Die Ursprünge des Deutschen Turnens: Friedrich Ludwig Jahn und die nationale Turnbewegung

Deutschland, ein Land reich an Geschichte und Kultur, hat die Welt in vielerlei Hinsicht geprägt – und dazu gehört auch die Sportwelt. Die Geburt des modernen Turnens, einer Disziplin, die heute Millionen begeistert, liegt tief in der deutschen Geschichte des frühen 19. Jahrhunderts verwurzelt. Es war eine Zeit des Umbruchs, des nationalen Erwachens und des Strebens nach körperlicher und geistiger Stärke, die eng mit der Figur des preußischen Pädagogen Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852) verbunden ist.

Jahn, oft als „Turnvater Jahn“ bezeichnet, gründete Anfang der 1800er Jahre die Bewegung des Deutschen Turnens. Was als körperliche Ertüchtigung für eine Gruppe von Jungen einer Berliner Grammatikschule unter seiner Aufsicht begann, entwickelte sich schnell zu einer breit gefächerten Bewegung, die weit über das reine Training hinausging. Diese frühen Kurse umfassten nicht nur gymnastische Übungen, sondern auch traditionelle Spiele wie Laufen, Schwimmen, Ringen, Klettern, Heben und Fechten. All dies wurde kombiniert mit fortschrittlicher deutscher politischer Philosophie, patriotischen Reden und traditionellen Liedern. Angesichts der jüngsten Präsenz Napoleons in Preußen und Deutschland wurde der Name „Turnen“ gewählt, um die Bewegung fest in einer deutschen Tradition zu verankern. Eines der Hauptziele war die Schaffung einer körperlich fitten und militärisch einsatzbereiten Bevölkerung.

Im Laufe der Zeit entwickelte Jahn spezielle Turngeräte für seine Schüler. Dazu gehörte der „Turnplatz“, eine gerüstähnliche Struktur, die mit Leitern, Stangen und Seilen ausgestattet war (Pfister, 2003). Diese Innovationen legten den Grundstein für viele der modernen Turngeräte, die wir heute kennen. Die Aktivitäten zielten nicht nur auf die Stärkung des Körpers ab, sondern auch auf die Förderung von Disziplin und Gemeinschaftssinn. Jahn und seine Anhänger sahen im Turnen ein Mittel zur nationalen Einheit und Stärkung in einer politisch zersplitterten Zeit. Wer sich aktiv beteiligte, lernte nicht nur körperliche Fertigkeiten, sondern auch Teamwork und Respekt für seine Mitmenschen, was bis heute in aufwärmspiele turnen und modernen Sportprogrammen widerhallt.

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Schließlich wurden in der breiteren Gemeinschaft „Turnvereine“ gegründet. Diese Turnvereine lehrten einen „kräftigeren“ Stil der Gymnastik, der den Einsatz von Geräten, Stäben und Indischen Keulen beinhaltete. Die Turnvereine erfüllten einen wichtigen sozialen, kulturellen und politischen Zweck in der liberalen, „freidenkenden“ deutschen Gesellschaft. Sie waren nicht nur Orte des körperlichen Trainings, sondern auch Zentren des Gedankenaustauschs und der politischen Diskussion, die zur Herausbildung einer starken Zivilgesellschaft beitrugen. Man kann mit Fug und Recht sagen, dass die Turnbewegung die meisten modernen Turngeräte erfunden hat und Jahn als der „Vater des modernen Turnens“ gilt (Pfister, 2009).

Die Turnbewegung und ihre politischen Ideale waren untrennbar miteinander verbunden. In den Augen der damaligen Herrscher stellte die Bewegung eine potenzielle Bedrohung dar. Im Jahr 1819 wurden die Turnvereine von den regierenden Monarchen wegen revolutionärer Aktivitäten verboten (Pfister, 2003). Dieses Verbot, das unter den sogenannten Karlsbader Beschlüssen erlassen wurde, zeigte die Macht und den Einfluss, den die Bewegung bereits erlangt hatte. Trotz der Unterdrückung florierten die Ideen des Turnens im Geheimen weiter und fanden neue Wege, sich auszubreiten. Auch wenn das zdf livestream turnen heute vor allem sportliche Wettkämpfe zeigt, ist die historische politische Dimension des Turnens nicht zu unterschätzen.

1842 wurde das Verbot schließlich aufgehoben, was der Turnbewegung einen neuen Aufschwung verlieh. Doch die politischen Turbulenzen hielten an, und 1848 waren viele Turnmitglieder aufgrund weiterer politischer Umwälzungen gezwungen, Deutschland zu verlassen. Viele wanderten in die Vereinigten Staaten aus, wo sie Turnvereine gründeten. Dies markierte den Beginn der globalen Verbreitung des Turnens (Cazers & Miller, 2000), (Pfister, 2009). Die deutschen Einwanderer brachten nicht nur ihre physische Kultur mit, sondern auch ihre Werte und ihren Gemeinschaftssinn, die zur Entwicklung der körperlichen Bildung in Amerika beitrugen. Effektive aufwärmübungen turnen wurden so zu einem festen Bestandteil vieler Sportprogramme.

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Auch viele andere europäische Nationen übernahmen das Turnen-Konzept und passten es an ihren eigenen nationalen und kulturellen Kontext an. Ein bemerkenswertes Beispiel hierfür ist die tschechische Sokol-Bewegung (Podpečnik, 2014), die ähnliche Ideale der körperlichen Ertüchtigung und des nationalen Geistes verfolgte. Diese Adaptionen zeigen die universelle Anziehungskraft und den nachhaltigen Einfluss der ursprünglichen deutschen Turnidee. Turnen wurde zu einem Synonym für eine ganzheitliche Bildung des Menschen, die Körper und Geist gleichermaßen stärkt. Es bot eine Plattform für gemeinschaftliche Aktivitäten und spiele für turnen, die den Zusammenhalt förderten.

Das Turnsystem nach Jahn integrierte einen „schwereren“ Stil der Gymnastik unter Verwendung von Geräten. Die Ziele des Turnens waren die Schaffung leistungsfähiger Bürger zum Wohle der gesamten Gemeinschaft. Es ging darum, nicht nur athletische, sondern auch moralisch gefestigte Individuen zu formen, die bereit waren, Verantwortung für ihre Nation zu übernehmen. Die Prinzipien des Turnens sind bis heute relevant und finden sich in modernen Fitnessprogrammen und der schulischen Leibeserziehung wieder. Die damaligen spiele turnen wurden oft genutzt, um diese Werte spielerisch zu vermitteln und die Freude an der Bewegung zu fördern.

Die deutsche Turnbewegung unter Friedrich Ludwig Jahn war weit mehr als nur eine Ansammlung von Sportübungen. Sie war eine tiefgreifende kulturelle und politische Bewegung, die einen entscheidenden Beitrag zur deutschen Identitätsfindung leistete und die Grundlagen für das moderne Turnen weltweit schuf. Ihr Erbe lebt in den zahlreichen Turnvereinen und Sportprogrammen fort, die bis heute Millionen Menschen zu körperlicher Aktivität und Gemeinschaftssinn inspirieren. Es ist ein faszinierendes Kapitel der deutschen Geschichte, das die untrennbare Verbindung zwischen Körper, Geist und Nation aufzeigt.

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Literaturverweise:

Cazers, G. & Miller, G.A. (2000). The German Contribution to American Physical Education: A Historical Perspective. Journal of Physical Education, Recreation & Dance 71(6), 44-48.
Pfister, G. (2003). Cultural Confrontations, German Turnen, Swedish Gymnastics and English Sport- European Diversity in Physical Activities from a Historical Perspective. Culture, Sport, Society 6(1), 61-91.
Pfister, G. (2009). The Role of German Turners in American Physical Education. The International Journal of the History of Sport 26(13), 1893–1925.
Podpečnik, J. (2014). ALL YOU NEED IS A RED SHIRT AND CAP; AND YOU ARE SOKOL! Science of Gymnastics Journal 6(3), 61 – 85.