Gesunde Ernährung in Deutschland: Ein unerreichbarer Luxus für viele?

In Deutschland wird gesunde Ernährung oft als selbstverständlich angesehen, doch für einen wachsenden Teil der Bevölkerung wird sie zum unerreichbaren Luxus. Die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) bilden den Goldstandard für eine ausgewogene Kost, die reich an Obst und Gemüse ist. Doch gerade diese essenziellen Lebensmittel haben in den letzten Jahren erhebliche Preissteigerungen erfahren, was die Frage aufwirft: Ist gesunde Ernährung in unserem Land nur noch Privilegierten vorbehalten?

Die Kostenfalle: Warum gesunde Ernährung immer teurer wird

Die jüngsten Preisentwicklungen auf dem deutschen Lebensmittelmarkt zeigen eine beunruhigende Tendenz. Zwischen 2022 und 2023 stiegen die Nahrungsmittelpreise um alarmierende 13,7 Prozent. Dies hat direkte Auswirkungen auf die Möglichkeit, sich entsprechend den DGE-Empfehlungen zu ernähren, die einen hohen Anteil an Obst und Gemüse vorsehen. Schon ältere Studien, wie die Einkommens- und Verbrauchsstichprobe von 2003, legten offen, dass die Kosten für eine gesunde, vollwertige Ernährung mit 43,46 Euro pro Person und Woche deutlich über denen einer durchschnittlichen Ernährung (29,86 Euro) lagen. Angesichts der aktuellen Inflation ist diese Diskrepanz voraussichtlich noch größer.

Bürgergeld und die Realität der Ernährungsarmut

Die finanzielle Realität von Bürgergeld-Empfängerinnen und -Empfängern im Jahr 2023 verdeutlicht die Problematik drastisch. Mit einem wöchentlichen Budget von 40,25 Euro für Nahrungsmittel ist eine gesunde Ernährung, die ausreichend Makro- und Mikronährstoffe liefert und präventiv gegen ernährungsassoziierte Erkrankungen wirkt, kaum zu realisieren. Stattdessen sind energiedichte, aber nährstoffarme Lebensmittel vergleichsweise preisgünstig, was zwangsläufig zu einer ernährungsphysiologisch ungünstigeren Lebensmittelauswahl führt. Die geringen Anpassungen der Sozialhilfesätze im Verhältnis zu den gestiegenen Lebensmittel- und Energiekosten verschärfen diese Lage zusätzlich.

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Wege aus der Ernährungsarmut: Mögliche Lösungsansätze

Um der Ernährungsarmut entgegenzuwirken, sind vielschichtige politische Maßnahmen erforderlich. Ein kontinuierliches Monitoring der Lebensmittelpreise könnte als Referenz für eine dynamische Anpassung der Sozialhilfe-Regelsätze und Einmalzahlungen dienen. Ernährungspolitisch wäre zudem eine Mehrwertsteuersenkung für Obst und Gemüse denkbar, um deren Erschwinglichkeit zu erhöhen. Im Gegenzug könnte eine Anhebung des Mehrwertsteuersatzes für ungesunde Lebensmittel wie minderwertiges Fleisch, Wurstprodukte oder stark zuckerhaltige Erzeugnisse die Ernährungsgewohnheiten in gesündere Richtungen lenken.

Die Rolle der Schulverpflegung

Ein weiterer entscheidender Ansatzpunkt ist die Schulverpflegung. Die Zertifizierung nach DGE-Standards ist in Deutschland noch nicht flächendeckend umgesetzt. Darüber hinaus werden Kostenvergünstigungen für sozial benachteiligte Schülerinnen und Schüler oft nicht in Anspruch genommen, da die notwendigen Informationen die Eltern nicht erreichen oder die Beantragung als zu komplex empfunden wird. Niedrigschwellige Informationsbereitstellung und Unterstützungsangebote zur Bewältigung bürokratischer Hürden wären hier dringend notwendig.

Die weitreichenden Folgen unzureichender Ernährung

Die soziale Ungleichheit spiegelt sich deutlich in den Ernährungsgewohnheiten wider. Sowohl Kinder als auch Erwachsene mit niedrigem sozioökonomischem Status konsumieren häufiger zuckerhaltige Erfrischungsgetränke, Fleisch- und Wurstwaren und weniger Obst und Gemüse als Personen mit höherem sozioökonomischem Status. Dies führt zu einer deutlich höheren Verbreitung von Übergewicht und Adipositas in den unteren Sozialschichten. Hinzu kommen weitere ernährungsassoziierte Erkrankungen wie Diabetes mellitus Typ 2, Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie Beeinträchtigungen des psychischen Gesundheitszustands.

Soziale Ungleichheit und Lebenserwartung

Die gravierendste Folge ungesunder Ernährung und Ernährungsarmut ist die reduzierte mittlere Lebenserwartung. In niedrigen Einkommensgruppen ist diese bei Frauen um 4,4 Jahre und bei Männern sogar um 8,6 Jahre geringer als in der höchsten Einkommensgruppe. Die soziale Ungleichheit bei den Verwirklichungschancen einer ausgewogenen und auch nachhaltigen Ernährung geht folglich mit einem höheren Erkrankungs- und vorzeitigem Sterberisiko einher – ein unhaltbarer Zustand in einer fortschrittlichen Gesellschaft.

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Warum wird dieses Thema politisch vernachlässigt?

Ein wesentlicher Grund für die politische Ignoranz liegt in einem Mangel an repräsentativen Erhebungen, die Ernährungsarmut multidimensional betrachten. Bisherige Analysen berücksichtigen oft nur Unterschiede im Ernährungsverhalten nach sozioökonomischen Merkmalen. Dieser Ansatz führt dazu, dass armutsbetroffene Personen häufig als “risikoreicher” oder “weniger gesundheitsfördernd” handelnd dargestellt werden, was dann mit ihren Einstellungen und ihrem Wissen verknüpft wird. Die gesundheits- und ernährungspolitische Aufmerksamkeit richtet sich daher meist auf die “Kompetenzsteigerung” sogenannter “vulnerabler” Gruppen, in der Hoffnung, dass diese ihr Risikoverhalten minimieren.

Eine umfassendere Betrachtung des Ernährungsverhaltens in Armut, seiner Gründe und Zielkonflikte – etwa in Bezug auf andere, temporär wichtigere Haushaltsausgaben als gesunde Lebensmittel – bleibt bisher aus. Dies spiegeln die politischen Prioritäten wider. Unberücksichtigt bleibt dabei, dass dieser einseitige Blick verschiedene Formen der Stigmatisierung im Zusammenhang mit Ernährungsarmut aufrechterhält und verstärkt. Dadurch werden bei Betroffenen wiederum die sozialen, kulturellen und psychischen Dimensionen der Ernährung beeinträchtigt, was sich zusätzlich negativ auf den Gesundheitszustand und das Wohlbefinden auswirken kann.

Die Herausforderungen rund um gesunde Ernährung in Deutschland sind komplex und erfordern ein Umdenken in Politik und Gesellschaft. Statt individuelle Defizite in den Vordergrund zu rücken, müssen strukturelle Ursachen wie Preissteigerungen und unzureichende Sozialleistungen umfassend angegangen werden. Nur so können wir sicherstellen, dass gesunde Ernährung kein Luxusgut bleibt, sondern ein Grundrecht für alle Bürgerinnen und Bürger in Deutschland wird. Es ist höchste Zeit, Ernährungsarmut als das ernsthafte soziale Problem anzuerkennen, das sie ist, und wirksame Lösungen zu entwickeln.