Die Jugendjahre des Hundes sind oft eine Herausforderung. Was gestern noch ein folgsamer Welpe war, scheint heute über Nacht zu einem Halbstarken mit eigenem Kopf geworden zu sein. Dieses Verhalten ist kein böser Wille, sondern ein natürlicher Entwicklungsprozess: die Pubertät und Adoleszenz des Hundes. Dieser Artikel beleuchtet, was in dieser Phase im Hund vorgeht und wie Sie Ihren vierbeinigen Begleiter erfolgreich durch diese turbulente Zeit begleiten können.
Was bedeutet Pubertät und Adoleszenz beim Hund?
Obwohl die Begriffe oft synonym verwendet werden, gibt es feine Unterschiede. Die Pubertät ist der Teil der Adoleszenz, in dem die Geschlechtsreife erreicht wird. Die Adoleszenz selbst ist eine längere Übergangsphase vom Welpen zum erwachsenen Hund. In dieser Zeit ist der Hund zwar körperlich ausgewachsen und geschlechtsreif, aber emotional und sozial noch nicht voll entwickelt.
Der Zahnwechsel, der etwa zwischen dem vierten und siebten Lebensmonat stattfindet, markiert oft den Beginn der Pubertät. Die beiden Phasen gehen nahtlos ineinander über und variieren stark je nach Rasse und Individuum. Während die Pubertät bei kleinen Hunden früher einsetzt und schneller abgeschlossen ist, kann die Adoleszenz bei großen Rassen wie Herdenschutzhunden bis zu vier Jahre dauern. Rüden sind in der Regel später dran als Hündinnen. Auch der Ernährungszustand und Stressfaktoren können den Beginn und die Dauer beeinflussen.
Veränderungen im Hundehirn während der Jugendphase
Die Jugendjahre sind von massiven Umbauarbeiten im Gehirn geprägt. Die Großhirnrinde, zuständig für bewusste Vorgänge und planvolles Handeln, baut Synapsen ab. Nur die Verbindungen, die aktiv genutzt werden, bleiben erhalten. Das bedeutet, bereits erlernte Kommandos müssen regelmäßig wiederholt und positiv verstärkt werden, um nicht “verlernt” zu werden.
Gleichzeitig reagiert der Hund empfindlicher auf Umweltreize, was zu emotionaleren Reaktionen und einer erhöhten Anfälligkeit für Angst- und Aggressionsverhalten führen kann. Die Impulskontrolle und die Fähigkeit, Gefahren einzuschätzen, sind vorübergehend stark eingeschränkt, da der Teil des Gehirns, der für die Handlungsplanung und Risikobewertung zuständig ist, erst später reift.
Die Produktion des Stresshormons Cortisol steigt an, was die erhöhte Stressanfälligkeit erklärt. Dies kann dazu führen, dass der Hund plötzlich empfindlicher auf Dinge reagiert, die er früher problemlos toleriert hat, wie zum Beispiel das Tragen eines Geschirrs. Das Belohnungssystem ist leichter erregbar, und selbstbelohnendes Verhalten gewinnt an Bedeutung. Der Hund tut sich schwerer, von Dingen abzulassen, die ihm wichtig erscheinen.
Diese Veränderungen machen den Hund für uns schwerer einschätzbar und kontrollierbar. Er wirkt unkonzentrierter, gereizter und reagiert emotionaler auf bekannte Reize. Trennungsangst kann plötzlich wieder ein Thema werden, selbst wenn das Alleinbleiben zuvor gut gelernt schien.
Das Spielverhalten verändert sich ebenfalls. Der Hund wird forscher, wählerischer bei der Partnerwahl und zeigt vermehrt Konkurrenzverhalten um Ressourcen oder Sexualpartner. Er beginnt, sich von seiner Bezugsperson zu lösen, zeigt gesteigertes Neugier- und Erkundungsverhalten und auch Jagdtrieb kann zum Vorschein kommen. Das Risikoverhalten ist ausgeprägter, und Gefahren werden schlechter eingeschätzt.
Was ist im Zusammenleben während der juvenilen Phase zu beachten?
Trotz aller Turbulenzen ist Training in dieser Phase von entscheidender Bedeutung. Grundkommandos wie “Sitz”, “Platz” oder “Bleib” müssen mit positiver Verstärkung gefestigt werden. Bestehende Regeln sollten konsequent eingefordert und ggf. neu vermittelt werden.
Die Sozialisierung und Gewöhnung an Umweltreize muss fortgesetzt werden: Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln, Besuche in Einkaufszentren oder Begegnungen mit verschiedenen Menschen (auch Kindern oder älteren Menschen mit Gehhilfen) sind wichtig.
Sicherheit und Führung sind essenziell. Der Mensch sollte potenzielle Gefahrenzonen, wie die Haustür oder Kreuzungen, vorausschauend abschreiten. Sicherung an der Schleppleine kann unerwünschtes Verhalten verhindern und das Üben des zuverlässigen Rückrufs unterstützen.
Training zur Frustrationstoleranz und Impulskontrolle ist ebenso wichtig wie geistige und körperliche Auslastung. Der Kontakt zu anderen Hunden sollte kontrolliert ablaufen, bevorzugt mit älteren, souveränen Artgenossen. Rüden sollten nicht lernen, Artgenossen anzupöbeln oder Hündinnen zu belästigen, und Hündinnen sollten vor aufdringlichen Rüden geschützt werden.
Es ist wichtig zu verstehen, dass der Hund sein Verhalten nicht zeigt, um seinen Halter zu ärgern. Es ist ein physiologisch normaler Ablauf, bedingt durch den Hormoncocktail der Jugendjahre. Geduld, Verständnis und Konsequenz sind gefragt.
Von einer Kastration während dieser Entwicklungsphase wird abgeraten, da sie die nötigen körperlichen und geistigen Veränderungen zum erwachsenen Hund behindern kann. Andernfalls besteht die Gefahr eines “ewig pubertierenden” Hundes.
Doch keine Sorge: Auch diese Phase geht vorbei! Mit dem richtigen Training, viel Geduld und Verständnis wird Ihr Hund zu einem ausgeglichenen, erwachsenen Begleiter heranwachsen.
Hier geht’s zum Angebot “Junghunde” bei der Martin Rütter Hundeschule Wien.
