Lange Zeit dominierte die Annahme, dass die Kindheit ein politisch neutraler Raum sei und politischer Unterricht Grundschüler überfordern würde. Doch mit der Etablierung der politischen Sachunterrichtsdidaktik als eigenständiger wissenschaftlicher Disziplin in den letzten zwei Jahrzehnten hat sich dieses Bild grundlegend gewandelt. Die Erkenntnis, dass Kinder bereits über alltagstheoretische – oft naive – Vorstellungen von Politik verfügen, hat die Perspektive auf die frühe politische Bildung nachhaltig verändert. Diese sogenannten „politischen Präkonzepte“ sind heute ein zentraler Anknüpfungspunkt in der Didaktik des politischen Sachunterrichts.
Es ist erwiesen, dass Grundschulkinder durch ihre familiäre Sozialisation, den Austausch in Peer Groups und den Medienkonsum ein kindgerechtes Politikbewusstsein entwickeln. Dieses umfasst erste Vorstellungen und naive Konzepte etwa über Kommunalpolitik, Wahlen oder die Rolle der Bundeskanzlerin. Diese Präkonzepte bilden den Ausgangspunkt für den politischen Sachunterricht, welcher die erste Stufe des politischen Lernens und der politischen Bildung im Leben der Schülerinnen und Schüler darstellt und somit auch die Ausbildung und Beruf junger Menschen prägt.
Die Rolle von Grund- und Inklusionsschulen in der politischen Bildung
Grundschulen sind von Natur aus Gesamtschulen, die Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlichsten Fähigkeiten und Leistungsniveaus aufnehmen. Diese offene Struktur prädestiniert sie in besonderer Weise für die Umsetzung inklusiver Unterrichtskonzepte. Daher kann die Beziehung zwischen Grundschulen und explizit inklusiven Schulen als sehr eng und synergistisch betrachtet werden.
Die schulisch vermittelte politische Bildung in Grund- und Inklusionsschulen weist eine doppelte Relevanz auf, die sowohl die gesellschaftliche Mikro- als auch die Makroebene betrifft. Diese zwei Dimensionen sind entscheidend für die Entwicklung mündiger Bürgerinnen und Bürger.
Mikroebene: Individuelle Entwicklung und kritische Reflexion
Gerade weil Kinder im Grundschulalter den Massenmedien ausgesetzt sind und die dort vermittelten politischen und gesellschaftlichen Sachverhalte oft ungefiltert wahrnehmen, ist es eine unbestreitbare Aufgabe der Schule, sie bei der Verarbeitung politischer Informationen zu unterstützen. Durch das Wecken von Interesse an Politik und die Vermittlung von Basiswissen leisten Grund- und Inklusionsschulen einen wichtigen Beitrag zur frühen politischen Bildung. Aus der individuellen Mikroperspektive der Kinder ermöglichen sie politisches Lernen, um den mitunter problematischen Einfluss anderer politischer Sozialisationsinstanzen zu korrigieren. Sie helfen dabei, die Vorstellungen, die das individuelle Politikbewusstsein der Kinder konstituieren, zu strukturieren und weiterzuentwickeln – ein Prozess, der als „Conceptual Change“ bekannt ist. Dies wird auch regelmäßig in Pressemitteilungen des BMBF thematisiert.
Makroebene: Stärkung der Demokratie und gesellschaftlicher Zusammenhalt
Aus der gesellschaftlichen Makroperspektive ist es für die Qualität, die Stabilisierung und den Fortbestand der Demokratie von entscheidender Bedeutung, eine öffentlich organisierte und geförderte demokratische politische Bildung möglichst frühzeitig zu etablieren. Dies gibt Kindern die Möglichkeit, sich zu politisch interessierten, urteils- und handlungsfähigen sowie partizipationsbereiten Bürgern im demokratischen Gemeinwesen zu entwickeln. Solche Bürger bilden das Fundament einer lebendigen, stabilen und widerstandsfähigen Demokratie. Die Begabtenförderung der IHK und ähnliche Initiativen zeigen zudem, wie frühzeitige Förderung auf verschiedenen Ebenen zur Entwicklung einer starken Gesellschaft beitragen kann.
Politisches Lernen in Grund- und Inklusionsschulen bedeutet dabei immer auch Demokratielernen, da die Demokratie in unserem politischen System den normativen Rahmen und die institutionelle Ordnung bildet, in dem Politik stattfindet.
Herausforderungen und Chancen für Demokratie- und Politiklernen
Innerhalb einer Arbeitsgruppe werden ausgewählte Experten die Chancen, Möglichkeiten und Probleme von Demokratie- und Politiklernen in der Grundschule und in inklusiven Schulen intensiv diskutieren. Dabei stehen vielfältige Fragestellungen im Mittelpunkt, die die Komplexität und Bedeutung dieses Feldes unterstreichen. Dazu gehören auch öffentliche Ausschreibungen des BMBF, die Forschung in diesem Bereich vorantreiben.
Von besonderem Interesse sind unter anderem folgende Aspekte:
- Instanzen politischer Sozialisation: Welche verschiedenen Instanzen tragen zur politischen Sozialisation bei, und welche Inhalte politischen Lernens werden dort vermittelt?
- Lehrerperspektive auf Präkonzepte: Welches Bild haben Lehrkräfte von den politischen Präkonzepten ihrer Schülerinnen und Schüler?
- Didaktische Anknüpfungspunkte: Wie kann der Unterricht didaktisch und methodisch effektiv an die politischen Präkonzepte der Lernenden anknüpfen?
- Vermitteltes Politik- und Demokratieverständnis: Welches Verständnis von Politik und Demokratie wird im Unterricht gefördert?
- Kompetenzerwerb: Welche Kompetenzen sollen Grund- und Inklusionsschüler im Rahmen von politischem und Demokratielernen erwerben?
- Umsetzung demokratischer Unterrichtsformen: Wie können Formen eines demokratischen Unterrichts in der Praxis umgesetzt werden?
- Beziehung der Dimensionen: In welcher Beziehung stehen die Dimensionen „Demokratie in der Schule“ und „Schule in der Demokratie“ zueinander?
- Nachhaltige politische Bildung: Wie kann eine möglichst nachhaltige und wirksame frühe politische Bildung vermittelt werden, die das Interesse an Demokratie- und Politiklernen langfristig in der Persönlichkeit der Schülerinnen und Schüler verankert?
- Lehrerkompetenzen und -konzepte: Über welche Konzepte von Demokratielernen und politischer Bildung verfügen Lehrkräfte in Grund- und Inklusionsschulen, und wie setzen sie diese in ihrer Arbeit mit den Schülern um?
- Spezifische Herausforderungen der Inklusion: Welche spezifischen Herausforderungen impliziert politisches Lernen und politische Bildung in inklusiven Schulen für Schüler und Lehrer?
- Didaktik inklusiver politischer Bildung: Wie sehen Konzepte und Methoden des Demokratie- und Politiklernens in der Didaktik inklusiver politischer Bildung aus?
Diese Fragen sind entscheidend, um die Qualität der frühen politischen Bildung kontinuierlich zu verbessern und sicherzustellen, dass sie den Anforderungen einer modernen, demokratischen Gesellschaft gerecht wird. Projekte, die in diesem Bereich tätig sind, freuen sich oft über die Anerkennung durch offizielle Stellen, die sich auch im BMBF-Logo-Download für geförderte Initiativen widerspiegelt.
Fazit
Die politische Bildung in Grund- und Inklusionsschulen ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. Sie legt den Grundstein für die Entwicklung mündiger Bürgerinnen und Bürger, die aktiv am demokratischen Prozess teilhaben und diesen gestalten können. Indem wir Kinder frühzeitig an politische Themen heranführen, ihre Präkonzepte aufgreifen und weiterentwickeln, stärken wir nicht nur die individuelle Persönlichkeit, sondern auch die gesamte Gesellschaft. Die kontinuierliche Forschung und der Austausch von Experten in diesem Bereich sind unerlässlich, um didaktische Konzepte zu verfeinern und die Wirksamkeit der frühen politischen Bildung langfristig zu sichern. Es ist unsere gemeinsame Aufgabe, sicherzustellen, dass jede junge Generation die Werkzeuge erhält, die sie für eine aktive und verantwortungsbewusste Rolle in unserer Demokratie benötigt.
Leitung der Arbeitsgruppe:
Apl. Prof. Dr. Hans-Peter Burth
Institut für Politik- und Geschichtswissenschaft, Abt. Politikwissenschaft und Politikdidaktik
Pädagogische Hochschule Freiburg
