Marokko gegen Portugal: Taktische Analyse und Prognose des WM-Viertelfinales

Manuel Baum, ehemaliger Bundesliga-Trainer, analysiert für Magenta TV die taktischen Besonderheiten der WM-Viertelfinalisten. Im Fokus steht das Duell zwischen Marokko und Portugal, bei dem Baum Einblicke in die Spielweisen beider Teams gibt und ein mögliches Szenario voraussagt. Das Spiel verspricht Spannung und taktische Finessen, bei denen die Stärken und Schwächen beider Mannschaften entscheidend sein werden.

Marokkos Defensivstärke als Erfolgsfaktor

Marokko hat sich zurecht ins Viertelfinale der Weltmeisterschaft in Katar vorgekämpft. Bisher kassierten sie lediglich ein Eigentor gegen Kanada, was ihre beeindruckende defensive Kompaktheit unterstreicht. Selbst gegen Spanien, das 76% Ballbesitz hatte, biss sich die gegnerische Offensive an den diszipliniert gestaffelten marokkanischen Reihen die Zähne aus. Marokko agiert im 4-1-4-1-System, sowohl im Spielaufbau als auch in der Defensive. Durch das tiefe Fallenlassen der Spieler aus der ersten Kette ballfern gelingt es ihnen, die Abstände gering zu halten und gegnerische Angriffe effektiv zu unterbinden. Sie scheuen sich nicht, tief aus dem Abwehr- und Mittelfeldpressing zu verteidigen und attackieren den ballführenden Gegner konsequent. Bei Ballgewinn schalten sie schnell und zielstrebig um. Rund 40% ihrer Pässe werden vertikal nach vorne gespielt, was sie schnell in gefährliche Zonen bringt. Auffällig ist zudem die hohe Laufbereitschaft des Mittelfeldes, wie die 14,6 Kilometer von Amrabat im letzten Spiel zeigen. Zusammenfassend zeichnet sich Marokko durch eine dichte Defensive, hohe Laufbereitschaft und schnelles Umschaltspiel, insbesondere über die Flügel, aus, wobei leichte Schwächen in der Chancenverwertung erkennbar sind.

Portugals offensive Brillanz und taktische Variabilität

Portugal zeigte im Spiel gegen die Schweiz eine beeindruckende Leistung und gewann mit 6:1. Ein taktischer Fehler des Schweizer Trainers Murat Yakin, der mit einer 5er-Kette agierte, die nicht zur Spielweise des Teams passte, begünstigte die Portugiesen. Diese fanden schnell Lösungen im Spielaufbau und nutzten die Räume, die sich durch das Pressing ergaben. Zwei frühe Tore zur Halbzeit verschafften Portugal Sicherheit und ermöglichten es ihnen, weitere Lücken in der Schweizer Defensive aufzureißen. Das Spiel war nach zwei weiteren Treffern in der 51. und 55. Minute praktisch entschieden. Besonders bemerkenswert war die Fähigkeit der portugiesischen Offensivspieler, ihre Positionen variabel zu wechseln (im 4-3-3 oder 4-2-3-1), was den Gegner zu unkontrollierten Bewegungen zwang. Das Offensivtrio um Silva, Fernandes und Félix agierte ohne Cristiano Ronaldo befreit auf und erzeugte Überzahlsituationen im Eins-gegen-Eins, um den Stürmer Ramos freizuspielen. Schwächen zeigten sich im Spielaufbau durch den erfahrenen Pepe, der zwölf Ballverluste verzeichnete, sowie in der Geschwindigkeit der Innenverteidiger bei schnellen Kontern des Gegners. Zusammenfassend besticht Portugal durch taktische Variabilität und außergewöhnliche technische Fähigkeiten, muss aber bei der Rückwärtsbewegung aufpassen.

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Mögliches Spielszenario und Prognose

Marokko wird voraussichtlich seiner bewährten Taktik treu bleiben und im 4-1-4-1-System mit Amrabat im Zentrum agieren, um den Gegner in der eigenen Hälfte zu zermürben. Die Spielanlage Portugals ähnelt der von Spanien, und Marokko wird versuchen, seine physische Überlegenheit auszuspielen, um den Spielfluss der Portugiesen zu stören. Je länger das Spiel offen gestaltet werden kann, desto größer sind die Chancen für Marokko, die auch im Elfmeterschießen mit Torwart Bono eine starke Option haben. Ein frühes Kontertor wäre hierbei ideal.

Portugal wird die Partie gegen Spanien analysiert haben und erkennt, dass ein Durchkommen durch das Zentrum schwierig sein wird. Daher sind die offensiven Flügelspieler gefordert, hinter die Abwehr zu kommen und Flanken von der Grundlinie zu schlagen. Mit einer oder zwei Spitzen im Zentrum (Ramos, Ronaldo, Leao) könnten sie die Box mit kopfballstarken Spielern besetzen. Mit fortschreitender Spieldauer besteht insbesondere auf der linken Seite hinter dem hochschiebenden Guerreiro die Gefahr von tiefen Konterräumen für Marokko. Ein frühes Tor Portugals könnte Marokko zwingen, offensiver zu agieren, was Konterchancen für weitere Treffer eröffnen würde.

Unsere Prognose: Portugal geht leicht favorisiert in die Partie. Ein Ergebnis von 2:0 für Portugal ist denkbar, wobei ein knapperes Ergebnis wie 1:0 bei einem lange offenen Spiel ebenfalls möglich ist. Je länger das Spiel offen bleibt, desto größer werden die Chancen für Marokko.