschätzen und fördern. Durch das Zeigen, Erklären und gemeinsame Fragenbeantworten unterstützen sie den Wissens- und Fähigkeitserwerb.
Der Ansatz bietet zahlreiche Vorteile:
- Für das Kind: Erhöhte Aufmerksamkeit, Wertschätzung individueller Stärken, intensive Dialoge mit Fachkräften, Mitspracherecht bei der Dokumentation und das Erleben als kompetenter Lerner.
- Für die pädagogische Fachkraft: Vertiefter Einblick in die Entwicklungsprozesse der Kinder, Erweiterung der Beobachtungs- und Reflexionsfähigkeiten, besseres Verständnis von kindlichem Lernen und eine verbesserte professionelle Kommunikation mit Eltern und Kollegen.
- Für das Team: Intensive fachliche Kommunikation, Austausch über Kinder, Stärkung der gegenseitigen Wertschätzung und Förderung der Professionalität.
- Für die Eltern: Einblicke in die Bildungsstätte, detaillierte Informationen über die Lern- und Entwicklungsprozesse ihres Kindes und ein erleichterter Erfahrungsaustausch mit den Fachkräften.
Die sorgfältige Formulierung der Bildungs- und Lerngeschichten, die kindgerechte Sprache, die Berücksichtigung des Entwicklungsstandes und die Betonung von Stärken sind dabei von großer Bedeutung. Optional können auch Ideen für nächste Schritte formuliert werden, um den Lernprozess weiter zu begleiten. Ein gut strukturierter Beobachtungsbogen, der Aspekte wie Ausgangslage, Handlungsverlauf und die Analyse der Lerndispositionen berücksichtigt, unterstützt diesen Prozess maßgeblich. Ein Beispiel hierfür wäre ein Bogen, der Name, Alter, Beobachtungszeitraum, Beobachter und eine detaillierte Beschreibung des Geschehens festhält.
Diese fundierte Dokumentation ermöglicht es, den individuellen Lernweg jedes Kindes sichtbar zu machen und eine wertschätzende, fördernde Lernumgebung zu schaffen.
