Louis Aragon, der französische Dichter, bezeichnete sie einst als die “schönste Liebesgeschichte der Welt”. Diese enthusiastische Einschätzung mag übertrieben klingen, doch Dshamilja, das bewegende Werk von Tschingis Aitmatow, ist zweifellos eine Geschichte von außergewöhnlicher Schönheit und tiefgründiger menschlicher Verbindung. Obwohl sie auch eine Liebesgeschichte ist, die vor dem Hintergrund des Großen Vaterländischen Krieges spielt und die heroischen Bemühungen der sowjetischen Arbeiter bei der Versorgung der Front beleuchtet, liegt ihre wahre Stärke in der feinsinnigen Darstellung von Emotionen und der eindringlichen Beschreibung einer sich wandelnden Welt. Für Aragon, einen überzeugten Kommunisten, mag der Kontext der kollektiven Anstrengung ein zusätzliches Motiv für sein überschwängliches Lob gewesen sein. Doch auch abseits politischer Ideologien berührt diese Erzählung durch ihre universellen Themen und ihre poetische Sprache.
Schauplatz und Atmosphäre: Kirgisistan in Zeiten des Krieges
Die Handlung von Dshamilja entfaltet sich in der malerischen Landschaft Kirgisistans, wo die majestätischen Berge allmählich in die weiten Steppen übergehen. Die Erzählung ist in einer Zeit angesiedelt, in der die traditionellen Lebensweisen noch nicht vollständig von den Methoden der Sowjetzeit abgelöst worden waren. Die Geschichte wird aus der Ich-Perspektive von Said erzählt, einem jungen Mann, der sich selbst an der Schwelle zwischen Kindheit und den ernsten Sorgen des Erwachsenenlebens befindet. Alle Charaktere leben in einer traditionellen Siedlung, einem sogenannten Aul, wie Said es im gesamten Buch nennt. Gleichzeitig arbeiten sie jedoch auf einer Kolchos, einer sowjetischen Kollektivfarm. Der Zweite Weltkrieg hat die meisten Männer im wehrfähigen Alter an die Front gerufen, sodass die Farmarbeit hauptsächlich von Frauen, Jugendlichen, alten Männern und verwundeten Soldaten, die vom Kampf ausgeschlossen sind, geleistet werden muss. Mehrere von Saids älteren Brüdern dienen an der Front, und einer von ihnen hat seine junge Braut, die namensgebende Dshamilja, zurückgelassen. Diese Kulisse aus kriegsbedingter Entbehrung und dem Ringen um Nahrung für die Front bildet den rauen, aber auch heldenhaften Rahmen für die zarte Liebesgeschichte.
Die Hauptcharaktere: Dshamilja, Said und Danijar
Dshamilja ist eine freie Seele, aber gleichzeitig auch eine vorbildliche Schwiegertochter. Sie ist stark, entschlossen, wunderschön und voller Lachen und Lebensfreude. Ihre Energie und Unabhängigkeit machen sie zu einer faszinierenden Figur, die sich den konventionellen Erwartungen ihrer Umgebung nicht vollständig unterwirft. Said, der junge Erzähler, sieht sie durch die rosarote Brille seiner jugendlichen Zuneigung, und der Leser ahnt Saids Gefühle für sie lange bevor er sie selbst erkennt.
Eines Tages trifft ein Fremder im Aul ein: Danijar, ein Soldat, der verwundet von der Front zurückgekehrt ist. Er hat ein Hinken, einen leeren Blick und eine tiefe, brütende Stille umgibt ihn. Anfangs machen sich Said und Dshamilja über ihn lustig. Die Dorfboys bitten ihn, ihnen vom Krieg zu erzählen, doch er erwidert lediglich, sie sollten zu Gott beten, dass sie ihn niemals erleben müssten. Unerwartet beschämt lassen sie ihn daraufhin mit dieser Frage in Ruhe.
Die Entwicklung einer ungewöhnlichen Liebe
Nach einem besonders grausamen Streich, den Said und Dshamilja ihm spielen, öffnet sich Danijar auf eine unerwartete Weise. Er spricht nicht mit den Dorfbewohnern, sondern beginnt, auf den nächtlichen Fahrten vom Feld zurück zum Aul, bei denen sie Getreide mit Pferdewagen liefern, zu singen. Er singt alte Lieder, die seine tiefe Verbundenheit mit dem Land offenbaren und Said und Dshamilja vermuten lassen, dass dieser klanlose Wanderer ungeahnte Tiefen in seiner Seele birgt. Es ist die Musik, die die Mauern um Danijars Herz niederreißt und eine Brücke zwischen ihm und Dshamilja schlägt. Ihre Beziehung entwickelt sich subtil, fernab von Erwartungen und Konventionen, getragen von gemeinsamen Erlebnissen, der harten Arbeit auf dem Feld und den stillen Momenten des Verstehens. Diese unkonventionelle Romanze symbolisiert das Aufbrechen alter Strukturen und die Suche nach individueller Freiheit in einer Zeit des Umbruchs.
Jenseits der Idylle: Eine kritische Betrachtung
Der Verlauf der Handlung bietet keine großen Überraschungen, doch das Buch ist lebendig geschrieben. Aitmatow beschwört die Täler Kirgisistans herauf, die in die kasachische Steppe münden, und zeigt den Staub und die harte Arbeit einer Kollektivfarm während des Krieges auf eindringliche Weise. Es ist in erster Linie eine Liebesgeschichte, und in diesem Kontext wäre es wahrscheinlich ungerecht, all jene Aspekte des sowjetischen Kolchos-Lebens dieser Ära zu erwähnen, die im Buch nicht dargestellt werden: Gewalt, beinahe Hungersnöte, Trunkenheit, Denunziationen bei der Geheimpolizei und vieles mehr. Die bloße Erwähnung dieser Auslassungen könnte darauf hindeuten, dass der Rezensent zu sehr in der Geschichte bewandert ist, um das Buch einfach als eine Liebes- und Coming-of-Age-Geschichte zu würdigen. Aitmatow wählt bewusst einen Fokus auf die menschliche Dimension und die Suche nach Glück inmitten widriger Umstände, um die universelle Botschaft seiner Erzählung hervorzuheben.
Dshamilja im literarischen Kontext und Vermächtnis
Das Werk ist leichtfüßig, wunderschön und wurde ins Englische als Jamila übersetzt, wobei der Name des Autors als Chingiz Aytmatov transliteriert wurde. Tschingis Aitmatow, einer der bedeutendsten kirgisischen und sowjetischen Schriftsteller, hat mit Dshamilja ein zeitloses Stück Weltliteratur geschaffen, das die Herzen von Lesern weltweit erobert hat. Die Geschichte, die 1958 veröffentlicht wurde, gilt als eines seiner frühen Meisterwerke und etablierte seinen Ruf als meisterhafter Erzähler. Die tiefe Menschlichkeit, die poetische Sprache und die authentische Darstellung des kirgisischen Lebens haben Dshamilja zu einem Klassiker gemacht. Im Jahr 2009 ehrte Kirgisistan das Werk mit einer Briefmarke, die Motive aus der Geschichte zeigte – ein deutliches Zeichen für die kulturelle Bedeutung dieses Romans in seiner Heimat. Aitmatows Fähigkeit, universelle Emotionen wie Liebe, Verlust und Hoffnung vor einem spezifischen kulturellen und historischen Hintergrund zu beleuchten, macht Dshamilja zu einer Geschichte, die auch heute noch relevant und berührend ist.
Fazit: Eine Ode an die Liebe und die menschliche Seele
Dshamilja ist weit mehr als nur eine einfache Liebesgeschichte; sie ist eine Ode an die Freiheit des Geistes, die transformative Kraft der Liebe und die unermüdliche Suche nach dem eigenen Weg inmitten gesellschaftlicher Konventionen und historischer Umbrüche. Tschingis Aitmatows Meisterwerk entführt den Leser in eine Welt voller Poesie, harter Arbeit und leiser Rebellion. Es ist eine Geschichte, die lange nach dem Lesen nachklingt und daran erinnert, dass wahre Gefühle alle Grenzen überwinden können. Wer sich für tiefgründige menschliche Dramen, faszinierende Kulturen und zeitlose Literatur interessiert, sollte sich dieses Juwel nicht entgehen lassen.
