Stillen ist eine zarte und doch kraftvolle Verbindung zwischen Mutter und Kind, bei der die Ernährung des Säuglings im Mittelpunkt steht. Doch die Milchbildung ist ein komplexer Prozess, der oft mit Unsicherheiten verbunden ist. Dieser Artikel beleuchtet, wie die Milchbildung in den ersten Tagen und Wochen nach der Geburt angeregt und konstant gehalten wird, und welche Unterstützungsmöglichkeiten es für stillende Mütter gibt.
Die ersten Stilltage: Ein sanfter Start in die Milchproduktion
Jeder Säugling ist einzigartig und benötigt unterschiedliche Milchmengen. Bereits ein bis zwei Stunden nach der Geburt beginnt der natürliche Saugreflex, um die erste Nahrungsaufnahme zu ermöglichen. Ein frühes Anlegen ist entscheidend, um den Milchfluss zu stimulieren und die Milchbildung zu beschleunigen. In dieser sensiblen Phase sind viel Zeit und Ruhe essenziell, um eine harmonische Stillbeziehung aufzubauen. Die Umstellung auf die Muttermilchproduktion wird durch Hormone wie Oxytocin und Prolaktin unterstützt, die die Milchbildung Anregen. Anfangs produziert die Mutter Kolostrum, eine nährstoffreiche Vormilch, die reich an Antikörpern ist und das Baby schützt. Hebammen empfehlen, das Neugeborene in den ersten Tagen mindestens acht bis zwölf Mal innerhalb von 24 Stunden anzulegen, um die Milchbildung optimal zu fördern.
Milchbildung anregen und konstant halten: Ein dynamischer Prozess
Nach der Vormilchphase, etwa zwei bis fünf Tage nach der Geburt, setzt der Milcheinschuss ein. Die Milchproduktion steigert sich deutlich, und die Zusammensetzung der Muttermilch verändert sich, um den wachsenden Bedürfnissen des Babys gerecht zu werden. Nun ist es wichtig, die Brüste regelmäßig zu entleeren, um einem Milchstau vorzubeugen und die Milchmenge konstant zu halten. Nach etwa vier Wochen pendelt sich die produzierte Milchmenge auf durchschnittlich 750 Milliliter pro Tag ein.
Brustgröße und Milchmenge: Ein Mythos wird entlarvt
Die Größe der Brüste hat keinen Einfluss auf die produzierte Milchmenge. Solange keine medizinischen oder anatomischen Besonderheiten vorliegen, können auch Frauen mit kleineren Brüsten ausreichend Muttermilch produzieren. Die körbchengröße ist somit kein Indikator für die Milchproduktionsfähigkeit.
Die richtige Milchmenge: Signale des Babys deuten
Die ersten Wochen mit einem Neugeborenen sind oft herausfordernd und von Unsicherheiten geprägt. Es ist wichtig, auf die Signale des Babys zu achten und Vertrauen in den eigenen Körper zu entwickeln. Muttermilch ist perfekt auf die Bedürfnisse des Kindes abgestimmt und passt sich seinem Wachstum an. Stillen bietet auch Vorteile für die Mutter, wie die Rückbildung der Gebärmutter und einen langfristigen Schutz vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes und bestimmten Krebsarten.
Anzeichen für eine ausreichende Milchbildung:
- Das Baby wirkt in den Wachphasen aktiv und hat eine rosige Haut.
- Nach dem Stillen ist das Baby für eine Weile ruhig und zufrieden.
- Das Geburtsgewicht wird nach zwei Wochen wieder erreicht und danach kontinuierlich zugenommen (mindestens 20 Gramm pro Tag bzw. 140 Gramm pro Woche).
- Die Windeln sind regelmäßig nass (anfangs ein bis zweimal, später fünf bis sechsmal täglich) und die Urinmenge nimmt stetig zu.
- Der Stuhl verändert sich von Mekonium über grünlichen zu gelb-breiigem Stuhl.
Bei Unsicherheiten bezüglich der Milchmenge oder des Stillverhaltens des Babys ist es ratsam, professionelle Hilfe von einer Hebamme, Stillberaterin oder dem Kinderarzt in Anspruch zu nehmen.
Milchbildung fördern: Natürliche Unterstützung und medizinische Hilfe
Zur Förderung der Milchbildung sind folgende Punkte zentral:
- Regelmäßiges Stillen nach Bedarf: Die Länge und der Rhythmus werden vom Baby bestimmt.
- Anbieten beider Brüste: Die erste Brust sollte möglichst vollständig entleert werden.
- Viel Körper- und Hautkontakt: Fördert die Bindung und den Milchfluss.
- Saugverwirrung vermeiden: In der Anfangszeit auf Flaschennahrung und Schnuller verzichten.
- Zufüttern, wenn nötig: Mittels Fingerfeeding an der Brust.
- Stillhütchen verwenden: Wenn das Saugen für das Baby schwierig ist.
Zusätzlich können Hausmittel und medizinische Hilfsmittel die Milchbildung unterstützen:
- Stilltees: Kräutertees mit Fenchel, Anis, Kümmel oder Bockshornklee können die Verdauung unterstützen und den Flüssigkeitsbedarf decken.
- Milchbildungsöl: Ätherische Öle können die Durchblutung der Brust fördern.
- Medikamentöse Unterstützung: In bestimmten Fällen kann ärztlich verordnetes Domperidon helfen. Die Verordnung erfolgt hierbei im sogenannten Off-Label-Use.
- Milchpumpen: Elektrische Milchpumpen können helfen, die Milchbildung aufrechtzuerhalten, insbesondere bei Trennung von Mutter und Kind (z.B. nach Frühgeburten oder bei Berufstätigkeit). Handmilchpumpen eignen sich für den kurzfristigen Einsatz, während elektrische Modelle für längere Zeiträume gemietet werden können.
Es ist wichtig, von der Anwendung von Alkohol zur Milchförderung abzusehen, da Alkohol dem Baby schadet und den Milchspendereflex hemmen kann.
Brustpflege und Stillkomfort
Gerötete, rissige oder wunde Brustwarzen sind häufig ein Zeichen für eine falsche Anlegetechnik. Eine Überprüfung durch eine Hebamme oder Stillberaterin ist hier der erste Schritt. Warme Kompressen vor dem Stillen können den Milchfluss erleichtern, gefolgt von luftiger Pflege und der Anwendung einer Brustwarzensalbe. Kühlende Hydrogelpads und Brusthütchen können bei Schmerzen während des Stillens Linderung verschaffen. Ein atmungsaktiver Brustwarzenschutz oder spezielle Stilleinlagen verhindern Reibung an der Kleidung. Ein Stillkissen kann ebenfalls zu mehr Entspannung beim Stillen beitragen und somit indirekt die Milchbildung fördern, indem es Mutter und Kind eine bequeme Haltung ermöglicht.
Bei Fragen oder Unsicherheiten bezüglich Stillkissen, Stilltees, Milchbildungsmedikamenten oder Milchpumpen stehen Apotheker und Fachpersonal gerne beratend zur Seite.
Hartmut Kleis, Ihr Apotheker.
