Zwischen 200 und 900 n. Chr. erlebte die Nordküste Perus eine Blütezeit, die eine der fortschrittlichsten Kulturen der zentralen Anden hervorbrachte: die Moche. Dieses geheimnisvolle Volk, dessen Erbe uns bis heute fasziniert und viele Rätsel aufgibt, bewältigte eine extrem trockene und unbeständige Umgebung. Die Menschen passten sich geschickt an die lebensfeindliche Wüstenlandschaft an und entwickelten eine beeindruckende bildende Kunst, die sich in Keramik, Metallobjekten und Wandmalereien manifestierte. Besonders die Keramik der Moche gilt als eine der komplexesten Kunstformen des präkolumbianischen Amerikas. Ihr unverwechselbarer Stil zeichnet sich durch zweifarbige Bilddekorationen aus, oft in Rot auf cremefarbenem Grund. Vor den Augen des Betrachters entstehen teils dreidimensionale Figuren, teils zweidimensionale, erzählende Szenen. Die Moche-Keramik ist reich an Darstellungen hybrider Wesen, die menschliche und tierische Attribute verschmelzen, sowie an lebendigen Motiven und zahllosen Szenen, in denen mehrere Wesen in verschiedenen Handlungen zusammentreffen. Ein tiefes Verständnis dieser alten Kultur hilft uns, auch die späteren Entwicklungen in den Anden, wie die inka kultur, besser einzuordnen.
Das mysteriöse Erbe eines faszinierenden Volkes
In der extrem trockenen Landschaft Nordperus schufen die aus den Anden herabfließenden Flüsse wahre Oasen des Lebens. Die Moche siedelten in den unteren und mittleren Abschnitten dieser Küstentäler und errichteten dort ausgedehnte Tempelanlagen aus Lehm, die als Huacas bekannt sind. Diese Huacas sind ebenso außergewöhnlich wie ihre Kunstwerke. Die berühmte Huaca del Sol, mit ihren gewaltigen Abmessungen von 340 m Länge, 160 m Breite und 50 m Höhe, gehört zu den größten Bauwerken der alten Andenkulturen. Die nicht minder bekannte Huaca de la Luna beeindruckt mit einer Fassade, die einst mit einem komplexen Programm von Wandmalereien geschmückt war, deren lebendige Farben bis heute erstaunlich gut erhalten geblieben sind. Beide Bauwerke bilden einen Teil des archäologischen Komplexes „Huacas de Moche“ im Moche-Tal, einer Region, die als Epizentrum dieser beeindruckenden Gesellschaft fungierte.
Die Nordküste Perus mit den vom Volk der Moche besiedelten Tälern und Fundorten.
Die wissenschaftliche Erforschung dieser fremdartigen Kultur begann Anfang des 20. Jahrhunderts mit namhaften Persönlichkeiten wie dem deutschen Archäologen Max Uhle, dem amerikanischen Anthropologen Alfred Kroeber und dem peruanischen Wissenschaftler Rafael Larco. Eine unerwartete Wendung nahm die Forschung jedoch 1987 mit der Entdeckung der reich ausgestatteten Gräber von Sipán in Huaca Rajada im Lambayeque-Tal. Diese Gräber, die von vielen Forschern als die reichsten im präkolumbianischen Amerika angesehen werden, enthielten die Bestattungen einer Königs-Dynastie, deren Angehörige mit prächtigem Schmuck aus Gold und Silber beigesetzt worden waren. In einem an die Huaca Rajada angebauten Mausoleum errichtet, offenbarten diese Gräber die Existenz einer Moche-Elite, deren Macht durch Vererbung weitergegeben wurde. Die anschließende Entdeckung weiterer ähnlicher privilegierter Gräber an verschiedenen Moche-Stätten wie Úcupe, Dos Cabezas und El Brujo bestätigte die Existenz nicht nur eines, sondern mehrerer politischer Verbände, die von mächtigen Familienclans regiert wurden und autonome Kontrolle über ausgedehnte Gebiete in ihrer jeweiligen Region ausübten.
Besiegte Krieger werden entkleidet und als Gefangene zu den Opferplätzen gebracht.
Spätere archäologische Entdeckungen im Tempel von Huaca de la Luna zeigten, dass die Macht dieser Familien nicht nur durch die Anhäufung wirtschaftlichen Reichtums aufrechterhalten wurde, sondern auch durch die Kontrolle liturgischer Abläufe und ritueller Handlungen. Diese Zeremonien, die in den Tempeln durchgeführt wurden, umfassten rituelle Kämpfe zwischen Kriegern, Menschenopfer und die Weihe des Körpers des besiegten Feindes als zentrale Dreh- und Angelpunkte. Die Ausgrabungen der letzten 40 Jahre im ehemaligen Territorium der Moche haben eine komplexe soziale und politische Organisation, die möglicherweise staatlichen Charakter hatte, ein Netz von städtischen Siedlungen, eine autarke Wirtschaft und eine komplexe Religion ans Licht gebracht. Diese Religion bildete die Grundlage einer Ideologie der Macht, die nicht nur mit der Macht der Lebenden, sondern vor allem mit der Macht der Toten und der Ahnen verbunden war. Um die enge Beziehung zwischen Tod und Macht zu verstehen, richten wir unsere Aufmerksamkeit auf eine besonders gut untersuchte Fundstelle: San José de Moro.
Göttinnen, Götter und die Heiligtümer von San José de Moro
San José de Moro liegt am nördlichen Rand des Jequetepeque-Tals, das von einem der wasserreichsten Flüsse Nordperus durchflossen wird und dementsprechend eine lange Besiedlungs- und Kulturgeschichte aufweist. Die Fundstätte wurde um 400 n. Chr. im Rahmen eines umfangreichen Bewässerungsprojekts von den Moche in ihr landwirtschaftlich genutztes Gebiet integriert. San José de Moro erstreckt sich über eine Ebene von etwa 10 Hektar, auf der sich mittelgroße Lehmbauten, Bestattungsplätze und Bereiche für soziale Zusammenkünfte und religiöse Zeremonien abwechseln.
Mittleres Jequetepeque-Tal: im Hintergrund beginnen die Küstenberge.
Seit 1991 führen Mitarbeiter der Päpstlichen Katholischen Universität von Peru in Lima (Pontificia Universidad Católica del Perú) im Rahmen eines archäologischen Programms systematische und intensive Ausgrabungen in San José de Moro durch. Der Ort war fast 1200 Jahre lang ununterbrochen bewohnt, als er in der späten Moche-Periode zwischen 650 und 850 n. Chr. besondere Bedeutung als religiöser Ort, Orakelzentrum und Friedhof erlangte, der vor allem von der Elite aus dem Jequetepeque-Tal und den umliegenden Tälern genutzt wurde. Diese Transformation zu einem bedeutenden religiösen Zentrum könnte auf den Einfluss der frühen und mittleren Moche aus dem angrenzenden Zaña-Tal zurückzuführen sein, das 20 km nördlich liegt und möglicherweise mit Migrationsbewegungen verbunden war.
Besonders bemerkenswert in San José de Moro ist die Entdeckung von Gräbern mächtiger Frauen der Moche, die von den beteiligten Wissenschaftlern als „Moche-Priesterinnen“, „Mythologische Frauen“ oder „Mondgöttinnen“ bezeichnet werden. Diese außergewöhnlichen Frauen wurden in unterirdischen Kammern bestattet, die aus Lehmziegeln erbaut und mit Nischen und Wandmalereien geschmückt waren. Ihre Körper legte man in Särge aus Holz oder Schilf, die mit Metallplatten beschlagen und an deren Vorderseite Totenmasken angebracht waren.
Graffiti von den bemalten Wänden der Huaca La Capilla: Krieger, bereit zum Kampf. Höhe der Figur etwa 10 cm.
Der Sarg der ersten Priesterin, die an dieser Fundstelle entdeckt wurde, war beispielsweise mit Metallbeschlägen in Form menschlicher Arme und Beine verziert, was dem Betrachter ein Gefühl von Handlungsfähigkeit und Mobilität vermittelte. Der Sarg in einem anderen Grab war mit mehreren Platten in Form einer Priesterin geschmückt, was auf die Identität der Verstorbenen hinwies, die auf vielfältige Weise in Zusammenhang mit dem bestatteten Körper zum Ausdruck gebracht werden sollte. Hunderte prächtiger Gegenstände aus Keramik, vergoldetem Kupfer und Halbedelsteinen begleiteten jede dieser Frauen in ihren Gräbern. Besonders auffällig war jedoch das Vorhandensein von zwei Elementen, die diese Frauen ikonografisch mit der typischen Figur einer „Moche-Priesterin“ verbinden: der Kopfschmuck mit Quasten und der Ritualbecher. Wie in der erzählenden Ikonografie dargestellt, nimmt die „Moche-Priesterin“ zusammen mit anderen Göttern an der Opferung von Menschen und anschließend an der Darbietung und dem Verzehr des menschlichen Blutes teil, das von jenen Kriegern stammt, die in den rituellen Kämpfen unterlagen.
Grab der ersten Priesterin von San José de Moro. Die Tote lag in einem Sarg, der vermutlich aus Schilfrohr bestand und mit Kupferplatten in Form menschlicher Gliedmaßen verziert war. Bei der Ausgrabung lagen die Platten unmittelbar auf dem Skelett: Übersicht.
Grab der ersten Priesterin von San José de Moro. Die Tote lag in einem Sarg, der vermutlich aus Schilfrohr bestand und mit Kupferplatten in Form menschlicher Gliedmaßen verziert war. Bei der Ausgrabung lagen die Platten unmittelbar auf dem Skelett: der Befund im Detail.
In San José de Moro wurden mindestens sieben weitere Gräber solcher Priesterinnen archäologisch untersucht, die einen religiösen Kult um die Gestalt einer genuin weiblichen Göttin offenbaren. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die in diesen Kammern bestatteten Frauen zu ihren Lebzeiten diese Moche-Göttin verkörperten und dass es nicht nur eine, sondern mehrere Priesterinnen waren, die diese Identität erbten und eine religiöse Rolle im Leben, aber auch eine politische Rolle unmittelbar am Fundplatz, im gesamten Tal und im Moche-Gebiet im Allgemeinen ausübten. Obwohl in den Gräbern der Moche-Elite von San José de Moro die Gestalt der beschriebenen Moche-Göttin überwiegt, wurden bei Ausgrabungen von Gräbern mit männlichen Bestattungen auch Individuen entdeckt, die männliche Gottheiten verkörpern. Dies könnte auf gemeinsame Kräfte und eine Komplementarität zwischen weiblichen und männlichen Moche-Gottheiten sowie den Personen, die sie verkörperten, hindeuten. Die jüngsten Ausgrabungen des Autors in San José de Moro haben jedoch ein noch komplexeres Bild des Todes, der Abstammung und ihrer engen Beziehung zur sakralen monumentalen Landschaft der Stätte ergeben, was im Folgenden beschrieben wird.
Monumentale Landschaften des Todes: Huaca La Capilla
Zwischen 2014 und 2017 führte der Autor dieses Artikels archäologische Ausgrabungen in einem Sektor von San José de Moro durch, der sich im westlichen Teil der Stätte befindet und monumentale Baustrukturen umfasst. Unter den insgesamt zehn Huaca-Tempelbauten am Fundplatz wurde insbesondere eine ausgegraben: Huaca La Capilla. Huaca La Capilla besteht aus einer Gruppe übereinander liegender Gebäude, die nacheinander zwischen 650 und 740 n. Chr. erbaut wurden, also zeitgleich mit der Bestattung der zuvor beschriebenen Gräber, die als Bestattungen von Moche-Priesterinnen angesprochen werden.
Eine fotogrammetrische Aufnahme zeigt die ausgedehnten Lehmstrukturen der Huaca La Capilla in San José de Moro.
Die sich überlagernden Gebäude der Huaca La Capilla weisen sehr ähnliche architektonische Merkmale auf. Alle Gebäude gruppieren sich um Innenhöfe, die durch Korridore, Durchgänge und Zugangsöffnungen miteinander verbunden sind. In den meisten Fällen sind diese Zugangsöffnungen eng und begrenzt, was darauf hindeutet, dass die Zugänge und Bewegungen in den Räumen stark kontrolliert wurden. Einige Innenhöfe waren um eine Bühne oder eine zentrale Plattform mit Zugangstreppen angeordnet. Die Bühnen und Plattformen sind in vielen Fällen mit Gips, Wandmalereien oder Hochreliefs in Form von Rauten und Wellen versehen, Motive, die für die bildliche Kunst der Moche typisch sind.
Jeder Bereich der Huaca La Capilla wurde unabhängig voneinander mehrfach renoviert, einschließlich wiederholter Reparatur- und Wartungsarbeiten. So wiesen einige Wände bis zu 15 Schichten von Mörtelausbesserungen und Anstrichen auf. Auf den verzierten Wänden konnten auch zahlreiche Graffiti dokumentiert werden, die offensichtlich damit zusammenhängen, dass die Räume periodisch profan genutzt wurden, bevor man sie wieder für den kultischen Gebrauch weihte. Wie oft die Innenräume der Huaca La Capilla repariert, übermalt oder neu gestrichen wurden, ist eine Frage, die noch immer diskutiert wird.
Einer der zahllosen Innenhöfe der Huaca La Capilla (E1) mit einer zentralen Bühne oben und dekorativ angeordneten Fenstern in der Seitenwand.
Ein besonders bemerkenswertes Merkmal in der architektonischen Gestaltung der Gebäude der Huaca La Capilla ist ihre numerische Symbolik. So ist beispielsweise das Gebäude A mit 44 Nischen verziert, die in zwei Reihen zu je 22 Nischen angeordnet sind. Der Innenhof E1 hingegen ist mit 19 Fenstern und der Innenhof E2 mit drei Nischen verziert. Die durch diese Bauweise in den Räumen der Huaca La Capilla erzeugte Zahlensymbolik scheint weder zufällig noch willkürlich zu sein. Es ist wahrscheinlich, dass sich die Nischen und Fenster in den Baustrukturen auf numerische Berechnungen beziehen, die mit der Messung, Kontrolle und Transformation der rituellen Zeit zusammenhängen. Für die Moche sind Raum und Zeit zwei eng miteinander verflochtene Kategorien; der Raum der Moche ist Ausdruck der Zeit, und die Zeit wiederum ist im Raum verschlüsselt. Es ist daher sehr wahrscheinlich, dass die Huaca La Capilla und ihre dekorativen Elemente Vorstellungen von einer gewöhnlichen und einer außergewöhnlichen Zeit zum Ausdruck bringen, die die soziale und politische Ordnung innerhalb der Moche-Realität bestimmten. Zahlreiche Anspielungen auf den Mond im ikonografischen Repertoire von San José de Moro deuten darauf hin, dass man sich bei der Einteilung und Messung der Zeit speziell auf den Erdtrabanten stützte. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die rituelle Zeit auf dem Friedhof von San José de Moro von einem Mondkalender bestimmt wurde. So könnte die Redundanz der dekorativen Elemente der Huaca La Capilla ein mnemotechnisches Verfahren gewesen sein, um die Zeit des Lebens und des Todes im Auge zu behalten, die vom Umlauf des Mondes und seinen aufeinanderfolgenden Wandlungen bestimmt wurde.
Zeit, Transformation und die Macht der Ahnen
Bei den Moche war die Zeit der Toten ebenso wichtig wie die Zeit der Lebenden. Es gibt Hinweise darauf, dass bei San José de Moro eine große Nekropole existierte, in der prunkvolle Leichenfeste zu Ehren der Bestattung bestimmter Personen der Moche-Elite des Jequetepeque-Tals und der benachbarten Täler stattfanden. Ikonografische Erzählungen
