Ein Mangel an Vitamin K kann schwerwiegende Folgen haben, insbesondere für Neugeborene und Säuglinge. Weltweit ist Vitamin-K-Mangel eine Ursache für Morbidität und Mortalität im Säuglingsalter. Dieser Zustand beeinträchtigt die Blutgerinnung und kann zu gefährlichen Blutungen führen. Insbesondere bei der Einnahme von Cumarin-Antikoagulanzien erhöht sich das Blutungsrisiko, wenn ein Mangel vorliegt. Eine frühzeitige Erkennung und Behandlung sind daher von entscheidender Bedeutung.
Ursachen und Risikofaktoren eines Vitamin-K-Mangels
Vitamin-K-Mangel entsteht in erster Linie durch eine extrem unzureichende Aufnahme des Vitamins oder durch eine gestörte Fettabsorption im Körper. Bei Säuglingen ist dieser Mangel besonders verbreitet, da sie anfälliger sind.
Vitamin-K-Mangel bei Neugeborenen und Säuglingen
Neugeborene sind aus mehreren Gründen anfällig für einen Vitamin-K-Mangel:
- Geringer Transfer über die Plazenta: Vitamin K und Fette werden nur schlecht von der Mutter auf das Kind übertragen.
- Unreife Leberfunktion: Die Leber des Neugeborenen ist noch nicht vollständig ausgereift, um Prothrombin ausreichend zu synthetisieren.
- Niedriger Vitamin-K-Gehalt in der Muttermilch: Muttermilch enthält im Vergleich zu Kuhmilch nur sehr wenig Vitamin K.
- Steriler Darm: Der Darm des Neugeborenen ist in den ersten Lebenstagen steril, wodurch die körpereigene Synthese von Vitamin K durch Darmbakterien noch nicht stattfindet.
Diese Faktoren können zu einem “Vitamin-K-Mangel-Syndrom” führen, das sich in Blutungen äußert. Bei den späten Formen dieser Erkrankung, die bei Säuglingen im Alter von etwa 2 bis 12 Wochen auftreten können, sind insbesondere gestillte Kinder ohne zusätzliche Vitamin-K-Gabe betroffen.
Vitamin-K-Mangel bei Erwachsenen
Bei gesunden Erwachsenen ist ein Vitamin-K-Mangel selten. Das Vitamin ist reichlich in grünem Gemüse vorhanden, und die Darmbakterien synthetisieren ebenfalls Vitamin K (Menachinone), das vom Körper aufgenommen wird. Ein Mangel kann jedoch bei Erwachsenen auftreten, wenn:
- Cumarin-Antikoagulanzien eingenommen werden: Diese Medikamente stören die körpereigene Vitamin-K-Synthese und die Funktion der Vitamin-K-abhängigen Gerinnungsfaktoren.
- Bestimmte Antibiotika eingenommen werden: Breitbandantibiotika können die Darmflora schädigen und somit die Vitamin-K-Produktion beeinträchtigen.
- Salicylate eingenommen werden.
- Überdosiertes Vitamin E zugeführt wird.
- Eine Leberinsuffizienz vorliegt.
Eine unzureichende Zufuhr von Vitamin K allein verursacht jedoch wahrscheinlich keine Symptome.
Physiologie und Funktionen von Vitamin K
Vitamin K spielt eine entscheidende Rolle bei der Blutgerinnung. Es ist unerlässlich für die Synthese mehrerer Gerinnungsfaktoren in der Leber, darunter die Faktoren II (Prothrombin), VII, IX und X. Darüber hinaus sind Protein C, Protein S und Protein Z, die als Antikoagulanzien wirken, Vitamin-K-abhängig.
Vitamin K1 (Phyllochinon) ist die Form, die in der Nahrung vorkommt und in grünem Blattgemüse, Sojabohnen und Pflanzenölen reichlich vorhanden ist. Nahrungsfett fördert die Aufnahme von Vitamin K1. Nach der Neugeborenenperiode synthetisieren Darmbakterien Vitamin K2 (Menachinone), dessen produzierte Menge jedoch nicht den gesamten Bedarf deckt. Vitamin K wird im Körper effizient recycelt und bleibt in Stoffwechselprozessen erhalten.
Neben seiner Rolle bei der Blutgerinnung ist Vitamin K auch für die Aktivierung von Proteinen wie Osteocalcin und Gamma-Carboxyglutamyl (Gla)-Protein wichtig, die eine Funktion im Knochenstoffwechsel und in anderen Geweben haben. In einigen Ländern wird Vitamin K zur Behandlung von Osteoporose eingesetzt.
Symptome und Anzeichen von Vitamin-K-Mangel
Die Hauptmanifestation eines Vitamin-K-Mangels sind Blutungen. Dazu gehören:
- Schnelle Bildung von Blutergüssen (Hämatome).
- Schleimhautblutungen, insbesondere Nasenbluten.
- Gastrointestinale Blutungen.
- Starke Menstruationsblutungen (Menorrhagie).
- Blut im Urin (Hämaturie).
- Anhaltende Blutungen an Einstich- oder Operationsstellen.
Bei Neugeborenen und Säuglingen können diese Blutungen kutane Manifestationen, Magen-Darm-Blutungen, intrathorakale Blutungen oder im schlimmsten Fall Hirnblutungen umfassen. Bei einem obstruktiven Ikterus können Blutungen verzögert auftreten und sich als langsames Sickern aus Wunden oder als massive Magen-Darm-Blutungen äußern.
Diagnose von Vitamin-K-Mangel
Der Verdacht auf einen Vitamin-K-Mangel oder einen Mangel aufgrund von Cumarin-Antikoagulanzien entsteht, wenn bei einem Risikopatienten anomale oder starke Blutungen auftreten. Die Diagnose wird durch Gerinnungstests bestätigt. Typischerweise ist die Prothrombinzeit verlängert und die International Normalized Ratio (INR) erhöht. Andere Gerinnungsparameter wie die partielle Thromboplastinzeit (PTT), die Thrombinzeit, die Thrombozytenzahl, die Blutungszeit sowie Fibrinogen, Fibrinspaltprodukte und D-Dimer liegen in der Regel im Normbereich.
Ein wichtiger diagnostischer Test ist die Gabe von Phytomenadion (Vitamin K1). Wenn sich die Prothrombinzeit innerhalb von 2 bis 6 Stunden nach intravenöser Gabe von 1 mg Phytomenadion deutlich verkürzt, bestätigt dies einen Vitamin-K-Mangel und schließt ein Leberschaden als alleinige Ursache der Blutung aus.
Manche Labore können auch den Serumspiegel von Vitamin K direkt bestimmen. Bei gesunden Erwachsenen liegt der Vitamin K1-Spiegel zwischen 0,2 und 1,0 ng/ml. Die Erhebung der Vitamin-K-Aufnahme hilft bei der Einschätzung des Serumspiegels. Genauere, aber noch in der Untersuchung befindliche Methoden zur Bestimmung des Vitamin-K-Status umfassen PIVKA (protein induced in vitamin K absence or antagonism) und die Messung von inadäquat carboxyliertem Osteocalcin.
Behandlung von Vitamin-K-Mangel
Die primäre Behandlung des Vitamin-K-Mangels ist die Gabe von Phytomenadion (Vitamin K1). Wann immer möglich, sollte Phytomenadion oral oder subkutan verabreicht werden.
- Erwachsene: Die Dosis beträgt in der Regel 1-20 mg. Eine intravenöse Verabreichung sollte langsam und mit Vorsicht erfolgen, da sie in seltenen Fällen anaphylaktische Reaktionen auslösen kann. Die INR normalisiert sich normalerweise innerhalb von 6-12 Stunden. Bei Bedarf kann die Dosis nach 6-8 Stunden wiederholt werden.
- Patienten unter Antikoagulanzien: Zur nicht-notfallmäßigen Korrektur einer verlängerten INR werden 1-10 mg Phytomenadion oral verabreicht. Die Werte normalisieren sich innerhalb von 6-8 Stunden. Für eine relative Korrektur der INR, beispielsweise bei Patienten mit Herzklappenersatz, können auch niedrigere Dosen (1-2,5 mg) ausreichen.
- Säuglinge: Blutungen aufgrund von Vitamin-K-Mangel bei Säuglingen können durch eine einmalige Gabe von 1 mg Phytomenadion subkutan oder intramuskulär korrigiert werden. Bei anhaltend erhöhter INR kann die Gabe wiederholt werden. Eine höhere Dosierung kann notwendig sein, wenn die Mutter Antikoagulanzien einnimmt.
Prävention von Vitamin-K-Mangel
Die wirksamste Methode zur Prävention von Vitamin-K-Mangel, insbesondere bei Neugeborenen, ist die prophylaktische Gabe von Phytomenadion.
- Neugeborene: Allen Neugeborenen wird empfohlen, innerhalb von 6 Stunden nach der Geburt intramuskulär 1 mg Phytomenadion zu erhalten, wenn sie über 1500 g wiegen. Bei Säuglingen mit einem Gewicht von ≤ 1500 g beträgt die Dosis 0,3 bis 0,5 mg/kg. Dies reduziert das Risiko von intrakraniellen Blutungen und klassischen hämorrhagischen Erkrankungen des Neugeborenen.
- Vor Operationen: Phytomenadion wird auch prophylaktisch vor chirurgischen Eingriffen verabreicht.
- Schwangere unter Antiepileptika: Einige Kliniker empfehlen schwangeren Frauen, die Antiepileptika einnehmen, eine orale Einnahme von 10 mg Phytonadion täglich einen Monat vor der Entbindung oder 20 mg täglich in den zwei Wochen vor der Entbindung.
- Stillende Mütter: Der niedrige Vitamin-K1-Gehalt in Muttermilch kann durch eine Erhöhung der Phyllochinonzufuhr der Mutter auf 5 mg/Tag gesteigert werden.
Die rechtzeitige Prävention und Behandlung von Vitamin-K-Mangel sind entscheidend, um schwerwiegende Gesundheitsprobleme zu vermeiden.
