Sybil Gräfin Schönfeldt: Eine Kulturvermittlerin, die Generationen prägte

Sybil Gräfin Schönfeldt war weit mehr als nur eine Adlige; sie war eine leidenschaftliche Kulturvermittlerin, deren Einfluss über Jahrzehnte reichte. Schon früh im Leben, als sie kurz nach dem Krieg im Bauer Verlag in Hamburg als Leserbriefredakteurin tätig war, erkannte sie, was die Menschen bewegte und dazu brachte, eine Zeitung zu kaufen. In der Nachkriegszeit standen das Praktische und die Orientierung in einer neuen Gesellschaft im Vordergrund, was Schönfeldts Blick auf die Welt schärfte und ihren “Universitätshochmut” korrigierte, wie sie selbst sagte.

Ihr journalistisches Schaffen war geprägt von akribischer Recherche. Als Autorin, Übersetzerin und Literaturkritikerin wurde sie für mehrere Generationen von Lesern zu einer bekannten Größe. Einer ihrer größten Erfolge war “Knaurs großes Babybuch”, für dessen Entstehung sie sogar freiwillig in einer gynäkologischen Klinik hospitierte. Wenn sie für ihre berühmten Artikel und Bücher über das Kochen recherchierte, eignete sie sich das nötige Wissen in der Versuchsküche von Maizena an. Ihre Kochbücher, darunter Titel wie “Kochbuch für den großen alten Mann” oder “Kochbuch für die kleine alte Frau”, zieren heute viele deutsche Küchenregale. Diese Werke garnierte sie mit persönlichen Erinnerungen, die auch in ihren Benimmbüchern, wie dem “Einmaleins des guten Tons”, eine große Rolle spielten. Kritiker mochten ihre Tisch- und Benimmregeln als altmodisch abtun, doch sie übersahen dabei, wie liberal Schönfeldt gutes Benehmen als eine sich wandelnde, selbst getroffene Konvention beschrieb. In den 1980er Jahren stieß sie mit ihrem Thema auf Widerstand; ihre adlige Herkunft schien bei manchen ein falsches Bild von ihr zu erzeugen.

Geboren 1927 als Tochter eines österreichischen Reichsgrafen, verlor Schönfeldt ihre Mutter kurz nach der Geburt. Sie wuchs bei ihren Großeltern und Großtanten in Nassau auf. Anekdoten über ihre weitläufige Verwandtschaft und Erlebnisse mit ihrem Vater, der als Pressesprecher für die UFA in Berlin tätig war, fanden Eingang in viele ihrer Bücher.

Weiterlesen >>  Kuscheltiere für Kinder: Welche Haustiere eignen sich und ab wann?

Mit siebzehn Jahren wurde sie zum Reichsarbeitsdienst eingezogen. Ihre 1979 erschienene Autobiografie “Sonderappell” ist eine schonungslose Abrechnung mit der NS-Zeit und dem Drill, dem Mädchen in dieser Institution ausgesetzt waren. Die Arbeitsdienstführerinnen und Funktionärinnen, die nach dem Krieg nicht zur Rechenschaft gezogen wurden, attackierten Schönfeldt vehement und versuchten sogar, eine Verfilmung ihres Buches zu verhindern. In “Sonderappell” schilderte sie ihren Wandel von einer überzeugten Anhängerin Hitlers zu einer politischen Autorin, die sich schämte, das Grauen des Regimes nicht früher erkannt zu haben. Als Literaturkritikerin widmete sie sich später intensiv der Auseinandersetzung mit Büchern, die den Holocaust thematisierten.

Nach dem Krieg studierte Schönfeldt Germanistik und Kunstgeschichte und promovierte über die “Formprobleme in der Lyrik Josef Weinhebers”. 1952 absolvierte sie ein Volontariat beim Göttinger Tageblatt. Als sie später in der Hamburger Presselandschaft Fuß fasste und für Die Zeit und deren Magazin schrieb, war es der damalige Feuilletonchef Paul Hühnerfeld, der sie als eine der wenigen Frauen in der Redaktion beauftragte, über den neu gegründeten Jugendbuchpreis zu berichten. Gemeinsam mit Hühnerfeld etablierte sie die Kinder- und Jugendliteraturkritik in der Wochenzeitung. Dies geschah in einer Zeit, in der bedeutende Kinderbuchverlage wie Dressler, Oetinger, Klopp, Ravensburger und dtv junior von Frauen geführt wurden, und Schönfeldt wurde zu einer prägenden Figur dieser Szene.

Nach ihrer Heirat mit dem Kaufmann Heinrich Schlepegrell im Jahr 1957 verzichtete sie zugunsten der Erziehung ihrer beiden Söhne auf eine Festanstellung, selbst auf eine Position in der Chefredaktion der Zeitschrift Constanze. Sie blieb zeitlebens freiberuflich tätig und betrachtete diese Form der Arbeit gerade für Journalistinnen als große Chance. Sie wurde selbst Jurorin und Vorsitzende des Kinder- und Jugendbuchpreises sowie des Arbeitskreises für Jugendliteratur. Ihre Kolumnen und Rezensionen zu Jugendbuchthemen veröffentlichte sie unter anderem für den Stern, das Hamburger Abendblatt und den NDR. Ab 1969 arbeitete sie eng mit Barbara Bondy zusammen, die damals die Wochenendausgabe der SZ leitete, und schrieb bis zuletzt für die Kinder- und Jugendbuchseiten im Feuilleton dieser Zeitung.

Weiterlesen >>  Kakadus: Faszinierende Exoten mit einzigartigem Charakter

Neben ihrer journalistischen Tätigkeit entstand ihre Biografie von Astrid Lindgren, die erste in deutscher Sprache. Zudem übersetzte Schönfeldt bedeutende Werke aus dem Englischen, darunter Bücher von Autorinnen und Autoren wie Edith Nesbit, Pearl S. Buck, Charles Dickens und Lewis Carroll. Insgesamt übersetzte sie 120 Bücher.

Ihr ausgeprägtes Sprachgefühl führte dazu, dass sie auch die antiautoritäre Literatur der 1970er Jahre kritisch betrachtete. Ihr Credo lautete: “Wenn sich die Kunst in den Dienst einer Sache stellt, gewinnen oft weder die eine noch die andere.” Ausnahmen bildeten Werke mit literarischer Qualität, wie sie beispielsweise bei Friedrich Karl Waechter erkannte. Dennoch blieb sie skeptisch, wenn didaktische und sozialpädagogische Absichten zu offensichtlich im Vordergrund standen, was in der Kinder- und Jugendliteratur häufig der Fall war. Auch gegen Altersbeschränkungen wehrte sie sich vehement und plädierte dafür, Kindern die Fähigkeit zum Nachdenken voll und ganz zuzutrauen.

Mit zunehmendem Alter forderte sie sich selbst heraus, trotz gesundheitlicher Einschränkungen mit preußischer Disziplin weiterzuarbeiten: “Wenn du dich erst gehen lässt, bist du verloren.” Bis zuletzt war sie davon überzeugt, dass jeder Mensch glücklich sein kann, indem er seine eigene innere Welt pflegt. Am 14. Dezember 2022 verstarb Sybil Gräfin Schönfeldt im Alter von 95 Jahren in Hamburg.