Der Lehrstuhl für Pädagogik und Didaktik bei Menschen mit geistiger Behinderung an der Universität zu Köln verfolgt einen tiefgreifenden, reflexiven Ansatz in Forschung und Lehre. Im Kern steht die Überzeugung, dass menschliche Vielfalt als Bereicherung verstanden werden sollte, was sich im umfassenden Bekenntnis zur Inklusion widerspiegelt. Diese Grundhaltung prägt sämtliche Aktivitäten des Lehrstuhls und zielt darauf ab, humanes gemeinsames Leben und Lernen für alle Menschen zu fördern.
Grundannahmen und Leitideen
Die Arbeitsweise des Lehrstuhls ist maßgeblich von Reflexivität geprägt. Dieser Begriff, inspiriert von Pierre Bourdieu, bedeutet eine ständige Rückbezüglichkeit auf wissenschaftlich Unbewusstes. Der Mensch in seinen konkreten Lebensbezügen, mit seinen individuellen Voraussetzungen, Lebenslagen und Entwicklungspotenzialen, bildet den Ausgangspunkt aller Betrachtungen. Erziehungs- und bildungswissenschaftliche Fragestellungen werden aus dieser Perspektive beleuchtet. Die Reflexivität richtet sich dabei sowohl auf den Gegenstand des Faches als auch auf die eigene wissenschaftliche Praxis (Selbstreflexivität).
Der Lehrstuhl versteht Inklusion als gesamtgesellschaftliches Anliegen, das alle Lebensbereiche und Altersphasen umfasst. Das Ziel ist die Schaffung von Rahmenbedingungen für ein menschliches, gemeinsames Zusammenleben und Lernen. Menschliche Verschiedenheit wird explizit als wertvolle Ressource anerkannt und geschätzt. Seit 2007 engagiert sich der Lehrstuhl mit zahlreichen Projekten im Themenfeld Inklusion, darunter das Informationsportal INKLUNET, der Didaktikpool mit konkreten Unterrichtsideen und das INKLUSION – LEXIKON, ein Online-Nachschlagewerk zu relevanten Begriffen.
Im Fach “Pädagogik und Didaktik bei Menschen mit geistiger Behinderung” werden grundlegende Fragen nach dem Wesen des Menschen, seinen Entwicklungsbedürfnissen und den Bedingungen für Lernen und Leben erörtert. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei den Grenzerfahrungen menschlichen Lebens, wie beispielsweise Menschen im apallischen Syndrom, anenzephale Kinder oder Personen, die als “austherapiert” oder “gemeinschaftsunfähig” gelten. Behinderung wird nicht als statische Eigenschaft, sondern als dynamische Relation oder Konstruktion verstanden. Menschliches Verhalten wird als sinnhaft erklärt und aus der individuellen Lebensgeschichte sowie der Lebenswelt des Einzelnen heraus interpretiert, wobei stets die konkreten Ausgangs- und Randbedingungen berücksichtigt werden.
Forschung und Lehre: Ein interdisziplinärer Dialog
Die Forschung am Lehrstuhl orientiert sich an Pierre Bourdieus Verständnis als Suche nach dem Verborgenen und Unentdeckten hinter den Untersuchungsgegenständen. Dies erfordert ein konsequentes Brechen mit dem “common sense” und eine kritische Auseinandersetzung mit alltäglichen und offiziellen Vorstellungen. Begriffe, Methoden und Vorgehensweisen werden hinterfragt und an den spezifischen Gegenstand sowie das Erkenntnisinteresse angepasst, wobei auch die Grenzen der Erkenntnis ausgelotet werden.
Die empirisch ausgerichtete Forschung, sowohl quantitativ als auch qualitativ (mit einem Primat des Qualitativen), nimmt Bezug auf humanwissenschaftliche Theorien. Besonders bedeutsam sind dabei wissenschaftstheoretische Bezüge wie die kulturhistorische Theorie des Psychischen, die Erkenntnisse der italienischen Anti-Psychiatriebewegung, die materialistische Behindertenpädagogik, der kritische Konstruktivismus sowie die Systemtheorie von Maturana und Varela. Darüber hinaus fließen Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften, der Psychologie, Psychoanalyse, Philosophie und Soziologie in die Erklärungsmodelle ein.
Der Forschungsprozess wird als ein Zusammentreffen mehrerer “Geschichten” betrachtet: die Geschichten aller Beteiligten und die des Forschungsgegenstandes. Für Forschende sind Selbstreflexion und die Berücksichtigung der Perspektiven der am Forschungsprozess beteiligten Personen von entscheidender Bedeutung. Forschung und Lehre sind untrennbar miteinander verbunden. Die dargelegten Grundprämissen, insbesondere die fachbezogene und die Selbstreflexivität, sind fest in der Hochschuldidaktik verankert. Die Begegnung und Kommunikation zwischen Lehrenden und Studierenden wird am Lehrstuhl als essenziell erachtet.
Der Lehrstuhl bietet vielfältige Möglichkeiten zur Vertiefung in den Bereichen Lehre, Forschung, Publikationen und Veranstaltungen. Informationen zu aktuellen Projekten, Personen und Prüfungsmodalitäten sind auf der Webseite verfügbar.
Pädagogik für Bildung, Beratung und Personalentwicklung
Die Auseinandersetzung mit den Prinzipien der Pädagogik und Didaktik für Menschen mit geistiger Behinderung eröffnet wertvolle Einblicke, die auch für breitere Bildungs- und Entwicklungsfelder relevant sind. Das Verständnis von individuellem Lernen, die Wertschätzung von Vielfalt und die Entwicklung passender didaktischer Ansätze sind Schlüsselkompetenzen in der heutigen Bildungslandschaft.
Die hier dargestellten Prinzipien der Reflexivität und Inklusion sind von zentraler Bedeutung für alle, die sich mit Bildung, Beratung und Personalentwicklung beschäftigen. Sie fördern ein tieferes Verständnis für individuelle Bedürfnisse und ermöglichen die Schaffung von unterstützenden Umgebungen, in denen sich jeder entfalten kann.
