Nachhaltigkeit und Corporate Social Responsibility (CSR), oft unter dem Akronym ESG (Environmental, Social, Governance) zusammengefasst, sind Schlagworte, die in der modernen Unternehmenswelt einen hohen Stellenwert einnehmen. Doch die Umsetzung dieser Prinzipien im Alltag großer Konzerne wie SAP führt mitunter zu interessanten Beobachtungen und Diskussionen, die die Komplexität des Themas aufzeigen. Während die Bedeutung von Klimaschutz und sozialer Verantwortung unbestritten ist, stellen sich Fragen nach der Konsistenz, insbesondere wenn Unternehmenspraxis und die Haltung der Führungsebene betrachtet werden.
ESG im Wandel: Eine kritische Betrachtung
In den Vereinigten Staaten scheint der Begriff ESG – zumindest in bestimmten Kreisen – an Popularität verloren zu haben und wird von einigen Investoren gemieden. Dies ist eine Entwicklung, die die Debatte um die Sinnhaftigkeit und die praktische Ausgestaltung von ESG-Kriterien weiter anheizt. Ungeachtet dieser Entwicklung bleibt das Thema Nachhaltigkeit für europäische Unternehmen und insbesondere für SAP von zentraler Bedeutung. Die Erwartungen an eine transparente und verantwortungsvolle Unternehmensführung sind hoch, und Unternehmen müssen sich stetig neuen Herausforderungen stellen, um diesen gerecht zu werden. Hierbei spielt die Verankerung von Nachhaltigkeitsprinzipien tief in der Unternehmensstrategie eine entscheidende Rolle, um nicht nur als Marketinginstrument zu dienen, sondern realen Wert zu schaffen.
Christian Kleins Ansatz: Effizienz durch persönliche Begegnungen
Ein bemerkenswertes Beispiel für diese Diskussion bot sich anlässlich des Weltwirtschaftsgipfels in Davos. Dort wurde SAP-CEO Christian Klein vom Handelsblatt auf den scheinbaren Widerspruch angesprochen, dass hochrangige Führungskräfte und Staatsleute, die über Klimaschutz und Nachhaltigkeit debattieren, oft mit Firmenjets anreisen, während SAP selbst über eine Flotte solcher Flugzeuge verfügt. Die Frage, wo sich seine eigenen Jets befanden, als er mit seinem Team in Davos war, konterte Klein mit einem breiten Lächeln. Er erklärte, dass sein Jet hoffentlich in Mannheim stünde, da er selbst mit dem Zug nach Davos gereist sei.
Kleins Argumentation ging jedoch weiter und offenbarte eine interessante Perspektive auf die Effizienz von Geschäftsreisen. Er führte aus, dass selbst die Anreise mit einem Jet von weiter entfernten Orten eine positive Bilanz aufweisen könne. Der Gipfel in Davos sei eine einzigartige Gelegenheit für eine Vielzahl persönlicher Treffen. Würde er jeden Gesprächspartner einzeln aufsuchen, wären der zeitliche Aufwand und der ökologische Fußabdruck unverhältnismäßig höher. Davos sei somit nicht nur ein wichtiges, sondern ein hocheffizientes Ereignis. Diese Sichtweise unterstreicht die Wertschätzung für direkte Kommunikation und den zwischenmenschlichen Austausch, der in vielen Geschäftsbereichen als unersetzlich gilt. Es zeigt auch, wie komplexe Reiseentscheidungen nicht isoliert, sondern im Kontext des gesamten Geschäftsertrags und der Effizienz bewertet werden sollten.
Davos als Modell für effizienten Austausch
Die Idee einer vergleichenden Studie zur Effizienz von Davos im Vergleich zu individuellen Treffen, die Christian Klein spontan äußerte, verdeutlicht diesen Gedanken. Es ist unbestreitbar, dass die Umweltbelastung durch die Reise mit einem Firmenjet relativiert wird, wenn nicht nur ein, sondern viele Gesprächspartner getroffen werden. Christian Klein betonte die enorme Bedeutung persönlicher Begegnungen und Gespräche. Dies wirft die Frage auf, ob er in seiner Denkweise offener, flexibler, toleranter und globaler ausgerichtet ist als das Unternehmen SAP selbst. Die Geschichte der SAP, eng verbunden mit Visionären wie Hasso Plattner, zeigt immer wieder, wie wichtig Innovationsgeist und die Bereitschaft sind, neue Wege zu gehen. plattner sap
SAPs interne Diskrepanz: Virtuell vs. Persönlich
Interessanterweise steht diese Haltung des CEOs im Kontrast zur internen Strategie von SAP Deutschland. Das erste große Kunden-Event des noch jungen Jahres fand lediglich als virtuelle Veranstaltung am Bildschirm statt – also genau das Gegenteil dessen, was Christian Klein für den Weltwirtschaftsgipfel in Davos anführte. Dabei gab es in Davos selbst ein “SAP House” mit einem prächtigen Abendempfang, wo reale Menschen sich trafen und reale Herausforderungen diskutierten. Dieser Widerspruch zwischen der erklärten Präferenz des CEOs für persönliche Interaktion und der Umsetzung in der Praxis wirft Fragen nach der internen Abstimmung und den Prioritäten auf.
Die Bedeutung von physischem Kontakt für die SAP-Community
Warum gelingt es SAP nicht, die Ansichten des eigenen Chefs konsequent und stringent umzusetzen? Im Handelsblatt-Interview bekannte sich Christian Klein eindeutig zu Präsenztreffen und argumentierte dafür logisch. Seine eigene Marketingabteilung scheint jedoch anderer Meinung zu sein. Anstatt ein großes SAP Community Festival in Walldorf zu veranstalten, zwingt SAP bestehende Kunden und Partner vor den Bildschirm, um an gefühlt der hundertsten Zoom- und Teams-Besprechung teilzunehmen. Dies kann langfristig zu einer Entfremdung von der Kundenbasis führen, da der direkte Austausch und das Knüpfen von Beziehungen für viele Geschäftsbeziehungen unerlässlich sind.
Den CEO als Vorbild: Zurück zu den Wurzeln der Kundenbeziehung
SAP sollte viel stärker auf seinen Chef hören, der mit dem Zug nach Davos reist und dort persönlich vielen Menschen die Hand schüttelt. Es scheint zuzutreffen, dass SAP als Unternehmen während der Pandemie den Kontakt zur Community, zu bestehenden Kunden, verloren hat. Es ist bequem geworden, unangenehme Fragen und Herausforderungen auf Distanz zu halten und nur noch über Online-Meetings zu kommunizieren. Doch der Mensch ist ein soziales Wesen, und gerade im komplexen B2B-Umfeld sind Vertrauen und persönliche Bindung entscheidende Faktoren für nachhaltigen Erfolg. Ein einfaches „virtuelles Meeting“ kann oft nicht die gleiche Tiefe und Verbindlichkeit schaffen wie ein persönliches Gespräch.
Fazit
Die Notwendigkeit, ESG-Prinzipien zu leben und gleichzeitig geschäftliche Effizienz zu wahren, stellt Unternehmen vor eine ständige Gratwanderung. Christian Kleins Beispiel in Davos zeigt, dass persönliche Treffen, wenn sie strategisch genutzt werden, einen unschätzbaren Wert haben und sogar eine positive Gesamtbilanz aufweisen können. SAP täte gut daran, sich wieder stärker an den Handlungen ihres Chefs Christian Klein zu orientieren und den Wert persönlicher Begegnungen für die Bindung an Kunden und Partner wiederzuentdecken. Es ist an der Zeit, die Bequemlichkeit der digitalen Distanz zu überwinden und wieder verstärkt in den direkten Dialog zu treten, um die Community zu stärken und die Innovationskraft von SAP als führendes Technologieunternehmen nachhaltig zu sichern.
