In der Welt des Sports und der Physiotherapie kursieren viele Konzepte zur Optimierung der menschlichen Leistungsfähigkeit. Doch nur wenige Themen sind so nuanciert und oft missverstanden wie die faszialen Schlingen. Während Faszien im Allgemeinen in den letzten Jahren mehr Aufmerksamkeit erfahren haben, bleiben die spezifischen faszialen Schlingen und ihre tiefgreifende Bedeutung für Bewegung, Stabilität und Kraftentfaltung oft im Schatten. Dieser Artikel beleuchtet, was fasziale Schlingen sind, welche Rolle sie spielen und wie sie im Training und in der Rehabilitation optimal berücksichtigt werden können, um Athleten zu einer umfassenderen und menschlicheren Bewegung zu verhelfen.
Was sind Fasziale Schlingen?
Der Begriff „fasziale Schlinge“ ist eine relativ moderne Terminologie, die in der Physiotherapie, der Körperarbeit und im Krafttraining zunehmend an Bedeutung gewinnt. Im Kern beziehen sich fasziale Schlingen auf anatomische Strukturen, in denen eine höhere Konzentration und Dichte von Faszienbändern den Rumpf (diagonal) und die Extremitäten (spiralig) überspannen. Diese dichten Faszienbänder verlaufen wie Sicherheitsgurte über den Rumpf, von der Schulter zur kontralateralen Hüfte, sowohl auf der Vorder- als auch auf der Rückseite des Körpers.
Es gibt vier primäre fasziale Schlingen: die vordere (schräge) Schlinge, die hintere (schräge) Schlinge, die tiefe Längsschlinge und die laterale Schlinge. Diese sind im Bild unten von links nach rechts dargestellt.
Die faszialen Schlingen spielen eine entscheidende Rolle für Haltung und Positionsstärke, grundlegende motorische Kontrolle, globale Stabilität, Krafterzeugung sowie für das Management von Kräften und Drehmomenten. Sie machen uns auf einzigartige Weise menschlich in unserer Bewegung, und es ist interessant festzustellen, dass Faszien sogar im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) erforscht werden, um robotische Bewegungen menschlicher zu gestalten.
Jede einzelne Schlinge hat spezifische Funktionen, doch im weiteren Sinne ist das Fasziensystem von immenser Bedeutung für die Bewegung insgesamt. Es spielt eine integrale Rolle bei der globalen Koordination und Kontrolle, der Bewegungssequenzierung und der kinetischen Integration, insbesondere beim Transfer von Kräften zwischen den unteren und oberen Extremitäten. Faszien verleihen uns eine robuste elastische Stärke und Dehnfähigkeit, und die Schlingen sind hierfür herausragende Beispiele. Dieses elastische Potenzial kann als Kraftverstärker betrachtet werden. Wenn Athleten geschickt darin werden, das Fasziensystem in ihrer Bewegung zu nutzen, kann dies ihre Fähigkeit zur Kraftsummierung erheblich verbessern.
Die Bedeutung des „Coilings“ und die „Spinal Engine Theory“
Eine Bewegungssubtilität, die die faszialen Schlingen betrifft, wird als „Coiling“ bezeichnet. Sie beinhaltet eine bewusste, aber leichte Rotation des Rumpfes, indem die Schulter zur kontralateralen Hüfte hin geschlossen wird. Dieses Konzept ist tief in der sogenannten „Spinal Engine Theory“ verwurzelt, die von Professor Serge Gracovetsky populär gemacht wurde. Diese Theorie besagt, dass jeder menschlichen Bewegung eine reziproke und rotierende Natur innewohnt. Entsprechend sind die faszialen Schlingen integral wichtig, um intrinsische Stabilität und Kokontraktion zwischen linker und rechter sowie oberer und unterer Körperhälfte zu fördern.
Man kann dies auch einfacher als einen „Gegenrotationseffekt“ verstehen, der organisch für die menschliche Bewegung ist. Im Wesentlichen erzeugt jede Aktion eine gleiche und entgegengesetzte Reaktion. Bei Rotationsübungen des Rumpfes instruiere ich meine Athleten beispielsweise, die „entgegengesetzte Aktion“ zu betonen. Bei einem Kabel-Chop (von links nach rechts) sage ich dem Athleten nicht nur, „die Hände zur rechten Hüfte zu pressen“, sondern füge hinzu, „die rechte Schulter zurückzudrücken, während sich die Hände bewegen“. Dies hält sie sich der gesamten rotierenden Rumpfaktion bewusst, gibt ihnen ein robusteres Gefühl von Stabilität und ein breiteres Spektrum, um Bewegungsstrategien zu nutzen.
Traditionelle vs. Moderne Trainingsansätze
Die Beteiligung der faszialen Schlingen an menschlicher Bewegung und Sportaktionen ist weitreichend, ebenso wie die des muskuloskelettalen, nervösen oder jedes anderen Systems. Allerdings ist man meiner Meinung nach in den konventionellen Ansätzen zu stark in Silos geraten. Am bemerkenswertesten ist die archaische anatomische Perspektive, die unsere Branche zu einem übertriebenen Fokus auf das Training des Muskelsystems ausschließlich in den drei Kardinalebenen geführt hat. Die Realität ist, dass menschliche Bewegung wesentlich komplexer ist, und unsere Konzepte und Anwendungen müssen unser verbessertes Verständnis des menschlichen Körpers – einschließlich des Fasziensystems – widerspiegeln.
Praktische Anwendungen im Training
Es sollte beachtet werden, dass die faszialen Schlingen für ihre individuellen Komponenten trainiert werden können. Aufgrund ihrer kollektiven globalen Wirkung besteht jedoch keine große Nachfrage nach „Spezifität“, zumindest nicht, wenn es um die Übungsauswahl geht. Die Schlingen sind weitläufig, daher ist es nicht schwierig, dies im Training zu betonen. Der Unterschied liegt meiner Meinung nach darin, wie Bewegungen gecoacht, instruiert und fortgeschritten werden, wie im obigen Chop-Beispiel. Es gibt auch einfache Anpassungen wie das Ändern der Ausgangsposition, der Bewegungskadenz oder des angewandten Tempos. Zum Beispiel kann ein Kickstand-Setup für Kreuzheben/Scharnierbewegungen anstelle einer bilateralen Ausführung mehr Betonung auf die lateralen und tiefen Längsschlingen legen. Ein anderes Beispiel ist ein pulsierender Ausfallschritt, der eine größere reflexive Anforderung erzeugt. Kleine, subtile Anpassungen wie diese binden die Schlingen nicht nur stärker in die Bewegung ein, sondern spiegeln meiner Meinung nach auch natürlichere Sportaktionen wider.
Im Grunde kann alles „schlingen- oder faszien-dominant“ sein, aber wenn wir die Schlingen spezifisch ansprechen wollen, sind hier einige allgemeine Parameter zu beachten:
- Bewegungen sollten unilateral dominant sein; entweder kontralateral basiert (rechter Arm + linkes Bein) oder ipsilateral basiert (rechter Arm + rechtes Bein). Kontralaterale Bewegungen sind stärker auf die vorderen/hinteren Schlingen ausgerichtet, während ipsilaterale Arbeit die tiefen Längs- und lateralen Schlingen stärker betont.
- Betrachten Sie im Allgemeinen Bewegungen, die eher offene Ketten, überkreuzorientiert („Coiling“) sind und kein hohes Maß an externer Stabilität bieten. Denken Sie daran, dass eine Hauptfunktion der faszialen Schlingen darin besteht, die intrinsische Stabilität zu optimieren. Daher wollen wir für die Betonung im Training nicht zu viel tun, was dem Athleten Stabilität bietet.
- Jedes lokomotorische, primitive, kriechende Bewegungsmuster wird von Natur aus die vorderen und hinteren Schlingen dominieren, ebenso wie jede einbeinige, beugende oder rotierende Aktion die lateralen und tiefen Längsschlingen betonen wird. Von diesen Grundlagen aus können wir jedoch eine Reihe von Strategien anwenden, um die Anforderungen an die Schlingenstrukturen zu erhöhen. Einfache Möglichkeiten hierfür sind das Hinzufügen eines versetzten Bandes, die Verwendung reziproker Muster/Bewegungen oder Kombinationsmuster (z.B. seitlicher Ausfallschritt zu überkreuztem Step-up).
Bitte beachten Sie, dass es, wie bereits erwähnt, keine Reihe von seltsamen Bandübungen oder abstrakten Bewegungsmustern bedarf, um als „fasziale Schlingen-dominant“ zu gelten. Diese Strukturen sind immer an der Bewegung beteiligt und arbeiten immer. Die Betonung des Fasziensystems ist ebenso eine Perspektive der Bewegung wie die Anwendung von Übungen. Es genügt völlig, unsere allgemeinen Trainingsprinzipien auf subtile Weise zu modifizieren, um die Schlingen stärker zu fordern.
Integration der Schlingenarbeit in die Trainingsprogrammierung
Ähnlich wie bei den Trainingsanwendungen hängt die Programmierung für die Schlingen weitgehend von Ihrer Interpretation und Priorität ab. Ich betrachte die allgemeine Programmeffektivität auf sehr einfache Weise:
- Warm-up/Bewegungsvorbereitung: Den Geist in Schwung bringen, den Körper bewegen. Hier ist praktisch alles erlaubt, aber für mich gehören dazu: Gewebeaktivierung, Bewegungsfluss, Isometrien, Bodenarbeit, Trageübungen.
- Primärblock: Hohe Last/hohe Kraft bei komplexen Grundübungen (Kniebeugen, Ziehen, Drücken, Umsetzen, Stoßen).
- Sekundärblock: Variabel, aber meist hohe Kraft bei unilateralen komplexen Bewegungen (Split Squat, Kickstand Deadlifts, Split Press, Split Cleans, Split Snatch). Dies ist auch eine gute Gelegenheit für versetzte Belastungen (Offset Loading).
- Tertiärblock: Geringere Kraft/höhere Geschwindigkeit, Bewegungssequenzierung und multiplanar (Scharnierbewegungen, Rudern, Ausfallschritt-/Step-up-Variationen usw.).
Aus dieser Perspektive analysiert, integriere ich die Schlingenarbeit in drei Trainingssegmente: den Warm-up-/Bewegungsvorbereitungsblock, als Intraset-Optionen (zwischen den Sätzen im Primärblock) und als Zusatzarbeit (Accessory Work). Mein Ansatz ist es, die Kraft- und Hochkraftarbeit aus den großen Grundübungen zu beziehen. Doch anstatt in den verbleibenden Blöcken redundante „Füllübungen“ (z.B. DB Bent Row, BB RDL, DB Bench) zu verwenden, nähern Sie sich diesen mit einer faszienbasierten Denkweise. Ich bin der Meinung, dass dies dem Athleten mehr Möglichkeiten gibt, sich in Positionen zu befinden, die den Sport widerspiegeln, und ihnen hilft, besser zu verstehen, wie sie ihre Faszien zu ihrem Vorteil nutzen können.
Ein letzter Hinweis: Wie in der Grafik oben gezeigt, kann die Betonung der faszialen Schlingen für Athleten im Return-to-Play-Prozess (RTP) eine äußerst effektive Strategie sein. Ganz offen gesagt, ist die Wirksamkeit der Schlingenarbeit für verletzte Athleten absolut das Kernstück meiner täglichen Arbeit. Was ich bei verletzten Athleten festgestellt habe, ist die dringende Notwendigkeit, die globale Stabilität zu verbessern und die Beeinträchtigungen durch Kompensationsmuster und nicht-funktionale Ungleichgewichte zu beheben, sobald die Verletzung vollständig geheilt ist. Hierbei verfolge ich einen proximal-distalen Ansatz und arbeite daran, den Unterschied zwischen den Seiten (der aus der Verletzung resultiert) zu reduzieren. Das Wiederherstellen des Gleichgewichts der Bewegungen vom Rumpf nach außen hat sich für mich als sehr effektive Strategie erwiesen, um das Vorhandensein nicht-funktionaler Asymmetrien, subjektiv berichteter Schmerzen und die Messwerte für Kraft und Mobilität zu reduzieren.
Fazit
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Faszien und insbesondere die faszialen Schlingen eine sehr „reale Sache“ sind und wahrscheinlich etwas, dem Sie in Ihrem Training/Ihrer Beurteilung nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt haben. Ich kann verstehen, dass Trainer und Praktiker Vorbehalte haben, wie stark das Fasziensystem an Bewegung/Leistung beteiligt sein mag. Doch die Behauptung, dass Faszien keine oder nur minimale Beteiligung an der Leistung haben, weil „wir es nicht messen können“ oder weil die formale/wissenschaftliche Forschung noch hinterherhinkt, ist für mich schlichtweg ignorant. Die menschliche Anatomie ist ein komplexes und sich ständig weiterentwickelndes Gebiet. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir uns noch in den Anfängen des Verständnisses unseres eigenen Körpers befinden. Daher ist es eine sichere und vernünftige Annahme, dass wir am Vorabend eines massiven Durchbruchs in unserem sich entwickelnden Verständnis der Faszien stehen könnten.
Wenn nichts anderes, verstehen Sie die Bedeutung von kontralateralen und unilateralen Bewegungen im Training. Trainieren Sie Ihre Athleten nicht wie Powerlifter oder Bodybuilder, erlauben Sie ihnen, im Training sportlich zu sein und sich sportlich zu fühlen. Mehr rotierende Aktionen anstelle von steifen, starren Positionen. Mehr offene, kombinierte Bewegungen, weniger geschlossene Verbundbewegungen mit Einschränkungen. Und schließlich betonen Sie die elastische Natur der Bewegung und ermutigen Sie Athleten, dieses Konzept bestmöglich zu nutzen. Integrieren Sie die faszialen Schlingen bewusst in Ihr Training und entdecken Sie eine neue Dimension der Leistungsfähigkeit und Gesundheit!
