Die deutsche Gesellschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten tiefgreifend gewandelt, weg von dem Modell einer homogenen Mittelschicht der Nachkriegszeit hin zu einer komplexeren Struktur. In den 1950er- bis 1970er-Jahren galt in Westdeutschland ein Lebensstil der Normalität, der durch eine breite Mittelschicht mit vergleichsweise geringer Einkommensungleichheit, selbst bei unterschiedlichem Bildungsabschluss, geprägt war. Andreas Reckwitz, ein prominenter Soziologe, beschreibt den darauf einsetzenden Individualisierungsprozess als Beginn einer neuen Klassengesellschaft, die er als “Drei-Drittel-Gesellschaft” bezeichnet. Dieses Modell zeigt auf, wie die einst dominante Mitte erodiert und sich stattdessen neue soziale Schichtungen herausbilden.
Die Erosion der Mitte und die Entstehung neuer Klassen
Laut Reckwitz gliedert sich die spätmoderne Gesellschaft nicht mehr primär in eine große Mittelklasse, sondern in drei etwa gleich große Drittel. Dabei entsteht eine neue Ober- und Mittelklasse, die über hohes kulturelles und mittleres bis hohes ökonomisches Kapital verfügt. Dem gegenüber steht eine neue Unterklasse mit niedrigem kulturellen und ökonomischen Kapital. Dazwischen existiert die alte Mittelklasse weiter, deren Lebensstil jedoch nicht mehr als der erstrebenswerte Standard, sondern eher als „Mittelmaß“ wahrgenommen wird. Ergänzt wird dieses Bild durch eine winzige, aber einflussreiche Oberklasse. Diese Neuanordnung der sozialen Landschaft führt zu unterschiedlichen Lebensrealitäten und Zukunftsperspektiven innerhalb der Bevölkerung.
Soziale Ungleichheit: Eine wachsende Schere
Ein zentraler Aspekt dieser Transformation ist die deutlich gewachsene Einkommensschere, insbesondere zwischen Akademikerinnen und Nichtakademikerinnen, die sich seit den 1980er-Jahren erheblich geöffnet hat. Während in der industriellen Moderne die Mühen der Arbeit oft noch gegen sozialen Status und einen gesicherten Lebensstandard getauscht wurden, was einen gewissen Stolz auf die eigene Tätigkeit ermöglichte, ist die Situation für die neu entstehende Dienstleistungs-Unterklasse grundlegend anders. Diese Gruppe ist materiell schlechter gestellt und erfährt gleichzeitig eine gesellschaftliche Abwertung. Die Entwertung der von dieser Klasse verwendeten Güter und Praktiken durch die Mehrheitsgesellschaft führt unweigerlich zu einer Entwertung ihrer Mitglieder selbst. Ihre Arbeit, oft in schlecht bezahlten Dienstleistungsbereichen, bietet kaum Aufstiegsmöglichkeiten und geringe gesellschaftliche Anerkennung.
Kontrastierende Lebensstile: Normalität vs. Selbstverwirklichung
Die Lebensweisen der neuen Klassen könnten unterschiedlicher kaum sein. Während das Leben der Unterklasse primär auf die Aufrechterhaltung der Normalität und die Befriedigung grundlegender Bedürfnisse ausgerichtet ist, strebt die neue Mittelklasse, oft als “singularistische Mittelklasse” bezeichnet, nach einem Lebensstil, der durch Selbstverwirklichung, Authentizität und ein kulturell “gutes Leben” gekennzeichnet ist.
Der singularistische Lebensstil der neuen Mittelklasse
Dieser singularistische Lebensstil wird gesellschaftlich als besonders wertvoll und erstrebenswert angesehen. Er zeichnet sich durch das Bestreben aus, das Individuelle, Einzigartige und Besondere zu finden und zu kultivieren. Dies äußert sich in verschiedenen Lebensbereichen:
- Essen und Ernährung: Statt einfacher Massenprodukte werden regionale, biologische oder exotische Lebensmittel bevorzugt. Kochen wird zum Ausdruck von Kreativität und bewusstem Genuss.
- Wohnen: Die Wohnung ist nicht nur ein Ort zum Leben, sondern ein Ausdruck der Persönlichkeit, oft geprägt von individuellem Design, Nachhaltigkeit oder besonderen architektonischen Merkmalen.
- Reisen: Statt Pauschaltourismus werden authentische Erlebnisse gesucht, oft in ferne Länder, um neue Kulturen zu entdecken und sich selbst zu erfahren.
- Körperpflege und Gesundheit: Ein bewusster Umgang mit dem eigenen Körper, Fitness, Wellness und die Suche nach individuellen Gesundheitstrends sind von großer Bedeutung.
- Kindererziehung und Beschulung: Hier zeigt sich der singularistische Ansatz besonders deutlich. Das Ideal ist nicht das sozial angepasste, regelkonforme Kind der alten Mittelstandsgesellschaft, sondern ein Kind, das autonom und selbstmotiviert ist. Es soll ein ausgeprägtes Selbstwertgefühl entwickeln, vielseitige Interessen zeigen und seine “Eigensinnigkeit” fördern – ein regelrechtes Singularisierungsprogramm für das Kind, das seine Einzigartigkeit betont.
Dieser Lebensstil ist jedoch extrem enttäuschungsanfällig, da das Streben nach dem Einzigartigen und Authentischen oft mit hohen Erwartungen und der Gefahr der Ernüchterung einhergeht, wenn die Idealvorstellungen nicht erfüllt werden.
Erziehungsideale in der Unterklasse
Ganz anders präsentiert sich das Erziehungsideal in der neuen Unterklasse. Hier steht das disziplinierte, regelkonforme Kind im Vordergrund. Ziel ist es, weiteren familiären Stress zu vermeiden, der sowohl durch ein “Abrutschen” des Kindes in problematische Milieus entstehen könnte als auch durch das aus der Mittelklasse stammende Ideal des “Sich-selbst-Ausprobierens”, das als riskant und unkontrollierbar wahrgenommen wird. Gehorsamkeit und Anpassung an bestehende Normen sind hier die primären Werte, um Stabilität und Sicherheit in einem oft prekären Umfeld zu gewährleisten.
Fazit: Eine fragmentierte Gesellschaft
Die Analyse der Drei-Drittel-Gesellschaft nach Reckwitz beleuchtet die tiefgreifenden sozialen Veränderungen in Deutschland. Sie zeigt eine Gesellschaft, die zunehmend fragmentiert ist und in der die Lebenswelten, Werte und Zukunftsperspektiven der einzelnen Klassen immer weiter auseinanderdriften. Das Verständnis dieser neuen Klassengesellschaft ist entscheidend, um soziale Ungleichheiten zu erkennen und politische sowie gesellschaftliche Strategien für mehr Zusammenhalt und Chancengerechtigkeit in einem Land wie Deutschland zu entwickeln. Es verdeutlicht, dass die Annahme einer einheitlichen “Mitte” längst überholt ist und wir uns mit der Komplexität vielfältiger Lebensstile und sozialer Realitäten auseinandersetzen müssen.
