Jenseits des Wachstums: Europas Weg in eine Postwachstumsgesellschaft

Die Effizienz kapitalistischer Marktwirtschaften bei der Schaffung von Wachstum und Wohlstand ist unbestreitbar. Doch die letzten Jahrzehnte haben die ökologischen, sozialen und ökonomischen Grenzen dieses Modells schmerzlich deutlich gemacht. Der finanzmarktgetriebene Kapitalismus, der sich nach dem Ende des Kalten Krieges global etablierte, offenbart zunehmend seine selbst- und umweltzerstörenden Schattenseiten. Um diese Entwicklung zu überwinden, sind tiefgreifende Strukturreformen notwendig, die den Weg in eine Postwachstumsgesellschaft weisen. Dieser Artikel beleuchtet die komplexen Ursprünge und die dringende Notwendigkeit dieses Wandels, basierend auf einer kritischen Auseinandersetzung mit der europäischen Moderne und ihren Fortschrittsgedanken. Es geht darum, neue Maßstäbe für Wohlstand und Lebensqualität zu definieren, die über die reine Akkumulation materieller Güter hinausgehen und eine nachhaltigere Zukunft ermöglichen.

Die Janusköpfigkeit der europäischen Moderne

Im Zentrum der europäischen Moderne steht die Idee der Aufklärung, symbolisiert durch ihre Lichtmetaphorik – die „Erleuchtung“, die ein neues, „helleres Zeitalter“ dem „finsteren Mittelalter“ entgegenstellte. Historisch betrachtet, hatte diese Metapher eine stark religiöse Bedeutung, ursprünglich verstanden als Läuterung des Menschen auf dem Weg zu Gott, wie John Bunyans „Pilgrim’s Progress“ (1678) exemplarisch zeigt. Die Auseinandersetzung zwischen „Anciens et Modernes“ prägte zwischen 1680 und 1720 die Herausbildung der europäischen Moderne. Nach den dunklen Erfahrungen der Religionskriege verbanden sich mit der Aufklärung progressive wirtschaftliche, wissenschaftliche und politische Entwicklungen, deren Errungenschaften im 18. Jahrhundert epochal wurden. Die Französische Revolution schuf die Voraussetzungen für die bürgerliche Gesellschaft und die Entstehung des Nationalstaates.

Für Immanuel Kant bedeutet Aufklärung den „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“. Die Annäherung an Freiheit und eine vernunftorientierte Gesellschaft führten, wie Max Weber es beschrieb, zur „europäischen Rationalität der Weltbeherrschung“. Dies wurde zum Kern der Zivilisationsgeschichte, vorangetrieben durch die Enträtselung und Beherrschung der Materie sowie die Nutzung technischer Rationalität. Die Emanzipation und Befreiung des Menschen von unterdrückenden Kräften und Dogmen wurde zur wichtigsten Aufgabe. Mittel ihrer Verwirklichung waren die Vernunft als universelle Urteilsinstanz, die Hinwendung zu den Naturwissenschaften, Toleranz und die Orientierung am Naturrecht. Grundlagen der Emanzipation waren eine allgemeine Pädagogik, Presse- und Meinungsfreiheit, ein modernes Staatswesen sowie die Garantie der Bürger- und Menschenrechte. Seither gilt Vernunft als das zentrale Prinzip, das der Wirklichkeit Sinn, Struktur und Ordnung verleiht – gemeint ist das Vermögen, aus eigenen Grundsätzen zu urteilen (theoretische Vernunft) und/oder zu handeln (praktische Vernunft).

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Die dunklen Seiten einer kalten Rationalität wurden später von Max Horkheimer und Theodor Adorno herausgearbeitet. Für sie lag in der „instrumentellen Vernunft“ auch ein Scheitern der Aufklärung begründet. Im Versuch, die Natur zu beherrschen, entfaltete sich eine Form technischer Rationalität, die in einer verwalteten Welt als „Herrschaft“ zurückschlug und durch ökonomische Macht sogar vollends annulliert werden konnte. Adorno und Horkheimer reagierten mit dieser zugespitzten These auf den „Zusammenbruch der bürgerlichen Zivilisation“ und ihr Versinken in der Barbarei des Faschismus. Auch Jürgen Habermas beschrieb eine Janusköpfigkeit der europäischen Moderne, zu der leider auch die menschenverachtende Pervertierung der technischen Rationalität gehört, deren schlimmste Auswirkungen die Menschheit im 20. Jahrhundert, dem „Jahrhundert der Extreme“ (Eric Hobsbawm), erfahren musste.

Gegen diese „dunkle Seite“ behauptete sich ein Begriff der Aufklärung, dessen Ziel die Emanzipation des Menschen und der gesellschaftliche Fortschritt war. Ihm lag die aus der Antike stammende Vorstellung einer „Stufenleiter des Seins“ (Scala naturae) zugrunde, die Lebewesen hierarchisch ordnet und fortschreibt. Die europäische Moderne orientierte sich an einem linearen Zeitverständnis und verband es mit einer Wendung heilsgeschichtlicher Erwartungen ins Säkulare. Dies ist die Folie, auf die sich moderne Fortschrittsvorstellungen beziehen: fortschreitende Naturbeherrschung, wachsender Wohlstand, Verwirklichung von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sowie die Vervollkommnung des Menschen. Dabei wurden von frühen Aufklärern auch Spiel, Sinnlichkeit und Eros geächtet; Liebe sollte sich, so Francis Bacon, auf die Fortpflanzung beschränken und war als Freundschaft gerade noch akzeptabel.

Die Theorie des Fortschritts ist eng mit der Entwicklung der modernen Naturwissenschaften verknüpft. In dieser scheinbar selbstläufigen Fortschrittswelt ist die „Naturvergessenheit“ (Günter Altner) in Erkenntnismustern und Handlungsgewohnheiten ebenso angelegt wie die im 19. Jahrhundert immer stärker werdende Wachstumsorientierung. Diese Haltung nimmt mit einer selbstgewiss demonstrierten Weltanschauung keine Rücksicht auf die „begrenzte Kugelfläche“ der Erde (Immanuel Kant) und ignoriert die vier Hauptsätze der Thermodynamik.

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Der Preis des grenzenlosen Fortschritts: Ökologische Krisen

Die ökologischen Krisen der Gegenwart – Klimawandel, Rohstoffknappheit und die Ausrottung der Biodiversität – sind ein direktes Ergebnis dieses „Zerstörungskrieges“ gegen die Natur. Der ökologische Fußabdruck der Menschen ist bereits so groß, dass die biologische Jahreskapazität der Erde oft schon im August erschöpft ist. Allein in Deutschland verbrauchen die Menschen in den drei größten Städten (Berlin, Hamburg und München) natürliche Ressourcen in einem Umfang, den erst die gesamte Fläche unseres Landes hergibt. Der eindrucksvolle Aufruf „Friede mit der Natur“ von Klaus Michael Meyer-Abich, Günter Altner und Udo Simonis bezeichnete dieses Naturverständnis als eine unausgesprochene Kriegserklärung.

Die Alternative ist nicht die romantische Vorstellung eines idyllischen Friedens zwischen Mensch und nicht-menschlicher Natur. Menschen müssen die Natur zwangsläufig für ihre Zwecke nutzen. Es geht jedoch darum, wie dies geschieht. Notwendig ist die Einsicht, dass wir uns selbst schädigen, wenn wir meinen, uns über die Natur erheben zu können. Als Teil der Natur können wir nur mit ihr und nicht gegen sie überleben und in Würde leben.

Genau besehen war und ist das Verhältnis der Moderne zur Natur und zur Körperlichkeit des Menschen ambivalent. Neben dem beschriebenen kriegerischen Verhältnis gab und gibt es eine von Epikur herrührende positive Sicht des Materiellen und des Körperlichen, die einen gelassenen und partnerschaftlichen Umgang mit der Natur nahelegt. Freilich ist diese Strömung im Zuge des wissenschaftlich-technischen und ökonomischen Fortschritts an den Rand gedrängt worden. Die Ambivalenz im Verhältnis zur Natur ergab sich auch aus der konkreten Realität, denn mit der Pest erreichte die Sterblichkeit am Beginn der Neuzeit eine neue Dimension. Weil der Tod in der Natur angelegt ist, konnte sie nicht nur als Feind gesehen, sondern musste auch als Hilfsobjekt genutzt werden, um mit ihrer Hilfe Krankheiten zu bekämpfen und Leben zu schützen.

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Das ambivalente Naturverständnis

Die Polarität der Geschlechter spielte in der religiösen wie auch der weltlichen Deutung des Fortschritts eine nicht unwichtige Rolle, ebenso in der Bewertung der Natur. Das Männliche steht gemeinhin für den Geist, das Weibliche für den Körper. Entsprechend wurde bei John Bunyan die Versuchung und Sünde durch die Körperlichkeit der Frau symbolisiert,