Konrad Paul Liessmanns „Theorie der Unbildung“: Eine scharfe Kritik am modernen Bildungssystem

Die Bildungsdebatte in Deutschland wird von Schlagzeilen über Pisa-Studien und Reformeifer dominiert. Inmitten dieser Diskussionen hat der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann mit seiner „Theorie der Unbildung“ eine provokante These aufgestellt: Je mehr Wissen in der sogenannten Wissensgesellschaft zum Fetisch wird, desto stärker wächst die Unbildung. Liessmanns polemisches Werk lädt dazu ein, das ursprüngliche Verständnis von Bildung neu zu überdenken und die aktuellen Entwicklungen kritisch zu hinterfragen.

Liessmann greift auf das klassische Bildungsverständnis zurück, wie es von Wilhelm von Humboldt geprägt wurde. Bildung ist demnach nicht bloße Anhäufung von Wissen, sondern ein Prozess der Selbstbildung und Selbstgestaltung. Es geht um die Arbeit an sich selbst, die Entfaltung von Fähigkeiten und Talenten sowie das Streben nach Erkenntnis als Selbsterkenntnis. Das ultimative Ziel dieser humboldtschen Bildung ist die Befähigung zu freiem Handeln. In diesem Sinne grenzt Liessmann Bildung nicht nur von Unbildung ab, sondern auch von der Halbbildung, ein Konzept, das Theodor W. Adorno bereits kritisch gegenüber Humboldt entwickelt hatte. Diese ursprüngliche Idee der Bildung sieht die Universität als Ort der freien Selbstbesinnung, fernab einer bloßen Wissensfabrik, die den Interessen der Wirtschaft dient. Ähnlich sollten Schulen Stätten der Muße, Konzentration und Kontemplation sein, wobei die Geisteswissenschaften und Künste – Sprachen, Philosophie, klassische Literatur, Musik – eine zentrale Rolle spielen, da sie diese Tugenden fördern und den Menschen in seiner Ganzheit ansprechen. Diese Fächer werden jedoch laut Liessmann heute oft geringgeschätzt, weil sie sich nicht den rein ökonomischen Nützlichkeitserwägungen unterordnen lassen. Neue Lernmethoden in der Erwachsenenbildung könnten hier ansetzen, um ein umfassenderes Verständnis von Wissensaneignung zu fördern, das über reine Verwertbarkeit hinausgeht.

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Die Ökonomisierung der Bildung: Vom Ideal zur Marktorientierung

Liessmann sieht eine fundamentale Transformation der Bildungsidee, deren Hauptursache die zunehmende Kapitalisierung und Ökonomisierung unserer Welt ist. Statt über unverzichtbare Bildungsinhalte oder einen Bildungskanon zu diskutieren, liegt der Fokus heute auf ökonomisch verwertbaren, quantifizierbaren Vorgaben. Bildung muss sich “bezahlt machen”, effizient sein und letztlich einem Effizienzkriterium des Marktes unterordnen. Liessmann diagnostiziert eine marktorientierte Ausbildungspolitik anstelle einer echten Bildungspolitik. Diese Perspektive erinnert stark an die neomarxistische Gesellschaftskritik und Adornos Analyse der Kulturindustrie, die eine Instrumentalisierung des Wissens als bloßen Input kapitalistischer Verwertungszusammenhänge beklagt. Die sogenannte Wissensgesellschaft industrialisiert demnach das Wissen, anstatt die Industriegesellschaft abzulösen.

Diese Ausrichtung an externen Faktoren wie Markt, Beschäftigungsfähigkeit und technologischer Entwicklung führt laut Liessmann zur Zerstörung der eigentlichen Bildung. Während Naturwissenschaften traditionell eng mit der Wirtschaft verbunden sind, sei es bedenklich, wenn auch die Geisteswissenschaften diesem Diktat folgen müssen. Das Werk von Richard Sennett über den flexiblen Menschen und die Kritik von Günther Anders untermauern Liessmanns dialektisches Gesellschaftsmodell, das Bildung als zweckfreie Sphäre gegenüber den Imperativen von Wirtschaft und Politik positioniert.

Die Universität in der Krise: Reformen, Rankings und Projektmanie

Liessmanns Polemik wird besonders überzeugend, wenn er die Details der Universitätsreformen beleuchtet, die er aus eigener Erfahrung als Philosophieprofessor kennt. Er kritisiert scharf den Evaluationswahn, der das Universitätssystem in eine Fehlentwicklung treibt. Wissenschaftliche Leistung wird zunehmend durch die Anpassung an nicht hinterfragte Parameter von Evaluierungskommissionen ersetzt. Es zählt, wie viele Publikationen ein Dozent hat oder wie viele Drittmittel er einwirbt, nicht jedoch die Qualität seiner Forschung oder Lehre. Die „Anbetung der Rangliste“ führt zu absurden Entwicklungen, bei denen Universitäten innerhalb eines Jahres Dutzende Plätze auf- oder absteigen können, obwohl Bildungsinstitutionen von Natur aus träge sind.

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Die Forderung, Projektanträge zu steigern, unabhängig davon, ob sie sinnvoll sind oder einem tatsächlichen Erkenntnisproblem entspringen, ist ein weiteres Symptom dieser Fehlentwicklung. Professoren werden mit administrativen Aufgaben überlastet, anstatt Zeit für Forschung und Betreuung der Studierenden zu haben. Liessmann entlarvt das „Wortgeklingel“ von Eliten und Exzellenz als blinde Anpassung an wirtschaftliche und politische Interessen. Aus seiner Kritik folgt nicht die Ablehnung von Evaluierungen per se, sondern die Forderung nach angemessenen Bewertungskriterien, die wissenschaftlicher Leistung gerecht werden. Die Rolle von Software-Technologie in der modernen Verwaltung und Messbarkeit von Leistung mag effizient sein, birgt aber auch die Gefahr, qualitative Aspekte in den Hintergrund zu drängen.

Der Bologna-Prozess und der Verlust der Vielfalt

Ein zentraler Punkt von Liessmanns Kritik ist der Bologna-Prozess, der nach seiner Auffassung zu einer Nivellierung der europäischen Universitäten führt und damit die Vielfalt zerstört, auf die Europa einst stolz war. Die Transformation der Universitäten zu Fachhochschulen und die Abschaffung der Einheit von Lehre und Forschung sind Folgen, die Liessmann zutiefst bedenklich findet. Wenn die klassische universitäre Bildung geopfert wird, müssen im Gegenzug durch die Hintertür Elite-Universitäten eingeführt werden, was Liessmanns Ideal der Aufklärung widerspricht.

Ein weiterer Aspekt der Modularisierung und Nivellierung ist das unreflektierte Vordringen des Englischen als Wissenschaftssprache, insbesondere in den Geisteswissenschaften. Dies führt zu einem Verlust des Nuancenreichtums des Ausdrucks und verarmt die intellektuelle Landschaft. Liessmann verzichtet bewusst auf den Begriff “Elite”, denn eine wirklich gute Universität sei gut, wenn dort exzellent geforscht und gelehrt werde – und zwar von Anfang an, um wissenschaftliche Neugier zu wecken und zu entwickeln, nicht nur für eine ausgewählte Gruppe von Master- oder Doktorandenstudierenden.

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Fazit: Für eine Rückbesinnung auf den wahren Wert von Bildung

Konrad Paul Liessmanns „Theorie der Unbildung“ ist eine kenntnisreiche und pointierte Abrechnung mit den Auswüchsen des modernen Bildungssystems. Sie ist ein Plädoyer für eine Rückbesinnung auf den ursprünglichen Humboldtschen Bildungsgedanken, der die Selbstbildung des Menschen, das Streben nach Erkenntnis und die Befähigung zu freiem Handeln in den Mittelpunkt stellt. Sein Werk fordert dazu auf, die sogenannten Reformen kritisch zu hinterfragen und sich gegen die reine Ökonomisierung von Wissen und Bildung zu stellen. Für alle, die das deutsche Bildungssystem über die pragmatischen Aspekte der Klassenfahrt Kostenübernahme hinaus verstehen wollen, bietet Liessmanns Analyse einen tiefgründigen philosophischen Einblick in die aktuellen Herausforderungen und die drohende Erosion des Bildungsbegriffs. Es ist ein Aufruf, Bildung nicht als bloße Ware zu betrachten, sondern als einen unersetzlichen Wert für die individuelle Entwicklung und eine freie Gesellschaft.