Wenn von „Post Covid“ oder „Long Covid“ die Rede ist, denken die meisten Menschen an Symptome wie Erschöpfung, Müdigkeit oder Atemprobleme. Weit weniger bekannt ist vielen jedoch, welche gravierenden Spätfolgen eine Covid-19-Infektion für Herz und Gefäße haben kann. Eine aktuelle Studie gibt nun detailliert Aufschluss darüber, wie lange nach einer Infektion ein erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Komplikationen wie Thrombosen und Lungenembolien bestehen kann. Diese Erkenntnisse sind entscheidend, um die Langzeitwirkungen von Covid-19 besser zu verstehen und entsprechende Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen.
Gerinnungsstörungen: Warum Covid-19 Herz und Gefäße belastet
Wissenschaftler aus Schweden haben über einen Zeitraum von mehr als einem Jahr die Gesundheitsdaten von rund einer Million Covid-19-Infizierten analysiert. Diese Daten wurden mit denen von etwa vier Millionen Kontrollpersonen verglichen, um das Risiko einer tiefen Venenthrombose, einer Lungenembolie oder einer Blutung nach einer Infektion zu ermitteln. All diese gefährlichen Ereignisse können durch Störungen im Gerinnungssystem des Blutes ausgelöst werden.
Verantwortlich für diese Ungleichgewichte sind die Blutplättchen, auch Thrombozyten genannt. Wie die Deutsche Herzstiftung erklärt, „schlummern“ diese Blutplättchen normalerweise in unserem Körper und werden nur bei Bedarf aktiviert. Bei einer Verletzung bilden sich auf ihrer Oberfläche bestimmte Aktivierungsmarker aus, die den Blutgerinnungsprozess in Gang setzen. Bei bestimmten Covid-19-Patienten kommt es jedoch zu einer übermäßigen Aktivierung dieser Blutplättchen. Dies wurde bereits im vergangenen Jahr durch eine Studie Tübinger Forscher belegt.
Die Gefahr dabei ist immens: Gerinnt das Blut zu schnell oder zu stark, droht die Bildung von Blutgerinnseln, sogenannten Thromben. Diese können wichtige Gefäße verstopfen und somit Thrombosen verursachen. Blockiert ein solches Gerinnsel ein Lungengefäß, entsteht eine lebensbedrohliche Lungenembolie. Gerinnt das Blut hingegen zu langsam, weil die Gerinnungsprozesse aus dem Gleichgewicht gebracht wurden, kann dies zu gefährlichen Blutungen führen. Diese Covid-bedingten Blutgerinnungsstörungen stellen ein ernsthaftes Gesundheitsrisiko dar.
Wie lange das Risiko nach einer Covid-19-Infektion erhöht bleibt
Die Forscher aus Schweden stellten fest, dass das Risiko für bestimmte kardiovaskuläre Ereignisse über den Beobachtungszeitraum von Februar 2020 bis Mai 2021 signifikant erhöht war:
- Eine tiefe Venenthrombose war bis zu 70 Tage (rund zweieinhalb Monate) nach der Infektion erhöht.
- Eine Lungenembolie zeigte ein erhöhtes Risiko bis zu 110 Tage (rund dreieneinhalb Monate) nach der Infektion.
- Das Risiko für Blutungen war bis zu 60 Tage (rund zwei Monate) nach der Infektion im Vergleich zu nicht infizierten Personen „signifikant erhöht“.
Besonders hoch war das Risiko jeweils in den ersten 30 Tagen nach der Ansteckung. Die Wissenschaftler schlussfolgern daraus, dass Covid-19 ein relevanter Risikofaktor für diese drei schwerwiegenden Ereignisse ist. Besonders betroffen sind dabei Menschen mit einem schweren Krankheitsverlauf. Ihre wegweisenden Ergebnisse wurden im renommierten Fachblatt „British Medical Journal“ veröffentlicht.
Wichtige Warnzeichen für Thrombose und Lungenembolie erkennen
Obwohl die mittlerweile vorherrschende Omikron-Variante seltener schwere Verläufe auslöst, kann es auch weiterhin bei einer Infektion zu Krankenhauseinweisungen oder im schlimmsten Fall zum Tod kommen. Aus diesem Grund ist es von größter Bedeutung, in den entscheidenden Wochen nach einer Covid-19-Infektion besonders auf bestimmte Warnzeichen zu achten. Der Berufsverband Deutscher Internistinnen und Internisten (BDI) nennt auf seiner Website folgende erste Anzeichen für eine tiefe Venenthrombose:
- Spannungsgefühl oder muskelkaterähnliche Schmerzen in den Gliedmaßen. Diese Beschwerden nehmen in der Regel ab, wenn die Gliedmaßen hochgelagert werden.
- Schwellung und ein stärkeres Hervortreten der direkt unter der Hautoberfläche verlaufenden Venen im Vergleich zur Gegenseite.
- Leicht bläuliche Verfärbung sowie eventuell eine Überwärmung der betroffenen Gliedmaße.
- Druckschmerz an der Innenseite des Fußes.
- Wadenschmerzen bei Beugung des Fußes oder auf Druck.
Diese Symptome sollten Sie unbedingt umgehend von einem Arzt abklären lassen. Treten zusätzlich Brustschmerzen und Atemnot auf, kann dies „ein ernst zu nehmender Hinweis auf eine Lungenembolie sein“, warnt der BDI. „Dann handelt es sich um einen akuten Notfall – alarmieren Sie daher umgehend den Notarzt!“ Es ist wichtig zu beachten, dass diese typischen Warnzeichen nur bei etwa 50 Prozent der Betroffenen auftreten. Die Deutsche Herzstiftung weist zudem darauf hin, dass insbesondere Herzpatienten ein erhöhtes Thrombose- und Infarktrisiko haben und in Absprache mit ihrem Arzt weiterhin Blutverdünner einnehmen sollten. Auch wenn Sie nur einen milden Verlauf hatten und solche Anzeichen bemerken, sollten Sie unbedingt einen Arzt aufsuchen. Wie Long-Covid-Expertin Jördis Frommhold kürzlich in einem Interview betonte, kommt es bei milden Verläufen sogar häufiger zu Spätfolgen.
Fazit: Achtsamkeit ist entscheidend für Ihre Herzgesundheit nach Covid-19
Die Erkenntnisse der schwedischen Studie unterstreichen die Notwendigkeit, die kardiovaskulären Spätfolgen von Covid-19 nicht zu unterschätzen. Das erhöhte Risiko für tiefe Venenthrombosen, Lungenembolien und Blutungen kann über mehrere Monate nach einer Infektion bestehen bleiben, insbesondere in den ersten 30 Tagen und bei schweren Verläufen. Unabhängig vom Schweregrad Ihrer Covid-19-Erkrankung ist es von entscheidender Bedeutung, auf die Warnzeichen von Gerinnungsstörungen zu achten und bei Auftreten dieser Symptome umgehend ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Konsultieren Sie Ihren Arzt, wenn Sie nach einer Covid-19-Infektion ungewöhnliche Beschwerden an Herz oder Gefäßen feststellen, um potenzielle Risiken frühzeitig zu erkennen und adäquat behandeln zu können. Ihre Gesundheit liegt uns am Herzen.
