Kinder lernen ganzheitlich, indem sie Denken, Fühlen und Handeln miteinander verbinden. Der Bildungsauftrag im Kindergarten versteht Bildung primär als Selbstbildung, bei der das Kind seine Welt aktiv gestaltet. Um diese eigenaktiven Lernprozesse zu unterstützen, ist es unerlässlich, die Bildungs- und Lerngeschichten der Kinder durch Beobachtung und Dokumentation zu verstehen. Der Ansatz der “Bildungs- und Lerngeschichten”, basierend auf dem neuseeländischen Konzept “Learning Stories” von Margaret Carr, bietet hierfür einen narrativen und ganzheitlichen Zugang, der über standardisierte Beobachtungsverfahren hinausgeht. Dieses pädagogische Werkzeug rückt die Art und Weise, wie Kinder lernen, in den Fokus und stärkt ihre Kompetenzwahrnehmung.
Der Kern des Ansatzes: Erzählungen über Bildungsprozesse
Bei den Bildungs- und Lerngeschichten geht es darum, narrative Erzählungen über die Bildungsprozesse eines Kindes zu verfassen. Dieser Ansatz betont, dass Lernen ein komplexer Prozess ist, der nicht isoliert vom Umfeld des Kindes betrachtet werden kann. Die Geschichten berücksichtigen daher nicht nur das Kind selbst, sondern auch dessen soziale Beziehungen, die Lernumgebung und die spezifischen Situationen, in denen Lernprozesse stattfinden. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Einbeziehung der beobachtenden Erzieherin, deren Wahrnehmungen und Bedeutungszuweisungen ebenfalls Teil der Lerngeschichte werden. Im Mittelpunkt steht dabei, wie Kinder lernen, weniger was sie lernen.
Lerndispositionen als Schlüsselkompetenzen
Ein zentrales Element der Bildungs- und Lerngeschichten sind die Lerndispositionen. Diese werden als komplexe Orientierungs- und Handlungsmuster verstanden, die die Bereitschaft eines Kindes widerspiegeln, sich aktiv mit seiner Umwelt auseinanderzusetzen und Wissen sowie Fertigkeiten anzueignen. Gut entwickelte Lerndispositionen sind entscheidend für die Teilhabe an modernen Gesellschaften und umfassen Fähigkeiten wie eigenständiges Wissenserwerben, Einleiten und Aushalten von Veränderungen sowie Teamarbeit. Der Ansatz zielt darauf ab, die Stärken und Ressourcen jedes Kindes hervorzuheben und sein Selbstbild als kompetenter Lerner zu stärken. Das Deutsche Jugendinstitut (DJI) unterscheidet in seinem Projekt fünf zentrale Lerndispositionen: Interesse zeigen, sich vertieft beschäftigen, Herausforderungen standhalten, sich ausdrücken und mitteilen sowie an der Lerngemeinschaft mitwirken und Verantwortung übernehmen.
Der Prozess: Vier Schritte zur Lerngeschichte
Die Arbeit mit Bildungs- und Lerngeschichten ist ein dynamischer Prozess, der in vier miteinander verzahnte Schritte unterteilt werden kann:
Das Beschreiben: Die Erzieherin beobachtet das Kind in einer Alltagssituation und dokumentiert präzise die Handlungen und den Kontext, ohne vorwegnehmende Bewertungen. Anschließend werden die beobachteten Lerndispositionen, Lernvorgänge sowie gezeigte Fähigkeiten und Kenntnisse festgehalten. So zeigt das Beispiel Lisa (3,5 Jahre), wie sie zunächst zögerlich, dann aber lachend und eigenständig die Wippe für sich entdeckt, nachdem sie anderen Kindern geholfen hat.
Die Diskussion: Die schriftlichen Beobachtungen werden im Team diskutiert, um verschiedene Sichtweisen, auch die von Eltern und des Kindes selbst, einzubeziehen und übereinstimmende Deutungen zu entwickeln. Dies ermöglicht es, die Entwicklung des Kindes im Gesamtzusammenhang zu betrachten.
Die Entscheidung: Basierend auf den Diskussionen werden angemessene Reaktionen und Fördermaßnahmen für die individuelle Entwicklung des Kindes festgelegt. Ziel ist es, die vorhandenen Lerndispositionen zu festigen und zu erweitern, wie im Fall von Lisa, wo entschieden wurde, ihr ausreichend Zeit und Raum für ihre motorischen Fähigkeiten und Ausdauer zu geben.
Die Dokumentation: Die gesammelten Lerngeschichten werden in einer ansprechenden Form aufbereitet und allen Beteiligten zugänglich gemacht, um einen fortlaufenden Reflexionsprozess anzustoßen. Dies kann insbesondere durch die Erstellung von Portfolios geschehen, die visuelle und schriftliche Elemente vereinen und die Selbstwahrnehmung des Kindes als kompetenter Lerner fördern.
Der Mehrwert von Bildungs- und Lerngeschichten
Die Arbeit mit Bildungs- und Lerngeschichten führt zu einem grundlegenden Umdenken in der pädagogischen Praxis. Erzieherinnen und Erzieher entwickeln ein tieferes Verständnis für ihre eigene Rolle und reflektieren ihre Handlungen bewusster. Der Blick auf die Kinder verändert sich hin zu einer aufmerksameren und differenzierteren Wahrnehmung ihrer individuellen Lernwege und Lösungsstrategien. Der regelmäßige Austausch im Team stärkt die Professionalität und das Gefühl der Sicherheit in der pädagogischen Arbeit. Die Einbeziehung von Eltern und Kindern in die Dokumentation intensiviert den Dialog über Bildungsprozesse und fördert eine partnerschaftliche Zusammenarbeit. Kinder erleben durch ihre Lerngeschichten, dass ihre individuellen Lernwege anerkannt und wertgeschätzt werden.
Vorbereitende Überlegungen für die Praxis
Die erfolgreiche Implementierung von Bildungs- und Lerngeschichten erfordert sorgfältige Vorbereitung im Team. Die Bereitschaft zur Veränderung pädagogischer Haltungen und Arbeitsweisen muss geklärt sein, und es bedarf ausreichend Ressourcen für den anfänglichen Mehraufwand. Eine Anpassung des Zeitmanagements ist notwendig, um regelmäßige Zeiten für Beobachtung, Dokumentation und Austausch zu gewährleisten. Reflektion über eigene Lernerfahrungen und ein klares Verständnis von Bildung und kompetentem Lernen sind ebenfalls essenziell. Fortbildungsmaterialien, wie sie vom DJI entwickelt wurden, können dabei unterstützen, sich mit offenen Beobachtungstechniken und Dokumentationspraktiken vertraut zu machen.
Portfolios als Herzstück der Dokumentation
Ein Portfolio zur Dokumentation von Bildungs- und Lerngeschichten sollte eine ausgewogene Mischung aus visuellen und schriftlichen Inhalten bieten. Es ist weit mehr als eine reine Ablage von Kinderprodukten; vielmehr werden Materialien mit Aussagen des Kindes oder erläuternden Kommentaren der Erzieherinnen versehen. Typische Bestandteile eines Portfolios umfassen:
- Vorstellung des Kindes/Selbstporträt: Eine persönliche Einleitung durch das Kind selbst.
- Vorstellung der Familie: Elemente, die die familiäre Herkunft des Kindes darstellen.
- Dokumentation des ersten Tages/Eingewöhnung: Erfassung der ersten Eindrücke und Aktivitäten.
- Lerngeschichten des Kindes: Das Kernstück, angereichert mit Fotos, Beobachtungsnotizen und kindlichen Äußerungen.
- Projektarbeiten: Kurze Dokumentationen von Projekten, an denen das Kind teilgenommen hat.
- Werke des Kindes: Vom Kind ausgewählte Arbeiten, die mit Erklärungen versehen sind.
- „Was Kinder sagen”: Eine Sammlung von Aussagen und Schreibübungen des Kindes.
- „Was Eltern sagen”: Rückmeldungen und Erlebnisse aus Sicht der Eltern.
- Erlebnisse in der Familie: Dokumentation von familiären Ereignissen, in Kooperation mit den Eltern.
Durch die konsequente Anwendung des Ansatzes der Bildungs- und Lerngeschichten wird ein tieferes Verständnis für die individuellen Lernwege jedes Kindes ermöglicht und eine wertschätzende, kompetenzorientierte Pädagogik gefördert.
