Die Fußball-Weltmeisterschaft ist ein globales Spektakel, das Millionen von Menschen begeistert. Doch wenn Großereignisse wie die WM in Ländern mit angespannten politischen Verhältnissen stattfinden, stehen Staats- und Regierungschefs vor einem heiklen Dilemma: Sollen sie anreisen und möglicherweise politische Instrumentalisierung in Kauf nehmen, oder fernbleiben und den Vorwurf der Politisierung des Sports riskieren? Die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland bot ein Paradebeispiel für diese Politik und Fußball-WM in Russland verknüpfung.
Viele europäische Politiker äußerten Bedenken hinsichtlich der Teilnahme westlicher Staatsführer. Rebecca Harms, eine deutsche Grünen-Politikerin und ehemalige Abgeordnete des Europäischen Parlaments, sprach sich deutlich gegen eine Reise nach Russland aus. Sie warnte davor, dass Anwesenheit die Politik Wladimir Putins legitimieren könnte, insbesondere angesichts der Spannungen in der Ukraine, in Syrien und im Iran. Diplomatie sei an den richtigen Orten zu führen, nicht auf den Rängen eines Stadions. Das Thema des politischen Boykotts von Sportveranstaltungen hat eine lange Geschichte und wird stets neu bewertet, wie man auch an Debatten um deutsche Fußballvereine wie Hertha Schalke sieht, wo es um Rivalitäten und Traditionen geht, die ebenfalls von öffentlichen Diskussionen geprägt sind.
Das diplomatische Abwägen: Anwesenheit vs. Abwesenheit
Die Entscheidung, ob man eine Fußball-Weltmeisterschaft besucht, ist selten einfach. Einerseits droht bei einer Anreise die Gefahr, sich instrumentalisieren zu lassen. Bilder mit umstrittenen Staatsoberhäuptern können schnell die Runde machen und die eigene politische Botschaft untergraben. Dies zeigte sich 2014, als Bilder der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel an der Seite von Wladimir Putin und des in Ungnade gefallenen FIFA-Präsidenten Sepp Blatter während des WM-Finales in Brasilien kontrovers diskutiert wurden, nur wenige Monate nach der Annexion der Krim. Es ist ein Balanceakt zwischen sportlicher Unterstützung und politischer Positionierung.
Andererseits birgt die Weigerung, anwesend zu sein, eigene Risiken. Man könnte der Politisierung des Sports bezichtigt werden, der eigenen Nationalmannschaft die Unterstützung entziehen oder eine potenzielle diplomatische Gelegenheit verpassen. Sport kann auch eine Brücke bauen, wie die Entwicklungen bei den Olympischen Winterspielen in Südkorea kurz zuvor zeigten. Für Politiker wie Angela Merkel bieten Weltmeisterschaften oft eine unbeschwerte Bühne, die im politischen Alltag selten ist. Sie nutzte in der Vergangenheit solche Gelegenheiten, um das deutsche Team anzufeuern und ihr eigenes Profil zu schärfen.
Angela Merkel und Joachim Gauck jubeln mit der deutschen Nationalmannschaft bei der WM 2014
Angela Merkel und Joachim Gauck jubeln mit der deutschen Nationalmannschaft bei der WM 2014
Die Pläne der Nationen: Ein Überblick
Die unterschiedlichen Reaktionen internationaler Staatschefs auf die Einladung zur WM 2018 spiegelten die politischen Gräben wider:
- Deutschland: Bundeskanzlerin Angela Merkel hielt sich mit ihren Plänen bedeckt. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier kündigte an, nicht teilzunehmen, betonte jedoch, dies sei kein Boykott.
- Ukraine: Erwartungsgemäß plante die Ukraine, keine hochrangigen Vertreter zu entsenden, und rief Fans sogar dazu auf, nicht nach Russland zu reisen.
- Großbritannien: Als Reaktion auf die Skripal-Vergiftung in Salisbury verzichteten Regierungsmitglieder und Mitglieder der königlichen Familie auf die Teilnahme.
- Island: Auch Islands Premierministerin und Präsident sagten ihre Teilnahme nach der Skripal-Affäre ab und verschoben alle bilateralen Treffen mit russischen Politikern.
- Frankreich: Präsident Emmanuel Macron erklärte, er würde nur reisen, falls Frankreich das Halbfinale erreiche.
- Saudi-Arabien: Kronprinz Mohammed Bin Salman bestätigte seine Teilnahme an der Eröffnungszeremonie.
- Südkorea: Präsident Moon Jae-in nahm die russische Einladung an.
- Argentinien: Präsident Mauricio Macri sagte seine Teilnahme aufgrund wirtschaftlicher Turbulenzen im eigenen Land ab.
- Brasilien: Präsident Michel Temer nahm die Einladung zur WM an.
- Belgien: König Philippe reiste voraussichtlich zu einem Gruppenspiel an, Außenminister Didier Reynders besuchte das Spiel Belgien gegen Tunesien auf Einladung seines russischen Amtskollegen.
- Spanien, Schweden, Dänemark und Polen: Die Regierungen dieser Länder diskutierten ebenfalls über einen möglichen Boykott, kündigten jedoch keine definitive Entscheidung an.
Deutschland im Fokus: Politiker und Fußballbeziehungen
Auch innerhalb der deutschen Politik gab es unterschiedliche Ansätze. Während das Kanzleramt sich bedeckt hielt, äußerte sich Außenminister Heiko Maas humorvoll, dass es wichtiger sei, dass Manuel Neuer dabei sei. Der damalige Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) hingegen bestätigte seine Teilnahme und war damit der einzige hochrangige deutsche Politiker, der dies zu diesem Zeitpunkt offiziell tat. Deutschland pflegt trotz politischer Differenzen weiterhin enge Kontakte zu Russland, selbst auf der sportlichen Ebene, wie ein Freundschaftsspiel zwischen Teams des Bundestages und der Duma zeigte. Das Engagement deutscher Politiker für den Sport, sei es auf internationaler Bühne oder im nationalen Vereinsfußball, wie bei Hertha gegen Union Berlin, ist ein Zeichen für die tiefe Verankerung des Fußballs in der deutschen Gesellschaft.
Sport als Waffe: Russlands strategische Nutzung von Großveranstaltungen
Es ist bekannt, dass Wladimir Putin großen Wert auf Sportveranstaltungen in Russland legt. Unter seiner Führung und der seines engen Verbündeten Witali Mutko wurden die Olympischen Winterspiele, die Formel 1 und die Fußball-Weltmeisterschaft ins Land geholt – zu enormen Kosten. Putin inszeniert sich oft selbst als “Mann der Tat”, sei es beim Judo, bei Formel-1-Rennen oder beim Eishockeyspielen vor den Sotschi-Spielen. Diese Inszenierung dient dazu, ein starkes Image im Inland zu projizieren.
Die Annexion der Krim begann unmittelbar nach den Olympischen Winterspielen in Sotschi, was Spekulationen über die strategische Nutzung solcher Ereignisse befeuerte. Putin selbst bestätigte später, dass er die Pläne zur Krim-Annexion in der Nacht vor der Abschlusszeremonie der Spiele mit seinen Sicherheitschefs besprochen hatte. Dies unterstreicht, wie eng Sport und Politik in Russlands Strategie miteinander verwoben sind. Auch die Debatten um Dopingvorwürfe im russischen Sport, insbesondere im Kontext der Sotschi-Spiele, warfen Schatten auf die Integrität sportlicher Großereignisse im Land. Während die FIFA für die WM 2018 keine Dopingbeweise für den russischen Kader fand, blieb die Frage nach der Reinheit des russischen Sports ein sensibles Thema, das auch die Fußballwelt betrifft, wie das Spiel Malmö gegen Union Berlin zeigen könnte, wo es um internationale sportliche Fairness geht.
FIFA-Präsident Gianni Infantino appellierte zwar, Politik aus dem Fußball herauszuhalten. Angesichts der jüngsten Geschichte der FIFA und ihrer eigenen Skandale wirkten solche Appelle für viele jedoch hohl. Die FIFA selbst gerät immer wieder in die Kritik, wenn es um die Vergabe von Großereignissen oder den Umgang mit Korruptionsvorwürfen geht. Diese Fälle zeigen, dass die Trennung von Sport und Politik in der Realität oft eine Wunschvorstellung bleibt, und selbst auf nationaler Ebene, bei Spielen wie VfB Stuttgart gegen Union Berlin, können gesellschaftliche oder politische Untertöne mitschwingen.
Fazit: Die unausweichliche Verbindung von Sport und Politik
Die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland hat eindrücklich gezeigt, dass Sport und Politik, insbesondere auf der Ebene internationaler Großveranstaltungen, untrennbar miteinander verbunden sind. Für Staats- und Regierungschefs ist die Entscheidung über eine Teilnahme stets ein Drahtseilakt zwischen der Unterstützung des Sports und der Wahrung politischer Prinzipien. Während einige Nationen den Boykott wählten, entschieden sich andere für eine differenzierte Haltung oder die Anwesenheit.
Diese Ereignisse unterstreichen die Notwendigkeit einer kritischen Auseinandersetzung mit der Rolle des Sports im globalen politischen Kontext. Für zukünftige Großveranstaltungen wird die Frage, wie man die Begeisterung des Sports genießen kann, ohne dabei politische Botschaften unfreiwillig zu unterstützen, weiterhin eine zentrale Herausforderung bleiben. Ob bei einem internationalen Turnier oder einem Bundesligaspiel wie Union Berlin gegen Hoffenheim, die gesellschaftliche Relevanz des Fußballs geht weit über das reine Spielergebnis hinaus. Es bleibt spannend zu beobachten, wie sich diese komplexe Beziehung in der Zukunft entwickeln wird.
