Heinz-Jürgen Voß, eine prägende Figur an der Schnittstelle von Biologie und Sozialwissenschaften, hat mit seiner Forschung die Debatten um Geschlecht und Sexualität maßgeblich beeinflusst. Seine Promotion zum Thema “Making Sex Revisited. Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive” (2010) legte den Grundstein für seine weitere wissenschaftliche Arbeit. Aktuell bekleidet er eine Professur für Sexualwissenschaft und Sexualpädagogik an der Hochschule Merseburg und leitet wegweisende Projekte wie den Kinderschutz vor sexuellem Trauma sowie das EU-Projekt TRASE zur sexuellen Bildung für Menschen mit Behinderungen. Seine Publikationen, darunter “Geschlecht: Wider die Natürlichkeit” (2011), zeugen von seinem tiefgreifenden Engagement für eine differenzierte Betrachtung biologischer und sozialer Geschlechtskonstrukte.
Die Komplexität menschlicher Geschlechter: Eine wissenschaftliche Perspektive
Das Buch “The Intricacy of the Human Sexes” (Nov. 2021) von Heinz-Jürgen Voß hinterfragt grundlegend die gesellschaftlich tief verankerte Vorstellung eines binären Geschlechtersystems. Voß argumentiert, dass das Konzept von zwei natürlichen Geschlechtern eine moderne Konstruktion sei, die trotz ihrer Allgegenwart und ihres Einflusses auf gesellschaftliche Strukturen, Einkommen und Sichtbarkeit keineswegs alternativlos ist. Anhand philosophischer, historischer und biologischer Perspektiven beleuchtet er, wie diese Annahmen unser Verständnis von Geschlecht prägen und Diskriminierung fördern.
Voß fordert die Vorstellung einer natürlichen Binarität heraus und plädiert für die Existenz vielfältiger biologischer Geschlechter jenseits der Zweiteilung. Die Studie zeigt auf, wie überholte Annahmen unser Denken über grundlegende gesellschaftliche Klassifikationen und die ihnen zugeschriebenen Attribute beeinflussen. Das Werk, erhältlich als Printausgabe und Open Access, bietet tiefgehende Einblicke für alle, die sich mit der Komplexität menschlicher Geschlechteridentitäten auseinandersetzen möchten.
“Making Sex Revisited”: Dekonstruktion von Geschlecht aus biologisch-medizinischer Sicht
Die englische Übersetzung der Einleitung zu Voß’ Buch “Making Sex Revisited” bietet einen kostenfreien Download und beleuchtet die Debatte um biologisches Geschlecht kritisch. Während Judith Butler binäre Ansätze auf der Ebene der Zeicheninterpretation kritisierte, konzentriert sich Voß auf tatsächlich existierende organische Strukturen. Er analysiert historische und zeitgenössische biologische Theorien und zeigt auf, wie evolutionäre und differenzierungsbezogene Prozesse zu pluri-sexuellen Ansätzen führen können.
Die Entwicklung organischer Strukturen ist individuell und variiert von Person zu Person. Die Dominanz binärer Interpretationen resultiert laut Voß aus der gesellschaftlichen Unterscheidung und Ungleichbehandlung zweier Geschlechter. Das vollständige Werk, auch auf Deutsch verfügbar, bietet eine umfassende Dekonstruktion des Geschlechtsbegriffs aus biologisch-medizinischer Perspektive und ist über Open Access zugänglich.
“Queer and (Anti)Capitalism” und weitere Buchkapitel
In dem Sammelband “The Queer Intersectional in Contemporary Germany: Essays on Racism, Capitalism and Sexual Politics” ist auch die englische Übersetzung von Heinz-Jürgen Voß und Salih Alexander Wolters Beitrag “Queer and (Anti)Capitalism” enthalten. Dieses Werk beleuchtet die Überschneidungen von queeren Identitäten, Rassismus und Kapitalismuskritik im heutigen Deutschland. Der Band ist als Open Access Version frei zugänglich.
Zusätzlich sind weitere Buchkapitel von Voß in englischer Sprache verfügbar. So untersucht er in “Determining Sex/Gender: Genes and DNA Precisely Do Not Predict the Development of a Genital Tract…” (in: “Normed Children”, 2019) die Rolle von Genen und DNA bei der Geschlechtsentwicklung. Ein weiteres Kapitel, “‘Musicalizing’ Sexual Orientation: On the Possibilities of Non-Identification and Openness” (in: “Altered States”, 2018), thematisiert Möglichkeiten der Nicht-Identifikation und Offenheit im Kontext sexueller Orientierung.
TRASE: Sexuelle Bildung für Menschen mit Behinderungen
Das EU-Projekt TRASE (Training in Sexual Education for People with Disabilities), gefördert durch Erasmus+, widmet sich der Entwicklung eines Schulungskurses für Fachkräfte, die sexuelle Bildung an Menschen mit Lernschwierigkeiten vermitteln. Aufbauend auf den Ergebnissen des SEAD-Projekts, zielt TRASE darauf ab, angepasste und kreative Werkzeuge zu entwickeln, um das Engagement und Verständnis von Menschen mit Lernschwierigkeiten zu maximieren. Ziel ist es, ihnen Zugang zu wesentlichen Informationen über Sex, Sexualität und Beziehungen zu ermöglichen und sie dadurch zu stärken.
Professionelle erkennen die Notwendigkeit einer solchen Schulung an, um Menschen mit Lernschwierigkeiten die Möglichkeit zu geben, informierte persönliche Entscheidungen zu treffen, einschließlich der Entscheidung für romantische Beziehungen, Ehe und Familiengründung. Das Projekt stützt sich auf die UN-Behindertenrechtskonvention und betont das Recht auf freie und informierte Zustimmung in allen Gesundheitsfragen, einschließlich der reproduktiven Gesundheit. Die Hochschule Merseburg unter der Leitung von Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß führt dieses Projekt in Zusammenarbeit mit internationalen Partnern durch. Weitere Informationen finden Sie auf der Projektwebsite von TRASE.
