Bildungsansätze in Kindertageseinrichtungen: Selbstbildung, Ko-konstruktive Bildung und Lehren

Die Rolle von Kindertageseinrichtungen (Kitas) im Bildungsprozess von Kindern hat in den letzten Jahren stark an Bedeutung gewonnen. Dabei werden drei zentrale Bildungsansätze unterschieden: die Selbstbildung, die ko-konstruktive Bildung und die Bildung durch Lehren. Diese Ansätze, oft unterschiedlich gewichtet, werden hier als gleichwertig betrachtet und in ihren wesentlichen Aspekten beleuchtet, um ein umfassendes Verständnis der frühkindlichen Bildung in deutschen Kitas zu vermitteln. Die Praxis zeigt, dass eine ausgewogene Berücksichtigung aller drei Formen zu einer ganzheitlichen Förderung der kindlichen Entwicklung beiträgt.

Selbstbildung: Der kleine Entdecker

Die moderne Hirn- und Lernforschung betrachtet Babys und Kleinkinder als aktive Entdecker ihrer Umwelt. Sie eignen sich eigenständig Wissen an, sammeln Erfahrungen und entwickeln neue Kompetenzen – und das in einem rasanten Tempo, besonders in den ersten Lebensjahren. Dieser Prozess der Selbstbildung ist geprägt von Neugier, Entdeckerfreude und einer intrinsischen Motivation. Kinder tauchen tief in ihre Tätigkeiten ein, zeigen oft eine bemerkenswerte Konzentration und erleben Freude, wenn sie Neues lernen oder Herausforderungen meistern. Es geht darum, die Welt zu erkunden, sich darin zu orientieren und handlungsfähig zu werden, was gleichzeitig die eigene Identität formt.

Erzieherinnen und Erzieher spielen eine Schlüsselrolle bei der Förderung der Selbstbildung. Sie schaffen eine anregende Umgebung, die vielfältige Erfahrungsbereiche eröffnet und den Kindern die Freiheit gibt, ihre Interessen selbst zu wählen. Ein offenes Bildungsangebot, das verschiedene Lernbereiche mit ständig wechselndem, neugierweckendem Material bereitstellt und ausreichend Zeit für das Freispiel einräumt, ermöglicht es jedem Kind, seinen Neigungen zu folgen. Dies berücksichtigt auch die Altersmischung in vielen Kitas, da Kinder unterschiedlichen Alters unterschiedliche Lernbedürfnisse haben.

Damit Kinder von der Selbstbildung profitieren können, ist eine weitgehend ungestörte Atmosphäre während des Freispiels essenziell. Klare Regeln, wie das Verweilen in einem gewählten Lernbereich bis zum Ende der Spielzeit, und eine durchdachte Raumgestaltung, die Ablenkungen minimiert, sind hierfür förderlich. Die Fähigkeit zur Planung eigener Aktivitäten und die anschließende Auswertung des Erlebten sind weitere wichtige kognitive Prozesse, die durch gezielte Fragen im Stuhlkreis oder während des Freispiels gefördert werden können. Dieser Zyklus aus Planen, Handeln und Auswerten stärkt die Selbstständigkeit und die Lernmethodenkompetenz der Kinder. Eine wichtige Voraussetzung für erfolgreiche Selbstbildungsprozesse ist ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit, das durch eine sichere Bindung zu den Bezugspersonen entsteht. Erzieherinnen und Erzieher begleiten diesen Prozess aktiv, indem sie Vertrauen in die Fähigkeiten der Kinder setzen, ihre Neugier wecken, Aktivitäten einen subjektiven Sinn geben und eine “fehlerfreundliche” Haltung einnehmen, die dem Kind erlaubt, aus eigenen Erfahrungen zu lernen.

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Ko-konstruktive Bildung: Gemeinsam lernen und gestalten

Die ko-konstruktive Bildung beschreibt Lernprozesse, die aus der Interaktion entstehen – sei es zwischen Kindern untereinander oder zwischen Kindern und Fachkräften. Eine grundlegende Voraussetzung hierfür ist ebenfalls das Gefühl der Sicherheit, das es den Kindern ermöglicht, sich angstfrei auf soziale Interaktionen einzulassen.

Ko-konstruktive Bildung in Kleingruppen

Besonders in Dyaden und Kleingruppen lernen Kinder voneinander und miteinander. Sie erkunden gemeinsam ihre Umwelt, tauschen Beobachtungen aus, formulieren Hypothesen, experimentieren mit Materialien und gestalten Rollenspiele. Diese Interaktionen stimulieren die Kinder gegenseitig und fördern ihr Lernen, insbesondere durch die unterschiedlichen Entwicklungsstände innerhalb der Gruppe. Jüngere Kinder können von älteren lernen, indem sie Verhaltensweisen und Denkweisen beobachten, die ihrer eigenen Entwicklungsstufe voraus sind – ein Konzept, das als “Zone der nächsten Entwicklung” bekannt ist. Erwachsene sind hierbei wichtig, um den sozialen und räumlich-materiellen Rahmen für diese Konstruktionsprozesse zu schaffen. Ähnlich wie bei der Selbstbildung sind gut gestaltete Lernbereiche und anregende Materialien entscheidend. Die Kinder entwickeln sich zu einer “Gemeinschaft von Lernenden”, in der sie soziale Kompetenzen wie Abstimmung, Organisation und Kooperation zeigen. Fachkräfte können die Gruppenzusammensetzung beeinflussen, um die Lernintensität zu erhöhen, oder auch altersgemischte Gruppen bilden, wenn jedes Kind einen eigenen Beitrag leisten kann. Auch hier sind Planung und Auswertung der Aktivitäten sowie die Möglichkeit, bei Bedarf Unterstützung zu erhalten, förderlich.

Ko-konstruktive Bildung im Dialog mit Fachkräften

In der Interaktion mit Erzieherinnen und Erziehern behalten die Kinder oft die Initiative. Die Fachkräfte agieren als Spiel- und Lernpartner, lassen sich auf die Lernbedürfnisse der Kinder ein und bringen eigene Ideen ein. Sie lenken die Aufmerksamkeit auf Entdeckungen, regen zum Vergleichen und Kategorisieren an und stellen Fragen, die zum Nachdenken anregen. Wichtig ist hierbei die Zurückhaltung der Erwachsenen: Sie sollten Kinder nicht mit Informationen überhäufen oder ihre Aussagen vorschnell interpretieren, sondern ihnen Zeit zum Denken und Äußern eigener Vermutungen geben. Die Fähigkeit, die Welt aus der Perspektive des Kindes zu sehen und es als gleichwertigen Gesprächspartner anzuerkennen, ist zentral. Dieses Prinzip der Kindzentrierung erfordert eine offene Dialogkultur. Anspruchsvolle Fragen von Kindern zu Themen wie Krieg, Gut und Böse oder Glück können zu tiefgründigen philosophischen oder theologischen Gesprächen führen, die die intellektuelle Entwicklung fördern und beiden Seiten – Kind wie Erzieher – die Möglichkeit zur Weiterentwicklung bieten.

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Bildung durch Lehren: Gezielte Förderung durch Fachkräfte

Die dritte Form der frühkindlichen Bildung ist durch die dominante Rolle der Erzieherinnen und Erzieher gekennzeichnet. Basierend auf ihren Bildungszielen konzipieren sie gezielte Aktivitäten wie Projekte, Spiele oder Exkursionen, um spezifische Kenntnisse und Kompetenzen zu vermitteln. Diese Bildungsangebote, oft in Wochenplänen ausgewiesen und bestimmten Themen zugeordnet, sind in allen Bildungsbereichen angesiedelt – von naturwissenschaftlichen Experimenten über musikalische Früherziehung bis hin zur sprachlichen Bildung.

Die Auswahl dieser Angebote folgt didaktischen und methodischen Prinzipien, wobei ganzheitliche Lernansätze angestrebt werden. Da manche Angebote für jüngere Kinder zu anspruchsvoll oder für ältere zu wenig herausfordernd sein können, werden sie oft in altershomogenen Kleingruppen durchgeführt. Ein zentraler Aspekt ist die Notwendigkeit, die Mitwirkung der Kinder zu gewinnen, sei es durch das Wecken von Neugier, den “Spaßfaktor” oder die Relevanz des Themas für das Kind.

Eine Überschneidung mit der Selbstbildung ergibt sich, wenn Erzieherinnen und Erzieher die Fragen der Kinder beantworten. Hier ist es wichtig, den Kindern zuzuhören, sie zu ermutigen, auch dann Fragen zu stellen, wenn die Fachkraft die Antwort nicht sofort parat hat. Gemeinsam nach Informationen zu suchen, sei es in Büchern oder durch Experimente, verdeutlicht den Kindern, dass auch Erwachsene lebenslang lernen und zeigt ihnen Methoden der Wissensaneignung auf. Dies fördert nicht nur die Lernmethodenkompetenz der Kinder, sondern auch die eigene Weiterbildung der Erzieherinnen und Erzieher.

Beobachtung als Grundlage für pädagogische Entscheidungen

Die systematische Beobachtung von Kindern ist unerlässlich für die pädagogische Arbeit in Kitas. Sie dient nicht nur der Erkennung von Entwicklungsdefiziten oder Verhaltensauffälligkeiten, sondern vor allem der Erfassung und Dokumentation von Bildungsprozessen. Ein entscheidender dritter Aspekt ist die Nutzung von Beobachtungsergebnissen als Grundlage für didaktische und methodische Entscheidungen auf individueller Ebene, in Kleingruppen und in der Gesamtgruppe.

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Durch die Beobachtung des Entwicklungsstandes, der Lernbedürfnisse und Interessen jedes einzelnen Kindes können gezielte Anregungen für die Selbstbildung bereitgestellt oder Interaktionen mit der Fachkraft initiiert werden. Beobachtungen ermöglichen auch die Bildung von Kleingruppen mit ähnlichen Bedürfnissen, was ko-konstruktive Lernprozesse fördern kann. Schließlich ist die Evaluation der Lernerfolge und der eingesetzten pädagogischen Methoden unerlässlich, um die Qualität der pädagogischen Arbeit kontinuierlich zu verbessern.

Schlusswort: Professionalität als Schlüssel zur Bildungsarbeit

Erfolgreiche Bildungsarbeit in Kindertageseinrichtungen hängt maßgeblich von der Professionalität der Erzieherinnen und Erzieher ab. Eine enge, vertrauensvolle Beziehung zu jedem Kind, das Wissen um seine individuelle Entwicklung und seine Bedürfnisse sowie klar definierte Erziehungs- und Bildungsziele sind essenziell. Basierend auf Fachwissen, pädagogischen Prinzipien und dem Bildungsplan gestalten Fachkräfte eine anregende Lernumgebung und organisieren den Tagesablauf unter Berücksichtigung aller Bildungsbereiche. Kontinuierliche Beobachtung der Kinder ermöglicht die Wahrnehmung von Lern- und Bildungsprozessen und deren qualitative Beurteilung.

Die personalen Kompetenzen der Fachkräfte – wie analytisches Denken, Empathie, Responsivität und die Bereitschaft zur lebenslangen Weiterbildung – sind entscheidend für eine qualitativ hochwertige frühkindliche Bildung. Die Fähigkeit, die eigene pädagogische Arbeit kritisch zu hinterfragen und zu verbessern, bildet das Fundament für eine erfolgreiche Bildungsarbeit, die jedes Kind in seiner Ganzheitlichkeit fördert und ihm ermöglicht, sein volles Potenzial zu entfalten.