Im Herzen des Rheinviertels von Berlin-Karlshorst, einer ruhigen Wohngegend geprägt von kleinteiligen Bauten, liegt die Lew-Tolstoi-Schule. Seit zwei Jahrzehnten ist diese traditionsreiche deutsch-russische Schule ein fester Bestandteil der lokalen Bildungslandschaft. Mit ihrer jüngsten Erweiterung durch die Architekturbüros AFF, Tjark Spille und Hans Christian Schink wurde nicht nur der Bestandsbau der Berliner DDR-Schultypenreihe SK funktional ergänzt, sondern auch ein zukunftsweisendes pädagogisches Konzept architektonisch umgesetzt, das modernes Lernen und Gemeinschaft fördert.
Die Notwendigkeit einer Erweiterung ergab sich aus dem Wunsch, den vorhandenen Raum optimal zu nutzen und den steigenden Anforderungen an zeitgemäße Bildung gerecht zu werden. Das ursprüngliche Schulgebäude, ein funktionaler Gebäudeflügel mit einem östlich angegliederten Treppenhaus und Nebenräumen, bildete den Ausgangspunkt für das neue Konzept. Die Architekten knüpften genau an diesem Punkt an und entwickelten ein differenziertes Ensemble von sogenannten Cluster-Räumen, die sich harmonisch an den bestehenden Bau anschließen und das städtische Umfeld neu zonieren.
Städtebauliche Integration und Neudefinition des Raums
Die architektonische Vision ging über die bloße Funktionserweiterung hinaus. Durch die geschickte Platzierung des dreigeschossigen Neubaus entstand zwischen den Schulgebäuden und der rückwärtig platzierten Sporthalle ein hochwertiger, optimal nutzbarer Außenraum. Dieser neue Freiraum dient den Schülern und Lehrkräften als Ort der Begegnung, des Spiels und der Erholung und bereichert das gesamte Schulgelände erheblich.
An der Nordostseite, im Übergang zwischen Bestands- und Neubau, wurde zudem ein kleiner Vorplatz geschaffen, der die neue Adresse der Schule markiert. Hier werden die Schüler von einer Skulptur aus Aluminiumguss empfangen, die von Sven Kalden entworfen wurde. Sie ist eine Hommage an Valentina Tereschkowa, die erste Kosmonautin im Weltraum, die bereit für den Start am Eingang ihrer Raumkapsel wartet, um neue Sphären zu erobern. Diese symbolische Geste unterstreicht den Geist des Aufbruchs und der Entdeckung, der die Schule prägt.
Die moderne Fassade der Lew-Tolstoi-Schule in Berlin-Karlshorst, ein Mix aus Glas und Putz.
Funktionale Vorteile und architektonische Details
Bei der Planung der Gebäudestruktur wurden zahlreiche strukturelle und funktionale Vorteile berücksichtigt. Minimale Eingriffe in den Bestandsbau, die Möglichkeit der Bauausführung während des laufenden Schulbetriebs und die doppelte Nutzung des vorhandenen Treppenhauses für den Erweiterungsbau waren zentrale Kriterien. Folgerichtig setzt der Erweiterungsbau die Geschossigkeit des Bestandsgebäudes fort, reduziert jedoch die Kubatur zu einem kompakten dreigeschossigen Baukörper. Alle Geschosse von Alt- und Neubau sind miteinander verbunden, was eine nahtlose Integration und effiziente Nutzung ermöglicht.
Die Fassadengestaltung ist ein weiteres Highlight des Projekts. Die monochrome Fassade erhält durch eine Variation unterschiedlicher Oberflächen eine subtile Textur und Lebendigkeit. Glasierte und profilierte Fliesen wechseln sich mit matten Putzflächen ab und werden durch großformatige Betonformteile und Fensterbänder gegliedert. Bodentiefe Verglasungen und Eingangsbereiche sind durch umlaufende Betonwände akzentuiert und geschützt, was dem Gebäude eine klare und moderne Ästhetik verleiht. Diese Gestaltung spiegelt die Ernsthaftigkeit und zugleich die Offenheit des Lernortes wider.
Innenansicht der Lew-Tolstoi-Schule mit modernen Lernbereichen und viel natürlichem Licht.
Das Konzept der “Schulstraße” und flexible Lernumgebungen
Die Grundrissorganisation des neuen Erdgeschosses setzt den bestehenden Hauptzugang am Römerweg fort. Gleichzeitig wird eine neue “Schulstraße” geformt, die alle Erschließungskomponenten, Alt- und Neubau, öffentliche Räume und Schulhöfe sowie deren Zugänge miteinander verbindet. Entlang dieser zentralen Achse sind die besonderen Nutzungen der Schule angeordnet. Die nun zusammengeführte Verwaltung befindet sich mit guter Übersicht im Eingangsbereich und zu den Pausenflächen. Die Mensa bietet die Option, den Außenbereich für Mahlzeiten zu nutzen, was bei schönem Wetter zusätzliche Aufenthaltsqualität schafft.
Die beiden Obergeschosse beherbergen alle Räume für den allgemeinen Unterricht, ergänzt durch Förder- und Gruppenräume. Diese wurden bewusst im Zusammenspiel angeordnet, um kurze Wege und Synergien zwischen Unterricht und Nachmittagsbetreuung zu gewährleisten. Hierdurch entstehen abwechslungsreiche Zirkulationsflächen mit einer hohen Aufenthaltsqualität für die Pausenzeiten, die durch Sitznischen und Ausblicke auf die Schulhöfe akzentuiert werden. Die skulpturalen Fassadenelemente geben diese offenen Begegnungsräume auch in der Fassade wieder und laden zu Interaktion und Entspannung ein.
Die “Cluster-Räume” sind ein Kernstück des pädagogischen Ansatzes der Schule. Sie ermöglichen flexible Lernsettings, die sowohl individuelles Arbeiten als auch Gruppenprojekte und frontalunterrichtliche Phasen unterstützen. Diese Raumkonzeption fördert kooperatives Lernen, Kreativität und eine stärkere Eigenverantwortung der Schüler. Die kurzen Wege zwischen den Unterrichtsräumen und den dazugehörigen Gruppen- und Förderräumen erleichtern zudem die individuelle Betreuung und bieten den Lehrkräften die Möglichkeit, schnell auf die Bedürfnisse der Lernenden einzugehen.
Übersicht des Schulhofs und der Gebäudeteile der Lew-Tolstoi-Schule aus der Vogelperspektive.
Eine Schule für die Zukunft
Die Erweiterung der Lew-Tolstoi-Schule in Karlshorst ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie moderne Architektur die pädagogische Arbeit unterstützen und einen inspirierenden Lernort schaffen kann. Durch die harmonische Verbindung von Alt- und Neubau, die Schaffung vielfältiger Innen- und Außenräume und die Fokussierung auf flexible Lernumgebungen wurde ein Gebäude geschaffen, das den Anforderungen einer modernen Schule in jeder Hinsicht gerecht wird. Es ist ein Ort, an dem Schüler nicht nur Wissen erwerben, sondern auch soziale Kompetenzen entwickeln und sich in einer ansprechenden Umgebung wohlfühlen können.
Diese architektonische Leistung trägt maßgeblich dazu bei, die Lew-Tolstoi-Schule als führende Bildungseinrichtung in Berlin-Karlshorst zu positionieren und bietet den Schülern eine optimale Grundlage für ihre persönliche und akademische Entwicklung. Es ist ein Bauwerk, das die Vision eines Lernens für das 21. Jahrhundert greifbar macht und die Gemeinschaft der Lew-Tolstoi-Schule auf lange Sicht stärkt.
Detailansicht der Fassadengestaltung mit strukturierten Oberflächen und großen Fenstern.
