Ein führender deutscher Kinderbuchverlag, Ravensburger Verlag, hat die Entscheidung bekannt gegeben, zwei neue Bücher, die dem populären Kinderbuchhelden Winnetou gewidmet sind, vom Markt zu nehmen. Dies geschieht nach massiven Anschuldigungen wegen Rassismus und kultureller Aneignung, die eine hitzige Debatte in Deutschland ausgelöst haben. Die Veröffentlichung der Titel, die im Zusammenhang mit dem kürzlich erschienenen Kinofilm “Der junge Häuptling Winnetou” standen, sorgte für “viele negative Reaktionen”, wie der Verlag mitteilte.
Die Entscheidung betrifft insbesondere Bücher, die sich an Kinder ab sieben Jahren richten, darunter auch ein Titel für Leseanfänger. Berichten zufolge wurden Buchhandlungen bereits angewiesen, die betroffenen Winnetou-Bücher nicht mehr zu bestellen, und auch auf Online-Plattformen waren sie am Dienstag nicht mehr verfügbar. Die Maßnahme des Verlags hat sogleich eine breitere Diskussion über die Zukunft der Winnetou-Figur und sogar des Films selbst entfacht.
Winnetou: Ein deutsches Kulturgut unter Beschuss
Winnetou, der fiktive indianische Häuptling, feierte sein Debüt bereits 1875 in den Romanen von Karl May. May, der 1912 verstarb, gilt als der erste Bestsellerautor des deutschsprachigen Raums und zählt mit rund 200 Millionen verkauften Exemplaren und Übersetzungen in 40 Sprachen zu den erfolgreichsten deutschen Schriftstellern überhaupt. Seine Geschichten, die ursprünglich als Fortsetzungsromane in Zeitungen und Groschenheften erschienen, drehen sich um die tiefe Freundschaft zwischen dem deutschen Einwanderer Old Shatterhand, dem Ich-Erzähler der Romane, und Winnetou, einem Apachenführer und seinem Blutsbruder.
Diese Erzählungen haben Generationen von Deutschen geprägt und eine enorme kulturelle Wirkung entfaltet. Sie inspirierten zahlreiche Filme, oft liebevoll als “Sauerkraut-Western” bezeichnet, Theaterstücke und beliebte Festspiele. Diese Festspiele fanden sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland während des Kalten Krieges statt und werden seit der Wiedervereinigung bundesweit fortgesetzt. Die bekannteste Veranstaltung in Bad Segeberg zieht jährlich etwa 250.000 Besucher an. Selbst die Nationalsozialisten verzichteten trotz Bedenken, dass die Bücher ihre Rassenideale durch die Verherrlichung von People of Color widersprechen könnten, darauf, die Winnetou-Romane zu verbieten. Adolf Hitler selbst soll ein Bewunderer gewesen sein.
Karl May, der als Alter Ego von Old Shatterhand gilt, betonte stets seine Reisen in den amerikanischen Westen und präsentierte stolz eine Halskette aus Bärenzähnen als Beweis. Tatsächlich reiste er jedoch erst Jahre nach seinen ersten Erfolgen ins Ausland und besuchte Amerika nur einmal im Verlauf seiner Schriftstellerkarriere, wobei er nicht weiter als Buffalo, New York, kam. Dennoch wird ihm zugeschrieben, die Fantasie junger Deutscher über ein naturnahes Leben befeuert zu haben, insbesondere vor der Ära des Massentourismus.
Vorwürfe des Rassismus und der kulturellen Aneignung
Die aktuelle, besonders in den sozialen Medien geführte, erhitzte Debatte wirft den Winnetou-Büchern vor, rassistische Stereotypen zu reproduzieren, die im Kolonialismus verwurzelt sind. Zudem wird kritisiert, dass sie indigene Völker Nordamerikas kulturell vereinnahmen und ihre Darstellung problematisch sei.
Die Entscheidung des Verlags, die Bücher zurückzuziehen, hat gesellschaftliche und kulturelle Kommentatoren gespalten. Befürworter der Maßnahme sehen in Mays literarischen Versuchen, ein Idyll im Herkunftsland der indigenen Völker Nordamerikas zu beschwören, eine “Lüge, die den Völkermord an den indigenen Völkern, die ungerechte Besiedlung ihres Landes durch weiße Siedler und die Zerstörung ihres natürlichen Lebensraums komplett ausblendet”, wie die Wochenzeitung Die Zeit die wütenden Reaktionen zusammenfasste.
Die Boulevardzeitung Bild hingegen fordert die Wiedereinführung der Bücher und besteht darauf, dass “woke Hysterie” dafür verantwortlich sei, “den Helden unserer Kindheit auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen”.
Clemens Meier, der Geschäftsführer des Ravensburger Verlags, betonte, dass die Bücher aus der Perspektive der historischen Realität betrachtet werden müssten, vor deren Hintergrund sie ein “romantisiertes Bild mit vielen Klischees” zeichneten. In einer Erklärung fügte der Verlag hinzu: “Es war nie unsere Absicht, mit diesen Titeln die Gefühle anderer Menschen zu verletzen. Unsere Redakteure sind intensiv auf Themen wie Diversität oder kulturelle Aneignung bedacht.” Die Winnetou-Kontroverse verdeutlicht die anhaltende Auseinandersetzung Deutschlands mit seinem literarischen Erbe und der Verantwortung im Umgang mit Darstellungen kultureller Identitäten.
