Die Nachricht dürfte bei vielen Ostdeutschen nostalgische Gefühle wecken: „Vipa“, das ikonische Sommergetränk der DDR, feiert nach 45 Jahren seiner Geburtsstunde ein Comeback. Diese beschwipste Kräuterbrause, ein fester Bestandteil vieler Sommererinnerungen aus der ehemaligen DDR, kehrt in klassischem Gewand in die Supermarktregale zurück. Die Hanse Sektkellerei Wismar GmbH, die hinter dieser Wiederauferstehung steht, hat lediglich einen kleinen Kompromiss mit dem modernen Zeitgeschmack gemacht: „Vipa“ ist heute etwas weniger süß als zu DDR-Zeiten, erklärt Geschäftsführer Bernd Kretschmer. Die Rückkehr dieses Getränks ist mehr als nur die Einführung eines Produkts; es ist eine Verbeugung vor einem Stück deutscher Kulturgeschichte und ein Versuch, ein Stückchen Heimatgefühl wiederzubeleben.
Die Wiederauferstehung eines Kultgetränks mit Geschichte
Die Wurzeln von „Vipa“ reichen bis ins Jahr 1959 zurück, als ein Berliner Apotheker die einzigartige Rezeptur entwickelte. Anfang der 1960er Jahre wurde das Getränk schließlich als DDR-Patent des Volkseigenen Betriebes (VEB) Weinverarbeitung offiziell anerkannt. Seine Blütezeit erlebte das erfrischende Getränk in den 1960er und 70er Jahren und avancierte zu einem unverzichtbaren Begleiter an warmen Sommertagen. Es stand für Unbeschwertheit und war in vielen Haushalten und Gaststätten der DDR allgegenwärtig. Doch im Laufe der Zeit wurde „Vipa“ von anderen Produkten verdrängt, und die Produktion wurde schließlich eingestellt, wie Kretschmer aus Archivmaterial weiß.
Nach der Wiedervereinigung und der damit verbundenen Entflechtung und Privatisierung des Kombinats gelangten die Markenrechte an „Vipa“ zunächst an die Obstkelterei Rötha bei Leipzig. Von dort wurden sie schließlich von der Hanse Sektkellerei Wismar erworben, die das Potenzial dieses Kultgetränks erkannte. Die Bewahrung solcher Marken ist ein wichtiger Beitrag zur Erinnerungskultur und bietet jüngeren Generationen die Möglichkeit, einen Geschmack der Vergangenheit zu erleben.
Vipa heute: Produktion, Vertrieb und Marktstrategie
Bereits im Jahr 1995 ließen die Wismarer die „Vipa“-Tradition wieder aufleben, konnten das Getränk jedoch damals noch nicht selbst produzieren. Die Limonade, die 20 Prozent Wein und 1,8 Volumenprozent Alkohol enthält, wurde zunächst bei Margon Brunnen Dresden gemischt. Mittlerweile erfolgt die Produktion im Mutterunternehmen der Hanseaten, der Schloss Wachenheim AG, in Böchingen (Rheinland-Pfalz). Diese Umstellung gewährleistet nicht nur eine hohe Qualität, sondern ermöglicht auch eine effizientere Distribution. Kretschmer hegt die Hoffnung, dass „Vipa“ in dieser Saison erstmals auch in westdeutschen Regalen zu finden sein wird, um seine Fangemeinde über die traditionellen ostdeutschen Märkte hinaus zu erweitern.
Im vergangenen Jahr wurden bereits rund 3,5 Millionen Flaschen „Vipa“ verkauft – eine beeindruckende Zahl, die jedoch nur etwa zehn Prozent der früheren DDR-Mengen entspricht. Trotzdem zeigen erste Geschmackstests in den alten Bundesländern vielversprechende Ergebnisse und lassen auf eine positive Entwicklung schließen. Die Marke setzt auf ihre einzigartige Geschichte und den Retro-Charme, um auch neue Kundensegmente zu erschließen.
Das Geheimnis der authentischen Rezeptur und ihre Anpassungen
Der Wismarer Firmenchef betont: „Wir sind zum Ursprung zurückgekehrt.“ Die Rezeptur von „Vipa“ ist im Wesentlichen die alte geblieben, basierend auf natürlichen Essenzen von acht Kräutern wie etwa Veilchenwurzel, ergänzt durch Tee-Extrakt, Mineralwasser und einen geringen Anteil Wein. Diese Kombination verleiht dem Getränk seinen unverwechselbar erfrischenden Charakter, der es von herkömmlichen Limonaden und Mischgetränken abhebt. Es ist diese sorgfältig komponierte Mischung, die „Vipa“ seinen einzigartigen und leicht herben Geschmack verleiht, der an eine andere Zeit erinnert.
Eine notwendige Anpassung gab es jedoch bei der Flaschengröße: Die „historische“ Flaschengröße von 0,33 Litern ist für weinhaltige Getränke in Deutschland nicht zulässig und musste auf 0,275 Liter abgeändert werden. Lediglich der Süßegrad wurde um „einige Gramm“ reduziert, um „Vipa“ dem aktuellen Verbrauchergeschmack entsprechend etwas trockener zu gestalten. Zeitweilige Abwandlungen mit Limonen- oder Holundergeschmack wurden wieder eingestellt. „Vipa gibt’s jetzt nur noch klassisch“, verkündet Kretschmer, der sich allenfalls eine Rotweinvariante vorstellen könnte – die gab es nämlich auch in der DDR unter dem Markennamen „Virola“. Diese Konzentration auf das Original unterstreicht den Authentizitätsanspruch der Marke.
Vipa im Kontext des deutschen Sektmarktes
Die Rückkehr von „Vipa“ findet in einem anspruchsvollen Marktumfeld statt. Die deutsche Sektbranche kämpft seit Jahren mit erheblichen Rückgängen. Nach Angaben des Verbandes Deutscher Sektkellereien (Wiesbaden) sank der Pro-Kopf-Verbrauch an Schaumwein im vergangenen Jahr erstmals seit 1990 von einst rund fünf Litern auf unter vier Liter. Auch der Gesamtabsatz verzeichnete einen Rückgang um acht Prozent auf 425 Millionen Flaschen. Dieser Trend spiegelt veränderte Konsumgewohnheiten und die zunehmende Konkurrenz durch internationale Schaumweine wie Prosecco oder Cava wider.
In diesem Kontext muss „Vipa“ seinen Platz als einzigartiges Nischenprodukt behaupten. Seine Stärke liegt nicht nur im Geschmack, sondern auch in seiner emotionalen Aufladung und dem Wert als Kulturgut. Es spricht jene an, die nach Authentizität und einem Stück Vergangenheit suchen, aber auch neue Konsumenten, die offen für außergewöhnliche und geschichtsträchtige Getränke sind.
Die Wiedereinführung von „Vipa“ ist somit mehr als nur eine Geschäftsidee; es ist ein Brückenschlag zwischen Vergangenheit und Gegenwart, der die reiche Kulturgeschichte Ostdeutschlands feiert. Probieren Sie „Vipa“ und lassen Sie sich von diesem einzigartigen Kultgetränk in eine andere Zeit entführen – oder entdecken Sie es zum ersten Mal!
