Michel Foucault und die „Geschichte des Wahnsinns“: Ein kritischer Blick auf die Psychiatrie

Vor 50 Jahren revolutionierte der französische Philosoph und Historiker Michel Foucault mit seinem epochalen Werk „Folie et déraison. Histoire de la folie à l`âge classique“, auf Deutsch bekannt als „Wahnsinn und Gesellschaft – Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft“, unser Verständnis von Wahnsinn und den Institutionen, die ihn umgeben. Dieses bahnbrechende Buch stellte die traditionelle Geschichtsschreibung der Psychiatrie, die oft als ununterbrochene Fortschrittserzählung präsentiert wurde, grundlegend in Frage und ermöglichte ein neues, kritischeres Geschichtsverständnis. Foucaults Analyse des Wahnsinns als gesellschaftlich konstruiertes Phänomen, dessen Definition und Umgang sich historisch wandeln, bleibt bis heute ein zentraler Bezugspunkt in der Geistes- und Sozialwissenschaft.

Die traditionelle Geschichtsschreibung der Psychiatrie

Bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde die Geschichte der Psychiatrie zumeist als eine Geschichte des Fortschritts und der Humanisierung erzählt. Gelehrte wie Erwin Ackerknecht gingen von den Begriffen „Wissenschaft“ und „Wissenschaftlichkeit“ aus, die nach einer wissenschaftlichen Periode in der griechischen Antike eine fast 2000-jährige Stagnation erlebten, bevor Ende des 18. Jahrhunderts die moderne Psychiatrie, wie wir sie heute verstehen, begründet wurde. Edward Shorter etwa behauptete noch 1999, dass es „vor dem Ende des 18. Jahrhunderts keine Psychiatrie gab“ und erzählte deren Geschichte „geradlinig“ von den ersten Heilanstalten bis zu den Praxen der Psychiater des späten 20. Jahrhunderts. Shorter unterteilt die Psychiatriehistoriker in „Apologeten“, die eine fortschreitende Linderung menschlichen Elends sehen, „Revisionisten“, die diesen Fortschritt nicht erkennen, und „Neoapologetiker“, die auf der „realen Existenz“ von Geisteskrankheiten bestehen. Michel Foucault ist eindeutig der zweiten Gruppe zuzuordnen.

Michel Foucaults Weg zur „Geschichte des Wahnsinns“

Der 1926 geborene Foucault begann seine akademische Laufbahn als Psychologe. An der Pariser Eliteschule École normale supérieure vertiefte er sich in dieses Fach und erwarb 1949 seine Licence. Prägende Erfahrungen im Hôpital Sainte-Anne und im Gefängnis von Fresnes brachten ihn in direkten Kontakt mit der Psychiatrie, woraufhin er sich in Psychopathologie und experimenteller Psychologie weiterqualifizierte. Zwischen 1950 und 1953 war Foucault Mitglied der Kommunistischen Partei. In seiner frühen Arbeit „Maladie mentale et personnalité“ (1954) interpretierte er Geisteskrankheit noch als eine Folge von Elend und Ausbeutung, als durch den Kapitalismus bedingte „Entfremdung“, die nur durch eine radikale Veränderung der Lebensbedingungen beendet werden könne.

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Doch bereits zu dieser Zeit begann Foucault, einen kritischeren Ton anzuschlagen. Er kritisierte eine positivistische Psychologie, die zwar ständig neue Tests entwickelte, aber die „Negativität des Menschen außer Acht gelassen hat“, und forderte eine Analyse der Widersprüche. Später distanzierte sich Foucault vollständig von „Maladie mentale et personnalité“ und bezeichnete seine Dissertation „Wahnsinn und Gesellschaft“ als sein erstes echtes Buch. In diesem Werk verabschiedete er sich von der Psychologie als positiver Wissenschaft, die den Anspruch erhebt, ihre Objekte – das Bewusstsein, seine Störungen und psychische Erkrankungen – als von historischen Entwicklungen unabhängige, objektive Gegebenheiten zu beschreiben.

Foucaults umfassendes Interesse an psychologischen Themen wurde durch Gespräche mit Ärzten angeregt, die ihn dazu ermutigten, eine Geschichte ihres Fachs zu schreiben. Dabei galt sein Interesse von Anfang an weniger den Psychiatern selbst als vielmehr ihrem Verhältnis zu den Kranken, dem Dialog zwischen Vernunft und Unvernunft.

Genealogie und das Verständnis von Geschichte

Foucaults Projekt war es nicht, eine Geschichte der Entwicklungen der psychiatrischen Wissenschaft zu schreiben. Vielmehr, wie er 1957 in einem Brief an Professor Stirn Lindroth von der Universität Uppsala präzisierte, wollte er „eine Geschichte des sozialen, moralischen und imaginären Kontextes, in dem sie sich entwickelt hat“. Er fand keine Belege für einen kontinuierlichen Fortschritt. „Wahnsinn und Gesellschaft“ bricht somit mit den Geschichtsbildern von Marx und Hegel, die oft eine lineare Entwicklung unterstellten. Foucaults Verständnis von Geschichte, das er später als „Genealogie“ bezeichnete, ist von Zufällen, Brüchen und dem Kampf um Macht geprägt. Es folgt keinem festen Plan und keiner vorgegebenen Logik. Ideen von bereits angelegten „Wesen“ oder „Identitäten“ lehnte er ab. Stattdessen sah er die Aufgabe der Genealogie darin, das heutige Wirkliche als historisch Gewordenes zu verstehen.

Für Foucault ist Geschichte ein dynamischer Prozess, in dem „Menschen sich erheben“, ihre Subjektivität – nicht die der großen Männer, sondern jedes Einzelnen – in die Geschichte einbringen und ihr Leben einhauchen. Ob ein Strafgefangener, der sich gegen eine harte Strafe auflehnt, oder ein „Irre“, der nicht länger eingesperrt und seiner Rechte beraubt sein will – diese „wirren Stimmen“ gestalten die Zeit der Menschen. Die Geschichte, so Foucault, hat nicht die Form der Evolution, sondern die der „Geschichte“ selbst, gezeichnet von Unterbrechungen und Transformationen.

Das Schweigen zwischen Wahnsinn und Vernunft

Michel Foucault betrachtete Wahnsinn und Vernunft als dialektisch aufeinander bezogene Formen der Erfahrung, die sich historisch entwickelt haben. Sein Anliegen war es, „jenen Punkt null der Geschichte des Wahnsinns wiederzufinden (. . .), an dem der Wahnsinn (. . .) noch nicht durch eine Trennung gespaltene Erfahrung ist“. Für ihn konstitutiv ist „die Geste, die den Wahnsinn abtrennt“ – eine Geste, die zugleich Wahnsinn und Vernunft hervorbrachte. Danach, so Foucault, gab es zwischen beiden „keine gemeinsame Sprache“, sondern nur noch Schweigen. Die Wissenschaft vom Wahnsinn, die Psychiatrie, konnte sich erst nach dieser Zäsur entwickeln. „Die Sprache der Psychiatrie, die ein Monolog der Vernunft über den Wahnsinn ist, hat sich nur auf einem solchen Schweigen errichten können.“ Foucault beschrieb sein Vorhaben poetisch: „Ich habe nicht versucht, die Geschichte dieser Sprache zu schreiben, vielmehr die Archäologie dieses Schweigens.“

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Die „Große Einsperrung“ und der Mythos der Befreiung

Foucaults Darstellung beginnt am Ende des Mittelalters, als „Irre“ in Türme gesperrt oder, wie in Sebastian Brants „Narrenschiff“, von einer Stadt zur anderen gebracht wurden. Das Narrenschiff symbolisiert eine „große Unruhe“, die am Horizont der europäischen Kultur aufstieg und den Wahnsinnigen als eine Figur zwischen „Drohung und Verlachen“ darstellte. Im Zeitalter der Klassik, von Louis XIV. bis zur Französischen Revolution, wurde der Wahnsinn zum Schweigen gebracht. Descartes’ Aussage, „die sind eben von Sinnen“, interpretierte Foucault als einen „Gewaltakt“. Ab Mitte des 17. Jahrhunderts setzte die sogenannte „große Einsperrung“ ein. Das Pariser Hôpital général beherbergte wenige Jahre nach seiner Gründung 1656 über 6000 Menschen – neben den Wahnsinnigen auch Arbeitsunwillige, Kriminelle und Libertins, was etwa einem Prozent der Pariser Bevölkerung entsprach.

Die moderne Geschichte der Psychiatrie beginnt üblicherweise mit der „Befreiung“ der Wahnsinnigen in den Pariser Krankenhäusern Bicêtre und Salpêtrière durch den Arzt Philippe Pinel. Foucault verweist diese Geschichte jedoch in das Reich der Legenden. Er interpretierte sowohl Pinels Behandlungen als auch das „moral treatment“ im Yorker „Retreat“ des Quäkers Samuel Tuke als neue Formen der Repression. Diese umfassten die psychiatrische Klassifikation sowie eine „Logik der Schuld und des Geständnisses und schließlich der bürgerlichen Familiennormen“. Die „Psyche“, die Psychiater und später Freud entdeckten, war demnach ein Produkt von Unterwerfungstechniken, die in diesen Kliniken angewandt wurden.

Das 18. Jahrhundert befand sich in einer Paradoxie: Es glaubte, den Wahnsinnigen sicher erkennen zu können, wusste aber nicht, Wahnsinn eindeutig zu definieren. Auch Foucault umkreist das Phänomen, statt eine klare Definition zu liefern. Aus bürgerlicher Vernunftsperspektive, die sich über Nützlichkeit definiert, ist Wahnsinn zuerst die „Abwesenheit eines Werks“, einer Arbeit. Untrennbar damit verbunden ist der Irrtum: Der „Irre“ ist weniger Opfer einer Illusion als vielmehr einer „Bewegung seines Geistes“. Der Wahnsinnige verfehlt die Wahrheit der Vernunft, doch der Wahnsinn hat seine eigene Wahrheit: eine „Welt von schlechten Instinkten, von Perversität, von Leiden, von Gereiztheit“. Diese „Bosheit im Naturzustand“ verleiht der menschlichen Freiheit ihren Sinn, einer Freiheit, die auch den Wahnsinn ermöglicht.

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Rezeption und Vermächtnis von Foucaults Werk

Für Foucault war der Wahnsinn keine Krankheit und für sich allein genommen nicht einmal real. Er behandelte ihn ausschließlich als Paar aus Vernunft und Unvernunft. Inspiriert von Nietzsches Diktum „Thatsachen giebt es nicht, nur Interpretationen“, galt eine Aussage für ihn bloß aus einer bestimmten Perspektive. So sprach Foucault in seinem Werk oft eher als genealogischer Philosoph und nicht als Historiker, etwa wenn er den Nullpunkt einer „undifferenzierten Erfahrung“ des Wahnsinns „unterhalb der Geschichte“ verortete.

Als „Wahnsinn und Gesellschaft“ erschien, wurde es zunächst im akademischen Milieu rezipiert und spaltete später die Leserschaft: Liberale Psychiater und Mediziner nahmen es interessiert auf, während konservative es ablehnten. Für Vertreter der „Antipsychiatrie“ stützte Foucaults Analyse den Protest gegen bestimmte Praktiken psychiatrischer Einrichtungen. Seine „historische Kritik“ oder „strukturale Analyse“ konnte Foucault nach eigener Aussage unbeeinflusst von den Gegebenheiten oder Mängeln einer einzelnen Anstalt durchführen, da er persönlich im Hôpital Sainte-Anne nie schlechte Erfahrungen gemacht hatte.

Obwohl Historiker Foucaults These von der „großen Einsperrung“ im 17. Jahrhundert in vielen Details überwiegend ablehnen, bleibt seine Idee des eingesperrten Wahnsinns von unbestreitbarer Bedeutung. Sie ermöglichte ein neues Geschichtsverständnis, das psychiatrischen Institutionen nicht mehr automatisch „Humanität“ und „Fortschritt“ attestiert, sondern psychiatrisches Wissen und seine „Machteffekte“ genauer untersucht. Foucaults Werk regt weiterhin dazu an, die historischen, sozialen und kulturellen Dimensionen von Geisteskrankheiten kritisch zu hinterfragen und die subtilen Mechanismen der Macht, die in der Definition und Behandlung des Wahnsinns wirken, zu erkennen.

Fazit

Michel Foucaults „Geschichte des Wahnsinns“ hat die Perspektive auf die Entstehung und Entwicklung der Psychiatrie nachhaltig verändert. Er entlarvte die Vorstellung eines linearen Fortschritts und zeigte auf, wie Konzepte von Vernunft und Wahnsinn historisch geformt und durch Machtbeziehungen konstituiert wurden. Foucaults Genealogie des Wahnsinns bleibt ein essentielles Werkzeug für alle, die sich kritisch mit der Geschichte von Ausgrenzung, Normalisierung und den Mechanismen sozialer Kontrolle auseinandersetzen wollen. Sein Vermächtnis fordert uns auf, nicht nur die medizinische, sondern auch die soziale und philosophische Dimension psychischer Phänomene stets zu berücksichtigen und die scheinbar objektiven Wahrheiten unserer Gesellschaften kritisch zu hinterfragen.