Das Konzept der Salutogenese, von Aaron Antonovsky in den 1970er Jahren entwickelt, markiert einen fundamentalen Paradigmenwechsel in der Gesundheitsforschung und -praxis. Weg von der Pathogenese, die sich primär mit den Ursachen und der Entstehung von Krankheiten beschäftigt, rückt die Salutogenese die Frage in den Mittelpunkt: Was hält Menschen gesund, selbst unter schwierigen Lebensbedingungen? Antonovskys bahnbrechender Ansatz lenkt den Blick auf gesundheitsfördernde Faktoren und Ressourcen, die es Individuen ermöglichen, auch in Belastungssituationen ihre Gesundheit zu erhalten oder wiederzuerlangen. Das Kernstück dieses Modells ist das Kohärenzgefühl, ein zentrales Konstrukt, das die Fähigkeit eines Menschen beschreibt, die Welt als verstehbar, handhabbar und sinnvoll zu erleben. Es ist dieses Gefühl der Stimmigkeit, das als Schlüssel zur Resilienz und zum aktiven Umgang mit Stressoren verstanden wird, und somit eine entscheidende Rolle im modernen Gesundheitsdiskurs spielt.
Die Grundlagen der Salutogenese und das Kohärenzgefühl
Das Modell der Salutogenese von Antonovsky ist eine komplexe Theorie der Gesundheit mit vielen Einflussfaktoren und Wechselwirkungen. Sie ist daher empirisch schwierig zu untersuchen und oft nur in Teilen abzubilden. Dennoch zeigen die zahlreichen Studien der internationalen Salutogenese-Forschung, dass sich wesentliche Annahmen des Modells bestätigen lassen. Insbesondere das Kohärenzgefühl (Sense of Coherence, SOC) korreliert positiv mit Indikatoren von Gesundheit, insbesondere mit psychischer Gesundheit (vgl. Faltermaier 2023; Eriksson & Lindström 2006). Diese Erkenntnisse stammen aus sehr aussagefähigen Längsschnittstudien und repräsentativen Stichproben der Bevölkerung, die vor allem im skandinavischen Raum durchgeführt wurden (vgl. Faltermaier 2023; Mittelmark et al. 2016). Ein hohes Kohärenzgefühl trägt zudem zu einer besseren Bewältigung einer Vielzahl von Belastungen im Leben bei, wie kritischen Lebensereignissen, Arbeitsbelastungen oder Krankheiten. Es wirkt somit als wichtiger Moderator zwischen Stressoren und Gesundheit (ebd.), indem es Menschen befähigt, verfügbare Ressourcen effektiv zu nutzen, um Herausforderungen zu meistern und ihr Wohlbefinden zu wahren. Die drei Komponenten des Kohärenzgefühls – Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit – bilden dabei ein Gerüst für eine kohärente Lebenseinstellung, die das Fundament für Gesundheit und Widerstandsfähigkeit bildet.
Kritische Betrachtung und Notwendigkeit der Weiterentwicklung
Trotz seiner weitreichenden Bedeutung und empirischen Bestätigung ist Antonovskys Formulierung der Salutogenese nur als ein erster Entwurf zu verstehen, der vier Dekaden nach seiner Entstehung erweitert und ergänzt werden muss, um Gesundheit noch besser zu erklären. Die internationale Salutogenese-Forschung hat daher kritische Punkte und zentrale Themen formuliert, die für die Weiterentwicklung des Modells und für die Praxis der Gesundheitsförderung wesentlich sind (vgl. Bauer et al. 2020). Dazu gehören etwa die Erfassung des Gesundheits-Krankheits-Kontinuums in seinen positiven Ausprägungen und die Weiterentwicklung des Kohärenzgefühls als Konstrukt, beispielsweise über das individuelle hinaus zu einem kollektiven Kohärenzgefühl, sowie seiner Messoperationen, die über reine Fragebogeninstrumente hinausgehen sollten.
Fehlende Subjektebene und Gesundheitsverhalten
Ein wesentlicher Kritikpunkt am ursprünglichen Modell ist die fehlende Subjektebene. Antonovskys Modell konzentriert sich stark auf die strukturellen und generalisierten Widerstandsressourcen. Jedoch kann Gesundheit auch durch aktive Bemühungen der Menschen und ihr spezifisches Gesundheitsverhalten auf der Basis subjektiver Vorstellungen im Laiensystem hergestellt werden (Faltermaier 2023). Das bedeutet, individuelle Entscheidungen, Alltagskonzepte von Gesundheit und persönliche Handlungen spielen eine entscheidende Rolle, die im ursprünglichen Modell zu wenig beleuchtet werden. Die Einbeziehung dieser subjektiven Perspektive ist essenziell für ein umfassendes Verständnis von Gesundheit und für die Entwicklung effektiver Präventions- und Interventionsstrategien.
Soziale Ungleichheiten in der Gesundheit
Darüber hinaus wird angemerkt, dass das Modell die sozialen Unterschiede bei der Gesundheit zu wenig berücksichtigt. Es erklärt nicht konkret, wie und warum Gesundheit nach sozioökonomischem Status, Geschlecht, Alter und Kultur variiert. Diese sozialen Determinanten haben einen erheblichen Einfluss auf Gesundheitschancen und -ergebnisse. Eine Weiterentwicklung der Salutogenese muss daher diese strukturellen Ungleichheiten stärker in den Blick nehmen und Mechanismen aufzeigen, durch die gesellschaftliche Rahmenbedingungen das Kohärenzgefühl und damit die Gesundheit beeinflussen. Nur so kann das Modell seine volle Relevanz für eine gerechtere Gesundheitsförderung entfalten.
Dynamik des Kohärenzgefühls über den Lebenslauf
Schließlich wird die Annahme Antonovskys infrage gestellt, dass sich das Kohärenzgefühl nur bis zum 30. Lebensjahr aufbaut und dann kaum mehr verändert. Hier zeigen neuere Studien, dass sich das Kohärenzgefühl von Menschen auch in mittleren und späteren Lebensphasen noch deutlich wandeln kann (ebd.). Diese Erkenntnis ist von großer Bedeutung, da sie Möglichkeiten für Interventionen und fördernde Maßnahmen im gesamten Lebensverlauf eröffnet. Das Kohärenzgefühl ist demnach kein statisches Merkmal, sondern kann durch Lebenserfahrungen, Bildung und gezielte Unterstützung gestärkt oder geschwächt werden, was eine lebenslange Perspektive in der Gesundheitsförderung erfordert.
Ausblick: Integrative Modelle und die Zukunft der Salutogenese
Insofern sind Weiterentwicklungen des Modells der Salutogenese nicht nur möglich, sondern notwendig. Sie werden von internationalen Expertengruppen vorangetrieben und münden beispielsweise in Konzeptionen wie die von Faltermaier (2023), der ein integratives Modell der Salutogenese vorgeschlagen hat. Solche integrativen Ansätze versuchen, die Stärken des ursprünglichen Modells zu bewahren, gleichzeitig aber die identifizierten Lücken zu schließen. Sie berücksichtigen die aktive Rolle des Individuums, die soziokulturellen Kontexte und die dynamische Natur des Kohärenzgefühls. Ziel ist es, ein noch robusteres und umfassenderes Modell zu schaffen, das die Komplexität menschlicher Gesundheit in ihrer Ganzheit erfasst und die Basis für eine zukunftsweisende und effektive Gesundheitsförderung bildet. Für Fachkräfte und Interessierte bedeutet dies, die Salutogenese nicht als starres Dogma, sondern als lebendiges Konzept zu verstehen, das kontinuierlich weiterentwickelt wird, um den Herausforderungen einer sich wandelnden Welt gerecht zu werden.
Quellenangaben
- Bauer, G. F., Roy, M., Bakoula, C., & Huber, E. (2020). The Salutogenic Touch: Building on the Strengths of Individuals and Communities for Sustainable Health Promotion. Springer.
- Eriksson, M., & Lindström, B. (2006). Antonovsky’s sense of coherence scale and the relation to health: a systematic review. Journal of Epidemiology & Community Health, 60(5), 376-381.
- Faltermaier, T. (2023). Gesundheitspsychologie. Kohlhammer.
- Mittelmark, M. B., Sagy, S., Eriksson, M., Bauer, G. F., Pelikan, J. M., Lindström, B., & Espnes, R. K. (Eds.). (2016). The handbook of salutogenesis. Springer.
