Angesichts einer grassierenden Infektionswelle und zunehmender Engpässe bei wichtigen Arzneimitteln hat Klaus Reinhardt, der Präsident der Bundesärztekammer, eine unkonventionelle Idee ins Spiel gebracht: sogenannte „Flohmärkte für Medikamente“. Er betonte die Notwendigkeit von Solidarität in der Bevölkerung, um die aktuelle Krise zu bewältigen. Wer über Medikamentenvorräte verfüge und gesund sei, solle diese an Kranke abgeben, so Reinhardt gegenüber dem Berliner „Tagesspiegel“. Diese medikamenten flohmarkt könnten demnach auch abgelaufene Arzneien umfassen, da viele Medikamente auch nach Ablauf des Haltbarkeitsdatums noch sicher verwendet werden könnten.
Die Idee hinter den Medikamenten-Flohmärkten
Reinhardts Vorschlag zielt darauf ab, in Notzeiten pragmatisch zu handeln und vorhandene Ressourcen optimal zu nutzen. Er argumentiert, dass es darum gehe, wieder zu lernen, „Krisenzeiten pragmatisch und standfest abzuwettern“. Dies sei eine temporäre Maßnahme, um akute Engpässe zu überbrücken, bevor grundsätzlichere Probleme, wie die Reform der Arzneimittelproduktion, angegangen werden können. Ein milliardenschweres Programm zum weltweiten Ankauf von Medikamenten lehnt Reinhardt ab, da dies das Problem nicht lösen würde, da andere Länder mit ähnlichen Engpässen konfrontiert seien.
Grüne fordern Sofortmaßnahmen gegen Kinder-Medikamentenmangel
Die Forderung nach pragmatischen Lösungen kommt zu einem Zeitpunkt, da die Probleme bei der Medikamentenversorgung, insbesondere für Kinder, gravierend sind. Fiebersäfte sind Mangelware. Die Grünen haben daher einen 4-Punkte-Krisenplan an Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) übermittelt, um die medizinische Versorgung von Kindern zu sichern. Zu den Kernforderungen gehören:
- Eigenständige Herstellung durch Apotheken: Apotheken sollen fehlende Medikamente zur Behandlung akuter Atemwegserkrankungen eigenständig und ohne neues Rezept herstellen dürfen.
- Ausgabe von Alternativprodukten: Apotheken sollen Alternativprodukte ohne erneute Rezeptpflicht ausgeben können.
- Bevorratungspflicht für den Großhandel: Der Großhandel soll verpflichtet werden, alle unentbehrlichen Arzneimittel gemäß der Liste der Weltgesundheitsorganisation zu bevorraten.
Belastung der Kliniken und Pflegepersonal
Die aktuelle Krankheitswelle führt nicht nur zu Medikamentenengpässen, sondern auch zu einer extremen Belastung der Krankenhäuser, insbesondere der Kinderkliniken. Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) berichtet von einer Zunahme von Anfeindungen und Übergriffen gegen das Gesundheitspersonal. DRK-Präsidentin Gerda Hasselfeldt sprach von einer Häufung psychischer und physischer Gewaltandrohungen.
Ärztepräsident Klaus Reinhardt will mit einem neuen System Hitzetote verhindern.Ärztepräsident Klaus Reinhardt in einem Interview.
Auch der Vorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Gerald Gaß, bestätigte die schwierige Lage in den Kinderkliniken. Er wies darauf hin, dass Pflegekräfte von Erwachsenenstationen aufgrund der hohen Spezialisierung in der Pädiatrie nur bedingt auf Kinderstationen eingesetzt werden könnten, auch wenn Krankenhäuser solche Umschichtungen versuchen.
Der Fachkräftemangel als größte Herausforderung
Abseits der akuten Krise warnt der Intensivmediziner Christian Karagiannidis vor einer noch größeren Herausforderung: dem massiven Fachkräftemangel im Gesundheitswesen in den kommenden zehn Jahren. Er schätzt, dass die Belastungen durch diesen Mangel die der Corona-Pandemie bei Weitem übertreffen werden. Karagiannidis, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (Divi), forderte daher eine stärkere Zuwanderung. Jährlich würden rund 500.000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Rente gehen, was Millionen unbesetzter Stellen zur Folge hätte. Das Fehlen dieser Arbeitskräfte, sowohl als Pflegepersonal als auch als Beitragszahler, werde aktuell massiv unterschätzt und könnte das Gesundheitssystem zum „Crashen“ bringen, wenn nicht umgehend gehandelt werde.
Fazit
Die Debatte um Medikamenten-Flohmärkte ist ein Symptom einer tieferliegenden Krise im deutschen Gesundheitssystem. Von akuten Arzneimittelengpässen über die Überlastung der Kliniken bis hin zum strukturellen Fachkräftemangel – die Herausforderungen sind vielfältig und komplex. Während die Vorschläge von Bundesärztekammer und Grünen kurzfristige Linderung verschaffen sollen, betonen Experten wie Karagiannidis die Notwendigkeit umfassender, langfristiger Reformen, um die Versorgungssicherheit in Deutschland nachhaltig zu gewährleisten. Es bedarf nicht nur kreativer Lösungen in der Not, sondern auch einer strategischen Neuausrichtung, um das Gesundheitssystem zukunftssicher zu machen und das Vertrauen der Bevölkerung zu stärken. Bleiben Sie informiert über weitere Entwicklungen und diskutieren Sie mit, wie wir gemeinsam das deutsche Gesundheitssystem stärken können.
