Der Moderne Fünfkampf steht vor der größten Veränderung seiner Geschichte: Ab den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles wird die Disziplin des Reitens nicht mehr Teil des Wettkampfs sein. Diese bahnbrechende Entscheidung des Weltverbandes UIPM (Union Internationale de Pentathlon Moderne) markiert einen Wendepunkt für den Sport, der seit seiner Einführung bei den Olympischen Spielen 1912 auf fünf Kerndisziplinen basierte. Auslöser für diesen “historischen Schritt” waren die dramatischen und kontroversen Szenen bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio, die eine weltweite Debatte über Tierwohl im Sport entfachten und den Druck auf den Verband enorm erhöhten. Der Moderne Fünfkampf ohne Reiten wird eine gänzlich neue Ära einläuten, in der Athleten und Fans gespannt auf die Bekanntgabe der Ersatzdisziplin blicken.
Ein historischer Umbruch im Modernen Fünfkampf
Die offizielle Ankündigung des Weltverbandes UIPM im November ist das Ergebnis intensiver interner Beratungen und einer breiten öffentlichen Diskussion. Obwohl das Reiten noch bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris in einem bereits modifizierten Format stattfinden wird, ist die Würfel für die Zukunft gefallen: Nach Paris ist Schluss. Die UIPM hat nach eigenen Angaben bereits einen Prozess eingeleitet, um eine geeignete Ersatzdisziplin zu finden. Dieser Prozess soll nicht nur Athleten und Trainer einbeziehen, sondern auch Medien- und Marketingpartner, um sicherzustellen, dass die neue fünfte Disziplin den Anforderungen des modernen Sports gerecht wird und sowohl Fairness als auch Attraktivität für Zuschauer bietet. Die Suche nach der perfekten neuen Komponente ist entscheidend für die langfristige Relevanz und Akzeptanz des Modernen Fünfkampfs. Die Wahl der passenden Sportart finden muss sorgfältig erfolgen, um die Athletik und Vielseitigkeit, die den Fünfkampf auszeichnen, zu bewahren.
Der Vorfall von Tokio 2020: Ein Wendepunkt
Der Zwang zum Umdenken resultierte direkt aus den Ereignissen bei den Olympischen Spielen in Tokio im Sommer 2021 (die aufgrund der Pandemie von 2020 verschoben wurden). Die deutsche Athletin Annika Schleu, die zu diesem Zeitpunkt an der Spitze des Zwischenklassements stand und auf Medaillenkurs lag, erlebte beim Springreiten ein Debakel. Ihr zugelostes Pferd, Saint Boy, zeigte sich von Beginn an extrem verunsichert und weigerte sich, die Hindernisse zu überwinden. In ihrer Verzweiflung setzte Schleu Gerte und Sporen vehement ein, konnte das Tier aber nicht kontrollieren. Die Bilder der kämpfenden Athletin und des sichtlich gequälten Pferdes gingen um die Welt und lösten einen Sturm der Entrüstung aus.
Die Situation wurde durch das Verhalten ihrer Bundestrainerin Kim Raisner zusätzlich angeheizt, die von außen Anweisungen gab und das Pferd sogar mit der Faust schlug, während sie rief: “Hau mal richtig drauf!” Diese Szenen schockierten TV-Zuschauer und führten zu scharfer Kritik von Tierschutzorganisationen, Sportexperten und sogar prominenten Reitsportlern wie den deutschen Dressur-Olympiasiegerinnen Isabell Werth und Jessica von Bredow-Werndl. Der Vorfall rückte das Springreiten im Modernen Fünfkampf, eine Sportart, die nicht unbedingt zu den beliebteste Sportart der Welt zählt, unweigerlich in den Fokus der Öffentlichkeit.
Konsequenzen und rechtliche Schritte
Die Nachwirkungen des Tokioter Vorfalls waren weitreichend. Die Staatsanwaltschaft Potsdam nahm Ermittlungen wegen Tierquälerei gegen Annika Schleu und Kim Raisner auf. Der Disziplinarausschuss des Weltverbandes UIPM erteilte Trainerin Raisner einen Verweis und machte ihre Akkreditierung für zukünftige Wettkämpfe von der Teilnahme an einem Trainingsseminar zum korrekten Umgang mit Pferden abhängig.
Der öffentliche Druck war nach Tokio immens und unübersehbar. Obwohl Weltverbandspräsident Klaus Schormann das Springreiten kurz nach den Spielen noch als “integralen Bestandteil des Modernen Fünfkampfs auf der Grundlage der Vision von Baron Pierre de Coubertin” bezeichnet hatte, war die Kritik zu groß, um sie zu ignorieren. Die Glaubwürdigkeit des gesamten Sports stand auf dem Spiel, und die Zukunft des Fünfkampfs bei den Olympischen Spielen war in Frage gestellt. Diese Entwicklungen führten schließlich zur Entscheidung, das Reiten aus dem Fünfkampf zu nehmen.
Die Suche nach der fünften Disziplin: Herausforderungen und Möglichkeiten
Der Moderne Fünfkampf wurde von Baron Pierre de Coubertin, dem Begründer der modernen Olympischen Spiele, ins Leben gerufen, um die Fähigkeiten eines idealen Soldaten zu testen: Schwimmen (Überqueren eines Flusses), Fechten (Degenkampf), Reiten (Reiten eines fremden Pferdes durch unbekanntes Gelände), Schießen und Laufen (Botengang). Während Schwimmen, Fechten sowie der kombinierte Laser-Run (Schießen und Laufen) weiterhin feste Bestandteile bleiben, stellt der Wegfall des Reitens eine immense Herausforderung dar.
Das Reiten war insofern einzigartig, als es eine unberechenbare Variable durch das zugeloste Tier und die komplexe Interaktion zwischen Mensch und Tier darstellte. Es forderte nicht nur sportliche Fähigkeiten, sondern auch Einfühlungsvermögen und schnelle Anpassungsfähigkeit. Die Suche nach einer neuen Disziplin muss diese Aspekte berücksichtigen und gleichzeitig den modernen Anforderungen an Fairness, Sicherheit, Tierschutz und Attraktivität für die Zuschauer gerecht werden. Vorschläge reichen von Radsport, Rudern, einer Art Hindernisparcours bis hin zu weiteren Kampfsportarten. Es ist eine Gratwanderung, etwas zu finden, das anspruchsvoll, olympisch würdig und weltweit praktikabel ist. Mancherorts wird bereits spekuliert, ob nicht auch komische Sportarten in Betracht gezogen werden könnten, um dem Sport einen frischen Wind zu verleihen, doch die Ernsthaftigkeit der Olympischen Bewegung verlangt eine wohlüberlegte Wahl, die die athletische Bandbreite widerspiegelt, ähnlich der Vielseitigkeit, die man in Disziplinen wie der RSG Gymnastik findet.
Die Vision von Baron Pierre de Coubertin und die Moderne Anpassung
Coubertins ursprüngliche Vision des Modernen Fünfkampfs war es, einen Wettkampf zu schaffen, der die Fähigkeiten eines Militäroffiziers im 19. Jahrhundert widerspiegelt. Die Disziplinen sollten überlebenstaktische Fertigkeiten unter Beweis stellen. Doch die Welt hat sich seitdem drastisch verändert. Was einst als Kernkompetenz galt, wird heute anders bewertet, insbesondere im Hinblick auf den Umgang mit Tieren und die Erwartungen an den modernen Leistungssport.
Die Entscheidung der UIPM, das Reiten abzuschaffen, zeigt, dass selbst traditionelle Sportarten bereit sein müssen, sich weiterzuentwickeln, um relevant und ethisch vertretbar zu bleiben. Es ist ein Konflikt zwischen Tradition und Fortschritt, bei dem der Tierschutz und die öffentliche Wahrnehmung letztlich den Ausschlag gaben. Diese Anpassung ist entscheidend, um den Fünfkampf auch für zukünftige Generationen attraktiv zu halten und seinen Platz im olympischen Programm zu sichern. Das Anforderungsprofil eines Fünfkämpfers bleibt dabei hoch, ähnlich den vielseitigen Anforderungen im Kunstturnen für erwachsene Anfänger, das sowohl Kraft als auch Koordination und Disziplin erfordert.
Fazit: Ein mutiger Schritt für die Zukunft des Sports
Der Beschluss des Weltverbandes UIPM, das Reiten aus dem Modernen Fünfkampf zu entfernen, ist ein mutiger und zukunftsweisender Schritt. Er ist eine direkte Konsequenz aus den Ereignissen in Tokio und dem gestiegenen Bewusstsein für Tierwohl. Während der Verlust einer Traditionsdisziplin sicherlich bei einigen auf Bedauern stößt, bietet diese Neuausrichtung die Chance, den Modernen Fünfkampf für das 21. Jahrhundert zu reformieren.
Die kommenden Jahre werden entscheidend sein, um eine neue Disziplin zu finden, die den Geist des Fünfkampfs bewahrt, gleichzeitig aber modern und unkontrovers ist. Die Neugestaltung könnte dem Sport neue Impulse verleihen, neue Athleten anziehen und seine Attraktivität für ein breiteres Publikum steigern. Es bleibt abzuwarten, welche Disziplin das Rennen machen wird und wie sie den Fünfkampf transformieren wird. Eines ist jedoch klar: Die Ära des Modernen Fünfkampfs ohne Reiten hat begonnen, und der Sport blickt einer spannenden, wenn auch ungewissen Zukunft entgegen.
