Frühe naturwissenschaftliche Bildung in der Kita: Ziele, Herausforderungen und effektive Unterstützung

Naturwissenschaftliche Phänomene sind ein allgegenwärtiger Bestandteil unseres Lebens – vom Gewitter bis zur warmen Holzbank in der Sonne. Kinder begegnen ihnen oft unbewusst und zeigen eine natürliche Neugier, die es zu fördern gilt. Doch nicht jedes Phänomen wird von jedem Kind automatisch wahrgenommen oder erkundet. Oft bedarf es gezielter Impulse und Unterstützung durch Erwachsene, um aus einer alltäglichen Situation eine wertvolle Lerngelegenheit zu machen. Dieser Artikel beleuchtet die Ziele der naturwissenschaftlichen Bildung in Kindertageseinrichtungen (Kitas), identifiziert zentrale Herausforderungen und zeigt Wege auf, wie Bildungsprozesse optimal begleitet werden können, um Kindern ein fundiertes Verständnis der Welt zu ermöglichen.

Frühe Naturwissenschaftliche Bildung spielt eine entscheidende Rolle für die Entwicklung von Kindern. Sie schafft nicht nur erste Erfahrungen mit der belebten und unbelebten Natur, sondern weckt auch Neugier und Motivation. Gleichzeitig vermittelt sie grundlegende Kompetenzen und Denkweisen, die für die kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Themen in einer zunehmend von Naturwissenschaften geprägten Gesellschaft unerlässlich sind. Die gezielte Förderung in der Kita kann hier den Grundstein für eine umfassende but lernförderung legen.

Ziele naturwissenschaftlicher Bildung in der Kita

Bildungsprozesse in der Kita zielen darauf ab, Kindern altersgerechte Zugänge zu naturwissenschaftlichen Themen zu eröffnen. Dabei geht es nicht allein um das Vermitteln von Inhalten, sondern maßgeblich um die Entwicklung von Denk-, Arbeits- und Handlungsweisen, die für die Generierung wissenschaftlicher Erkenntnisse charakteristisch sind. Dazu zählen das aufmerksame Beobachten und präzise Messen, das Formulieren von Vermutungen, deren Überprüfung sowie das Schlussfolgern und gegebenenfalls Revidieren von Annahmen.

Ein zentrales Ziel ist die Befähigung zur Teilhabe an einer modernen Gesellschaft. Dies beinhaltet die Fähigkeit, relevante wissenschaftliche Themen kritisch zu hinterfragen, sich eine fundierte Meinung zu bilden und die Besonderheiten naturwissenschaftlichen Wissens zu verstehen – beispielsweise dessen Überprüfbarkeit und die Möglichkeit der Revision. Die COVID-19-Pandemie hat eindringlich gezeigt, wie wichtig ein solches Grundverständnis ist.

Naturwissenschaftliche Grundbildung wird als ein mehrdimensionales Konstrukt verstanden, das inhaltsbezogene Kompetenzen, prozedurale Fähigkeiten und motivationale Orientierungen wie Interesse, Motivation und ein positives naturwissenschaftsbezogenes Selbstkonzept umfasst. Diese Aspekte sind in den Bildungs- und Orientierungsplänen des Elementarbereichs fest verankert, obgleich die konkrete Umsetzung und Tiefenschärfe der Bearbeitung für jüngere Kinder oft eine Herausforderung darstellt. Wichtig ist dabei stets die Frage, welche Erfahrungen, Begriffe und Konzepte für Kinder relevant sind und welche Aspekte besser in späteren Bildungsstufen behandelt werden sollten.

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Herausforderungen in der Umsetzung

Die Implementierung früher naturwissenschaftlicher Bildung birgt spezifische Herausforderungen, die ein bewusstes Herangehen erfordern.

Naturerfahrungen versus naturwissenschaftliche Grundbildung

Naturerfahrungen sind für die kindliche Entwicklung – sei es motorisch, kreativ oder fantasievoll – von immenser Bedeutung. Die Natur bietet eine aktivierende Lernumgebung mit hohem Aufforderungscharakter. Sie sind ein wichtiger Bestandteil naturwissenschaftlicher Grundbildung, aber nicht vollständig mit ihr gleichzusetzen. Nicht jede Naturerfahrung ist automatisch eine naturwissenschaftliche Lerngelegenheit. Wenn Kinder beispielsweise Matschküchen bauen, liegt ihr Fokus auf Rollenspielen und sozialer Organisation, nicht zwingend auf der Beobachtung physikalischer Eigenschaften von Materialien.

Die Annahme, dass das bloße Ermöglichen von Naturerfahrungen ausreicht, um naturwissenschaftliche Bildungsprozesse anzuregen, ist zu vereinfacht. Viele Kitas berichten, dass sie “viel rausgehen” oder “einen Bach in der Nähe haben”. Doch um einen “naturwissenschaftlichen Blick” auf die Welt zu entwickeln und gezielte Fragen zu stellen, brauchen Kinder spezifische Lerngelegenheiten. Insbesondere Kinder mit Bildungsrisiken, die oft weniger naturwissenschaftliche Anregungen im Elternhaus erfahren, benötigen eine gezielte Unterstützung, damit aus einer Alltagssituation eine echte Lerngelegenheit wird. Das Stellen von Fragen, das genaue Beobachten und das gemeinsame Reflektieren über Ideen müssen manchmal erst angeregt werden.

Unverstandene Inhalte und Konzepte

Eine weitere Schwierigkeit liegt in der Auswahl und Vermittlung von Inhalten. Oft werden Fachbegriffe oder Konzepte aus dem schulischen Kontext in die Kita übertragen, die für jüngere Kinder aufgrund fehlenden Vorwissens zu abstrakt sind. Die Gefahr, dass Begriffe wie “Dichte” oder “gasförmig” unverstanden bleiben, ist groß und kann die Motivation sowie das weitere Lernen behindern. Während Begriffe wie “fest”, “flüssig” oder “schmelzen” im Alltag verankert sind und unmittelbar einleuchten, sind abstraktere Konzepte für Kinder in der Regel wenig zugänglich.

Für die stiftung begabtenförderung berufliche bildung ist es entscheidend, dass frühzeitig die Weichen für ein tiefgreifendes Verständnis gelegt werden. Hier ist es hilfreicher, Phänomene gründlich zu erfahren und einfache Zusammenhänge zu erkennen, anstatt abstrakte Definitionen einzuführen. Beispielsweise ist es für Kinder faszinierender, mit Magneten zu experimentieren und zu entdecken, dass sich manche Teile anziehen und andere abstoßen, als eine rein theoretische Einführung in Nord- und Südpole zu erhalten. Konzepte wie die Dichte, die im bayerischen Bildungsplan als Lernziel genannt werden, sind für Kita-Kinder schwierig, da sie ein Verständnis proportionaler Größen (Masse pro Volumen) erfordern. Zugänglichere Materialeigenschaften wie Härte, Biegsamkeit oder Oberflächenbeschaffenheit sind hier sinnvoller.

Die reine Nennung von Inhaltsbereichen in Bildungsplänen ohne konkrete didaktische Anleitung stellt auch für pädagogische Fachkräfte eine Herausforderung dar, da sie in ihrer Ausbildung oft nur wenige Kurse im Bereich Naturwissenschaften belegen. Die Rekonstruktion altersangemessener Lerngegenstände und Erklärungen erfordert daher umfassende Fortbildungsprogramme.

Unterstützung naturwissenschaftlicher Bildungsprozesse

Entscheidend für die naturwissenschaftliche Entwicklung von Kindern ist die Qualität der Lernumgebungen. Neben globalen Merkmalen wie Gruppenführung und einem positiven Klima spielen kognitiv anregende Interaktionen eine zentrale Rolle. Hierbei werden Kinder durch herausfordernde Materialien, gezielte Impulse und offene Fragen dazu angeregt, über ihre Beobachtungen und Ideen nachzudenken und gleichzeitig bei ihren nächsten Lernschritten unterstützt (vgl. Vygotski 1978).

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Qualität der Lernumgebungen und Interaktionen

Im naturwissenschaftlichen Lernen sind physische Phänomene und Materialangebote oft der Ausgangspunkt. Ein wesentlicher Aspekt ist jedoch die gemeinsame, ko-konstruktive Auseinandersetzung und die Begleitung der Lernwege. Das Konzept des “Sustained Shared Thinking” (Siraj-Blatchford et al. 2002) betont dabei gemeinsame Aushandlungsprozesse. Offene Fragen nach Erfahrungen, Ideen und Erklärungen, das Aufmerksam-Machen auf Widersprüche oder das Anregen von Vergleichen sind wirksame Strategien. Durch strukturierende Maßnahmen, wie das Hervorheben einzelner Aussagen im Gespräch, kann die Komplexität der Lernumgebung reduziert und die bildung für alle gefördert werden.

Die aktive Rolle pädagogischer Fachkräfte

Pädagogischen Fachkräften kommt eine aktive Rolle zu: Sie beobachten Bildungsprozesse, bringen sich aber an geeigneten Stellen gezielt ein. Eine aktive Rolle bedeutet nicht, Kindern Erklärungen “überzustülpen”, sondern sie dabei zu unterstützen, diese selbst zu entwickeln. Ein zu starkes Zurückhalten kann dazu führen, dass das Potenzial von Lernumgebungen nicht ausgeschöpft wird. Dies ist besonders problematisch für Kinder aus anregungsärmeren Umfeldern, da Bildungsunterschiede oft schon früh mit der sozialen Herkunft korrelieren. Gezielte Unterstützung ist daher insbesondere für Kinder mit Bildungsrisiken von großer Bedeutung.

Berücksichtigung kindlicher Vorstellungen (Conceptual Change)

Im naturwissenschaftlichen Kontext spielen kindliche Vorstellungen eine besondere Rolle. Kinder entwickeln oft eigene Erklärungen für beobachtbare Phänomene (z.B. Schatten, Lebewesen), die nicht immer den wissenschaftlichen Konzepten entsprechen, aber in ihrem Alltag plausibel erscheinen. Beispielsweise nehmen Kinder an, dass alles Leichte schwimmt, dass Magneten einen “Klebstoff” haben oder dass sich Salz im Wasser vollständig “auflöst” und verschwindet. Diese Vorstellungen sind oft tief verankert und resistent gegenüber bloßen Gegenbeispielen.

Frühes naturwissenschaftliches Lernen zielt nicht darauf ab, diese alltagsnahen Vorstellungen sofort durch wissenschaftliche zu ersetzen. Vielmehr geht es darum, die Vorstellungen bewusst zu machen und ihre Erklärungsmächtigkeit in ausgewählten Bereichen zu hinterfragen und weiterzuentwickeln. Indem Kinder beispielsweise ausprobieren, was passiert, wenn eine leichte Nadel aus Metall unter Wasser gedrückt wird, können sie erkennen, dass ihre Annahme vom Schwimmen leichter Dinge nicht immer gültig ist. Für die sbfi anerkennung von Bildungsfortschritten ist es entscheidend, diese Entwicklungen zu beobachten und zu dokumentieren.

Solche Prozesse sind langfristig und erstrecken sich über verschiedene Bildungsetappen. Es ist wichtig, Phänomene in unterschiedlichen Situationen wiederzuentdecken und Vergleiche anzuregen, um das Verständnis zu vertiefen. Fragen wie “Hast Du das schon mal gesehen, was ist ähnlich, was ist hier anders?” helfen Kindern, Zusammenhänge zu erkennen.

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Die Bedeutung von Denk-, Arbeits- und Handlungsweisen

Die Denk-, Arbeits- und Handlungsweisen sind eine weitere zentrale Komponente naturwissenschaftlicher Bildung und müssen selbst zum Lerngegenstand werden. Es reicht nicht aus, sie nur zu verwenden (z.B. zu beobachten), sondern es bedarf expliziter Lerngelegenheiten, in denen Kinder herausfinden, mit welchen Sinnen alles beobachtet werden kann oder wie man Vermutungen überprüfen kann. Zentrale Fragen sind nicht nur “Was vermuten wir?” oder “Was haben wir herausgefunden?”, sondern auch “Wie können wir etwas herausfinden?” oder “Gibt es noch andere Möglichkeiten der Überprüfung?”. Wie bei den Inhalten ist auch hier Wiederholung in leicht variierenden Situationen entscheidend, um ein sukzessives Verständnis aufzubauen und die berufliche förderung der Fachkräfte zu unterstützen.

Fazit und Ausblick

Die naturwissenschaftliche Bildung spielt eine zentrale Rolle für Kinder – sowohl bei der Erkundung ihrer Umwelt als auch für ihre zukünftige Teilhabe an einer technisch geprägten Gesellschaft. Wichtig sind dabei umfassende Erfahrungen und eine gemeinsame, vertiefte Auseinandersetzung mit Phänomenen, sei es im Alltag oder in gezielter vorbereiteten Bildungsangeboten. Ansätze, die lediglich wöchentliche Versuche ohne tiefere Kontextualisierung anbieten, sind ebenso wenig zielführend wie das bloße “in der Natur sein” ohne pädagogische Begleitung. Die Gestaltung und Begleitung naturwissenschaftlicher Bildungsprozesse in der Kita ist eine komplexe, aber überaus wichtige Aufgabe für pädagogische Fachkräfte, die dafür fundiertes Wissen, kontinuierliche Vorbereitung und langfristige Unterstützung benötigen.

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