Wertewandel in Deutschland: Analyse und politische Auswirkungen

Werte sind fundamentale Vorstellungen des Wünschenswerten, die unser Handeln beeinflussen und sich nicht unmittelbar manifestieren. Sie repräsentieren erstrebenswerte Zielvorstellungen, die sowohl auf individueller Ebene als auch im gesamtgesellschaftlichen Kontext verankert sind. Individuen und Kollektive prägen Werte und werden gleichzeitig von ihnen geformt, wobei Werte schlussendlich das Verhalten – beispielsweise das Wahlverhalten oder andere Formen politischer Partizipation – maßgeblich beeinflussen. Für politische und soziale Systeme sind Werte von entscheidender Bedeutung, da sie eine grundlegende Vorstellung des Politischen definieren. Sie legen fest, in welchem Maße Werte wie Solidarität, Freiheit oder Gerechtigkeit in einer Gesellschaft Anklang finden und in welchem Verhältnis sie zueinanderstehen. Werte dienen somit als unverzichtbare Richtschnur für das politische Handeln und sind essenziell für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Werte, Wertorientierungen und Einstellungen: Eine begriffliche Abgrenzung

Oftmals wird zwischen Werten und Wertorientierungen nicht streng unterschieden, obwohl Wertorientierungen spezifisch jene Werte bezeichnen, die von Individuen verinnerlicht wurden. Daher wird im Folgenden meist der allgemeinere Begriff “Werte” verwendet. Wesentlich bedeutsamer ist die Abgrenzung von Werten und Einstellungen. Werte zeichnen sich im Gegensatz zu Einstellungen durch hohe Stabilität und Dauerhaftigkeit aus, was langfristige Einflüsse auf das politische Verhalten ermöglicht. Einstellungen hingegen können Schwankungen unterliegen und sind weitaus kurzlebiger. Grundlegende Werte bilden sich primär in Kindheit und Jugend heraus und wirken prägend auf den weiteren Lebensverlauf. Zwar können auch Werte durch Krisenereignisse wie Wirtschaftskrisen, Kriege oder Staatszerfall verändert werden, doch sind solche Veränderungen gradueller Natur und seltener als bei Einstellungen.

Werte sind als grundlegende Leitlinien oder Standards zu verstehen, aus denen Einstellungen abgeleitet werden. Während Einstellungen eine primär evaluative Haltung gegenüber spezifischen Objekten ausdrücken, offenbaren sich Werte durch die Abwägung spezifischer Zielvorstellungen. Eine Einstellung kann keinen normativen Anspruch ausdrücken; es fehlt ihr das Postulat des Wünschenswerten, das Werte kennzeichnet. Zudem sind Einstellungen ausschließlich an Individuen gebunden, wohingegen Werte sowohl von einem gesellschaftlichen Kollektiv als auch von Einzelpersonen getragen werden können.

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Ronald Inglehart und das Konzept des Wertewandels

Werte sind nicht statisch, sondern unterliegen zumeist graduellen Veränderungen, einem Phänomen, das als Wertewandel bezeichnet wird. Ronald Inglehart beschrieb in seinem 1977 erschienenen Werk „The Silent Revolution“ zwei wesentliche Gründe für diesen Wandel. Er argumentierte, dass in der postindustriellen Phase neue Themen an Bedeutung gewinnen, die zuvor von breiten Bevölkerungsgruppen als weniger relevant erachtet wurden. Als Einflussfaktoren nannte Inglehart den Wirtschaftsboom nach dem Zweiten Weltkrieg und das Ausbleiben größerer kriegerischer Auseinandersetzungen in vielen westlichen Gesellschaften. Kurz gesagt: Die Menschen waren sicher und hatten genug zu essen, was weitreichende Implikationen hatte.

Basierend auf diesen Annahmen entwickelte Inglehart den heute bekannten Inglehart-Index zur Erfassung materialistischer und postmaterialistischer Wertorientierungen. Dieser Index umfasst vier Indikatoren: (1) Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung im Land, (2) mehr Einfluss der Bürger auf Regierungsentscheidungen, (3) Kampf gegen steigende Preise und (4) Schutz des Rechts auf freie Meinungsäußerung. Die Items (1) und (3) stehen für materialistische, (2) und (4) für postmaterialistische Werte. Der Index erfasst die Präferenzordnung dieser Werte. Personen, die beide materialistischen Items bevorzugten, wurden als „Materialisten“ eingestuft; Präferenzen für die postmaterialistischen Items führten zur Einstufung als „Postmaterialisten“. Inglehart stellte signifikante intergenerationelle Unterschiede fest: Ältere Bevölkerungsteile waren überdurchschnittlich materialistisch, jüngere Segmente überwiegend postmaterialistisch orientiert.

Diese Beobachtungen führten zur Mangelhypothese und der Sozialisationshypothese. Die Mangelhypothese besagt, dass der Mangel an bestimmten Gütern wie Sicherheit oder Nahrung einen langfristigen Bedarf an eben diesen Gütern schafft. Eine Generation mit Kriegserfahrungen hat demnach stärkere Sicherheitsbedürfnisse als eine ohne. Die Sozialisationshypothese besagt, dass Werte in den ersten 20 Lebensjahren entstehen und den weiteren Lebensverlauf prägen. Ingleharts anfängliche Annahme, der Anteil der Postmaterialisten in westlichen Gesellschaften wie Deutschland würde stetig steigen, während der Materialistenanteil sinkt, erwies sich jedoch nicht vollständig. Tatsächlich nahm der Anteil der Materialisten ab, aber der Anteil der Postmaterialisten stagnierte seit den 1980er-Jahren. Stattdessen bildete sich ein Misch-Typ heraus, der materielle und postmaterielle Werte gleichermaßen präferiert. Obwohl der Inglehart-Index bis heute umstritten ist, wird er neben Modellen wie dem Wertemodell nach Shalom Schwartz und der Speyerer Wertetypologie weiterhin in der sozialwissenschaftlichen Werteforschung eingesetzt.

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Wertewandel und das deutsche Parteiensystem

Der von Inglehart beschriebene Wertewandel führte zu einer tiefgreifenden Neukonfiguration des deutschen Parteiensystems, das zuvor lange Zeit von Kontinuität geprägt war. Zu den dominanten Konfliktlinien, dem Sozialstaatskonflikt und dem Konflikt zwischen kirchlich-religiösen und staatlich-säkularen Werten, etablierte sich das Spannungsfeld zwischen materialistischen und postmaterialistischen Werten als dritte Dimension. Dieser Prozess vollzog sich in weiten Teilen Westeuropas und begünstigte vielerorts die Gründung grün-alternativer Parteien. Bereits ab Ende der 1960er-Jahre manifestierte sich der Wertewandel durch die Entstehung Neuer Sozialer Bewegungen, darunter die Friedens-, Anti-Atomkraft-, Umwelt- und Frauenbewegung sowie schwul-lesbische Interessengruppen. In Deutschland führte dies 1980 zur Gründung der Partei Die Grünen, die insbesondere jene Werte aufgriff, die Inglehart als postmateriell identifizierte. Bei der Bundestagswahl 1983 wählten 40 % der teilnehmenden Postmaterialisten die Grünen, wodurch die Partei erstmals in den Deutschen Bundestag einzog.

Werte und die Entstehung der AfD

Inglehart und seine Kollegen postulierten frühzeitig eine Gegenreaktion auf den postmaterialistischen Wertewandel – eine sogenannte materialistische Wende. Diese manifestierte sich seit den 1980er-Jahren vor allem in Form rechtspopulistischer Parteien, die sich explizit gegen die liberalen Gesellschaftsideale der 1968er-Bewegung positionierten. Hinzu kam eine dezidierte Ablehnung ökologischer Reformen, die wiederum maßgeblich von grün-alternativen Parteien vertreten wurden. Zur Erfassung dieser Entwicklung entstand in der empirischen Sozialforschung der GAL-TAN-Ansatz, der eine politische Konfliktlinie entlang grün-alternativ-libertärer (GAL) und traditionalistisch-autoritär-nationalistischer (TAN) Werte beschreibt.

Obwohl in Deutschland seit den 1980er-Jahren entlang dieser Konfliktlinie mehrfach Parteien des TAN-Pols, wie beispielsweise die Republikaner (REP), gegründet wurden, gelang diesen keine langfristige politische Etablierung. Die Gründung der Alternative für Deutschland (AfD) im Jahr 2013 lässt sich durch diesen Ansatz nur bedingt erklären. Zwar vertritt die AfD seit ihrer Gründungsphase national-konservative und national-liberale Positionen, die eindeutig auf dieser Konfliktachse zu verorten sind, gleichzeitig vertritt die Partei jedoch auch wirtschaftlich libertäre Standpunkte, die eher dem grün-alternativ-libertären Pol zuzuordnen wären. Ob ein neuer Wertekonflikt oder gar ein fortführender Wertewandel die Gründung der AfD begünstigte, ist derzeit umstritten. Dennoch stellt sich mit der Entstehung dieser Partei erneut die Frage nach der Manifestierung eines neuen Wertekonflikts. Die vielfältigen Erklärungsansätze, die auf eine neue Konfliktdimension schließen lassen, weisen eine essenzielle Gemeinsamkeit auf: Es geht um die Frage, ob und inwiefern eine Gesellschaft kulturell geschlossen-nationalistisch oder liberal-kosmopolitisch ausgerichtet sein soll. Befürworter einer eher homogenen Gesellschaft sind am nationalistischen Pol dieser Konfliktachse zu verorten, während Befürworter einer heterogenen Gesellschaft als Kosmopoliten zu verstehen sind.

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Kritiker der Theorie eines erneuten Wertewandels bezweifeln dessen Existenz. Stattdessen argumentieren sie, dass etablierte Parteien ein Repräsentationsdefizit durch mangelnde Responsivität erzeugt hätten. Lang gepflegte Werte seien von den Parteien nicht länger vertreten worden. Beispielhaft wird oft die Migrations- und Asylpolitik unter Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) angeführt. Teile der (Unions-)Wählerschaft fühlten sich dadurch in ihrer national-konservativen Wertehaltung nicht mehr verstanden, was wiederum eine Veränderung des Wahlverhaltens zugunsten der AfD begünstigte. Kritiker dieser Annahme führen an, dass die Christdemokraten durch einen inhaltlichen Kurswechsel jene Wähler zurückgewinnen könnten, die sie zuvor an die AfD verloren haben, und somit keine langfristige Entfremdung stattgefunden habe.

Die Bedeutung von Wertprofilen im Parteienwettbewerb

Verlässliche Wertprofile von Parteien sind für das Wahlverhalten der Bevölkerung von immenser Bedeutung. Sie dienen als eine Art “Shortcut”, der zur Komplexitätsreduktion vor Wahlen herangezogen wird. Parteien müssen diese Wertvorstellungen aufgreifen, wenn sie langfristig ihr gebundenes Wählerklientel behalten wollen. Trotzdem kommt es immer wieder zu Veränderungen gesamtgesellschaftlicher Wertpräferenzen. Darauf müssen Parteien zwangsläufig reagieren und Standpunkte formulieren. Dabei ist von Bedeutung, ob sie diese Wertverschiebungen adaptieren oder sich von diesen abgrenzen. Essenziell bleibt, dass Parteien die für sie relevanten Werte in ihrer Wählerschaft aggregieren und artikulieren müssen. Dadurch kann schlussendlich der Parteienwettbewerb nachhaltig verändert werden und neue Dynamiken in der politischen Landschaft entstehen.

Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 8., aktual. Aufl. Heidelberg: Springer VS 2021. Autor des Artikels: Lucas Constantin Wurthmann