Das Werfen, eine der ursprünglichsten menschlichen Bewegungen, ist weit mehr als nur eine olympische Disziplin. Abseits von Speer, Diskus und Kugel existiert eine faszinierende Welt voller unkonventioneller Wettbewerbe, in denen die unglaublichsten Objekte durch die Luft fliegen. Werfen Sie einen Blick auf die skurrilsten und aufregendsten extravagante Wurfsportarten, die zeigen, dass die menschliche Kreativität keine Grenzen kennt, wenn es darum geht, etwas durch die Gegend zu schleudern. Vom traditionellen Unspunnenstein bis zum modernen Smartphone – hier wird alles geworfen, was nicht niet- und nagelfest ist.
Peter Michel beim Unspunnen-Steinstossen
1. Gummistiefelweitwurf: Die finnische Präzision
Die Finnen sind bekannt für ihre besondere Beziehung zu ungewöhnlichen Sportarten, und der Gummistiefelweitwurf ist ein Paradebeispiel dafür. Seit 1975 als offizieller Mannschaftssport anerkannt, wurde 1992 die erste Weltmeisterschaft in dieser kuriosen Disziplin ausgetragen, die seither jährlich stattfindet.
Auch in Deutschland erfreut sich der Gummistiefelweitwurf wachsender Beliebtheit, mit Vereinen, die klangvolle Namen wie “7-Meilenstiefel” oder “TWG Schlabbeschubser” tragen. Das Ziel ist klar: den Gummistiefel so weit wie möglich zu werfen. Für alle, die nach einer einzigartigen sportlichen Herausforderung suchen, sind solche sportarten für erwachsene eine willkommene Abwechslung. Die aktuellen Weltrekorde liegen bei beeindruckenden 68,03 Metern bei den Männern (Antti Ruusuvirta, 2012) und 49,35 Metern bei den Frauen (Elina Uustalo, 2008).
2. Baumstammwerfen: Schottische Tradition bei den Highland Games
Das Baumstammwerfen, bekannt als “Caber Toss”, ist ein ikonischer Bestandteil der schottischen Highland Games und zeugt von archaischer Kraft und Technik. Hierbei geht es nicht primär um die Weite, sondern um die Präzision: Ein fünf bis sechs Meter langer und zwischen 35 und 60 Kilogramm schwerer Baumstamm muss so geworfen werden, dass er sich in der Luft dreht und möglichst gerade, im Idealfall in der “12-Uhr-Position”, landet. Bleibt der Stamm schief liegen, gibt es Punktabzüge für den Werfer. Diese Disziplin verkörpert die raue Schönheit der schottischen Landschaft und ihrer traditionellen Spiele.
3. Eierwerfen: Wenn Fingerspitzengefühl zählt
Erneut beweisen die Nordländer ihren Sinn für schräge Wettbewerbe. Das Eierwerfen ist ein Teamsport, bei dem zwei Teilnehmer ein rohes Ei über eine möglichst große Distanz zuspielen. Der Wurf ist jedoch nur gültig, wenn das Ei vom Partner unbeschädigt gefangen wird. Diese vermeintlich einfache Aufgabe erfordert ein hohes Maß an Feingefühl und Koordination. Auch in der Schweiz hat das Eierwerfen Tradition: Jedes Jahr am Ostermontag versammeln sich Menschen auf dem Mont Vully in der Romandie, um diesen ungewöhnlichen Wettbewerb zu zelebrieren.
4. Weihnachtsbaumwerfen: Der Tannenbaum fliegt
Was in Irland als reine Tradition begann, hat sich in Deutschland zu einem echten Sport entwickelt. Im Januar, wenn die Weihnachtsfeste vorbei sind, versammeln sich Wurfbegeisterte, um ihre ausgedienten Weihnachtsbäume entweder möglichst hoch oder möglichst weit zu schleudern. Manchmal baumeln sogar noch ein paar Kugeln an den Ästen, was dem Spektakel eine zusätzliche, oft humorvolle Note verleiht. Es ist eine originelle Art, die Feiertagssaison zu verabschieden und gleichzeitig sportlichen Ehrgeiz zu beweisen.
5. Handywerfen: Frustabbau à la Finnland?
Die Finnen scheinen eine besondere Vorliebe für das Werfen von Alltagsgegenständen zu haben – nach Gummistiefeln und Eiern sind nun Mobiltelefone an der Reihe. Ob dieser Sport aus dem Frust über Nokias Rückzug aus dem Smartphone-Markt entstand, bleibt Spekulation. Fest steht, dass Handywerfen eine vielseitige Disziplin ist, die in mehreren Kategorien ausgetragen wird:
- Traditionell: Hier zählt die Distanz, oft mit einem Über-die-Schulter-Wurf.
- Team: Drei Werfer addieren ihre Distanzen.
- Freestyle: Kreativität, Ästhetik und Choreographie des Wurfs werden von einer Jury bewertet.
- Junior: Eine Kategorie für Kinder bis zwölf Jahre.
Die verwendeten Handys dürfen bis zu 220 Gramm wiegen, wobei man entweder sein eigenes Gerät mitbringt oder ein vom Veranstalter gestelltes nutzt. Wer seine maximalkraft sportarten auf ungewöhnliche Weise testen möchte, findet hier eine spannende Herausforderung. Der aktuelle Weltrekord der Männer liegt bei unglaublichen 110,42 Metern (Dries Feremans, 2012), der Frauenrekord bei 53,52 Metern (Jan Singleton, 2006).
6. Besenwerfen: Der norddeutsche Teamgeist
In Norddeutschland hat das Besenwerfen eine feste Fangemeinde. Bei diesem Sport treten zwei Mannschaften gegeneinander an, mit dem Ziel, einen Reisigbesen ohne Stiel über eine festgelegte Strecke mit möglichst wenigen Würfen zu befördern. Die Besonderheit: Der Besen muss immer genau von der Stelle geworfen werden, an der er zuvor gelandet ist. Diese Regel erfordert präzises Zielen und strategisches Denken. Ähnlich dem [boßeln sport](https://shocknaue.com/bosseln-sport/), das ebenfalls in Norddeutschland beliebt ist, verbindet das Besenwerfen Gemeinschaftssinn mit sportlichem Wettkampf.
7. Bierfasswerfen: Irischer Hochwurf-Spaß
Das Bierfasswerfen, ursprünglich aus Irland stammend, ist ein beeindruckender Kraftakt. Hierbei wird ein etwa zwölf Kilogramm schweres, leeres Bierfass so hoch wie möglich in die Luft geworfen. Der Teilnehmer, dessen Fass die größte Höhe erreicht, gewinnt. Diese Disziplin ist nicht nur ein Test der rohen Muskelkraft, sondern auch ein echtes Publikumsspektakel, das oft auf Volksfesten und traditionellen Veranstaltungen zu sehen ist.
8. Axtwerfen: Präzision statt reine Kraft
Anders als viele der zuvor genannten Disziplinen, bei denen Weite oder Höhe im Vordergrund stehen, dreht sich beim Axtwerfen alles um Genauigkeit. Ursprünglich aus Wettbewerben unter Förstern entstanden, versuchen die Teilnehmer heute, eine Axt präzise in die Mitte einer Zielscheibe zu werfen. Diese Sportart erfordert eine ruhige Hand, Konzentration und eine ausgefeilte Wurftechnik. Kommerzialisierte Meisterschaften sind mittlerweile in Ländern wie Kanada, den USA oder Großbritannien verbreitet und ziehen ein wachsendes Publikum an.
9. Bonus: Kürbisweitwurf: Wenn Maschinen das Sagen haben
Der Kürbisweitwurf, oder “Pumpkin Chunkin'”, ist eine Kategorie für sich. Hier sind es nicht menschliche Werfer, sondern selbstgebaute mechanische Geräte – von Katapulten bis zu gigantischen Schleudern –, die riesige Kürbisse über enorme Distanzen befördern. Bei den alle zwei Jahre in den USA stattfindenden Weltmeisterschaften wetteifern Teams mit ihren Ingenieurskünsten, um den Kürbisrekord zu brechen. Der aktuelle Rekord liegt bei erstaunlichen 1382,7 Metern und beweist, dass beim Werfen auch die Wissenschaft und Technik eine entscheidende Rolle spielen können.
Fazit
Von urigen Traditionen bis zu modernen, skurrilen Erfindungen – die Welt der Wurfsportarten ist erstaunlich vielfältig und unterhaltsam. Sie zeigen, dass sportlicher Ehrgeiz und der Wunsch nach Herausforderung in den unterschiedlichsten Formen Ausdruck finden können. Ob mit Gummistiefeln, Äxten oder ganzen Weihnachtsbäumen: Das Werfen verbindet Menschen, fördert den Teamgeist und sorgt stets für ein einzigartiges Spektakel. Lassen Sie sich inspirieren und entdecken Sie vielleicht Ihre eigene Leidenschaft für eine dieser extravagante Wurfsportarten! Wer weiß, vielleicht schlummert auch in Ihnen ein Weltrekordhalter im Handy- oder Gummistiefelweitwurf.
