Zungenbrennen, auch bekannt als Mundbrennen oder Burning Mouth Syndrom (BMS), ist eine komplexe und oft frustrierende Erkrankung, die durch eine anhaltende Dysästhesie der Zungen- und Mundschleimhaut gekennzeichnet ist, ohne dass sichtbare Veränderungen der oralen Mukosa vorliegen. Für die Betroffenen ist das brennende, kribbelnde oder taube Gefühl im Mund nicht nur physisch unangenehm, sondern kann auch erhebliche Auswirkungen auf die Lebensqualität haben. Dieses Syndrom stellt sowohl für Patienten als auch für Mediziner eine Herausforderung dar, da seine genaue Ursache oft schwer zu identifizieren ist und die Behandlung vielfältig sein kann. Die Prävalenz liegt bei etwa 1 bis 2 % der Bevölkerung, wobei Frauen, insbesondere nach der Menopause, signifikant häufiger betroffen sind als Männer.
Was ist Zungenbrennen (BMS)? Eine Definition
Zungenbrennen ist eine chronische Schmerzerkrankung, die sich durch ein persistierendes, brennendes Gefühl im Mund äußert, welches häufig die Zunge, Lippen, den Gaumen oder den gesamten Mundraum betrifft. Ein charakteristisches Merkmal des primären Zungenbrennens ist das Fehlen objektiver klinischer Anzeichen oder Läsionen in der Mundhöhle, die den Schmerz erklären könnten. Häufig ist das Zungenbrennen mit weiteren Symptomen vergesellschaftet, wie beispielsweise Xerostomie (Mundtrockenheit) und/oder Dysgeusie (Geschmacksstörungen, oft ein metallischer oder bitterer Geschmack). Der Schmerz wird oft als brennend, verbrühend oder taub beschrieben und kann in Intensität und Lokalisation variieren, wobei viele Patienten berichten, dass die Symptome im Laufe des Tages zunehmen und abends am stärksten sind. Der ständige Schmerz kann zu Schlafstörungen, Angstzuständen und Depressionen führen, was die Notwendigkeit einer effektiven Diagnose und Behandlung unterstreicht.
Primäres vs. Sekundäres Zungenbrennen: Die Ursachen verstehen
Die Klassifizierung des Zungenbrennens in primär und sekundär ist entscheidend für die Diagnosestellung und die Wahl der Therapie.
Sekundäres Zungenbrennen: Wenn eine Grunderkrankung vorliegt
Beim sekundären Zungenbrennen lässt sich eine eindeutige zugrundeliegende Ursache identifizieren. Die Behandlung konzentriert sich in diesen Fällen darauf, die primäre Erkrankung zu adressieren. Häufige Ursachen sind:
- Systemische Erkrankungen: Diabetes mellitus, Schilddrüsenfunktionsstörungen, Sjögren-Syndrom.
- Mangelerscheinungen: Eisenmangelanämie, Vitamin-B-Mangel (insbesondere B1, B2, B6, B12), Folsäure- oder Zinkmangel.
- Medikamentennebenwirkungen: Bestimmte Antidepressiva, Blutdruckmedikamente oder Medikamente, die Mundtrockenheit verursachen.
- Pilzinfektionen: Orale Candidiasis (Mundsoor) kann ein brennendes Gefühl verursachen.
- Allergische Reaktionen: Auf Dentalmaterialien (z. B. Metalle in Füllungen oder Prothesen), Zahnpasta-Inhaltsstoffe (z. B. Aromen oder Natriumlaurylsulfat) oder bestimmte Lebensmittel.
- Refluxkrankheit (GERD): Magensäure, die in den Mundraum gelangt, kann die Schleimhaut reizen.
- Mechanische Reizungen: Schlecht sitzende Prothesen oder scharfe Zahnkanten.
Eine umfassende Anamnese, klinische Untersuchung und Labordiagnostik sind unerlässlich, um sekundäre Ursachen auszuschließen oder zu identifizieren.
Primäres Zungenbrennen: Das neuropathische Phänomen
Wenn trotz gründlicher Untersuchung keine zugrundeliegende medizinische oder zahnmedizinische Ursache gefunden werden kann, spricht man vom primären Zungenbrennen. Die aktuelle Forschung geht davon aus, dass es sich hierbei um eine fokale gemischt peripher/zentrale Neuropathie handelt. Dies bedeutet, dass sowohl die peripheren Nerven im Mundbereich als auch die zentralen Schmerzverarbeitungsprozesse im Gehirn gestört sein könnten. Mögliche Mechanismen umfassen:
- Small-Fiber-Neuropathie: Eine Schädigung der kleinen Nervenfasern, die für die Schmerz- und Temperaturwahrnehmung zuständig sind.
- Dysfunktion des Trigeminusnervs: Eine Störung des fünften Hirnnervs, der Empfindungen aus dem Gesicht und dem Mundraum übermittelt.
- Zentrale Schmerzverarbeitungsstörungen: Veränderungen in der Art und Weise, wie das Gehirn Schmerzsignale interpretiert und verarbeitet, ähnlich wie bei anderen chronischen Schmerzsyndromen.
- Hormonelle Veränderungen: Insbesondere bei postmenopausalen Frauen wird ein Zusammenhang mit Östrogenmangel diskutiert, der die Schmerzschwelle senken und Nervenstrukturen beeinflussen könnte.
Diese komplexen neuropathischen Mechanismen machen die Behandlung des primären Zungenbrennens oft schwierig und erfordern einen gezielten Ansatz.
Symptome und Diagnose: Den Schmerz erkennen
Die Symptomatik des Zungenbrennens ist in der Regel sehr spezifisch, auch wenn die Ursachen vielfältig sein können. Typische Beschwerden sind ein chronisches, oft bilaterales Brennen, Kribbeln, Stechen oder Taubheitsgefühl an der Zunge, den Lippen, dem harten Gaumen oder dem gesamten Mund. Viele Betroffene erleben eine Zunahme der Symptome im Laufe des Tages, wobei der Morgen oft symptomfrei ist. Das Essen und Trinken kann die Beschwerden vorübergehend lindern, während Sprechen oder Stress sie verschlimmern können. Hinzu kommen häufig Geschmacksstörungen (Dysgeusie), die sich als bitterer, metallischer oder salziger Geschmack äußern können, sowie Mundtrockenheit (Xerostomie), selbst wenn objektiv eine ausreichende Speichelproduktion vorliegt (subjektive Mundtrockenheit).
Die Diagnose basiert primär auf der detaillierten Anamnese und dem Ausschluss anderer Ursachen. Der diagnostische Prozess umfasst:
- Ausführliche Anamnese: Erfassung der Symptome, ihrer Dauer, Intensität und beeinflussender Faktoren.
- Klinische Untersuchung: Inspektion der Mundhöhle und Zunge, um sichtbare Läsionen oder Auffälligkeiten auszuschließen.
- Labordiagnostik: Blutuntersuchungen zur Bestimmung von Blutzucker, Schilddrüsenhormonen, Eisenstatus, Vitamin B12, Folsäure und Zink, um sekundäre Ursachen wie Diabetes oder Mangelerscheinungen zu identifizieren.
- Speichelflusstests: Zur Überprüfung der Speichelproduktion bei Verdacht auf Mundtrockenheit.
- Allergietests: Bei Verdacht auf allergische Reaktionen auf Dentalmaterialien oder andere Substanzen.
- Bildgebende Verfahren: Nur selten erforderlich, aber in Ausnahmefällen können MRT oder CT zur weiteren Abklärung von Nervenpathologien herangezogen werden.
Ein entscheidender Schritt ist es, andere orale Erkrankungen wie Pilzinfektionen, Lichen planus oder Herpes simplex auszuschließen, die ähnliche Symptome verursachen können.
Therapiemöglichkeiten bei Zungenbrennen: Ein individueller Ansatz
Die Behandlung des Zungenbrennens erfordert oft einen individuellen und multidisziplinären Ansatz, insbesondere beim primären Zungenbrennen, wo keine eindeutige Ursache gefunden wird.
Behandlung des primären Zungenbrennens
Da primäres Zungenbrennen als neuropathisches Schmerzsyndrom verstanden wird, zielen die Therapien darauf ab, die Nervenfunktion zu modulieren oder Schmerzsignale zu lindern.
- α-Liponsäure (Thioctsäure): Dieses Antioxidans ist die Therapie der Wahl bei primärem Zungenbrennen und zeigt in einigen Studien eine gute Wirksamkeit. Es wird angenommen, dass es neuroprotektive und regenerative Eigenschaften besitzt, die bei neuropathischen Schmerzen helfen können. Die Wirkung setzt oft erst nach einigen Wochen ein.
- Antikonvulsiva: Medikamente wie Gabapentin und Pregabalin, die ursprünglich zur Behandlung von Epilepsie entwickelt wurden, haben sich auch als wirksam bei neuropathischen Schmerzen erwiesen. Sie wirken, indem sie die neuronalen Kalziumkanäle beeinflussen und so die Übererregbarkeit von Nervenzellen reduzieren. Sie stellen bei Nichtansprechen auf α-Liponsäure eine sinnvolle Therapieoption dar.
- Lokales Clonazepam: Das Benzodiazepin Clonazepam kann lokal als Mundspülung oder Lutschtablette angewendet werden. Es wirkt direkt auf die Rezeptoren im Mundbereich und kann so die lokalen brennenden Empfindungen lindern, ohne systemische Nebenwirkungen zu verursachen, die bei oraler Einnahme auftreten könnten. Studien haben gezeigt, dass die lokale Anwendung in vielen Fällen vorteilhaft sein kann.
- Antidepressiva: Obwohl Antidepressiva bei neuropathischen Schmerzen generell eingesetzt werden, ist ihre Wirksamkeit speziell beim Zungenbrennen nach derzeitigem Kenntnisstand eher begrenzt. Sie können jedoch hilfreich sein, wenn das Zungenbrennen von Depressionen oder Angststörungen begleitet wird.
- Weitere Ansätze: Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) kann Patienten helfen, mit chronischen Schmerzen umzugehen und Stress zu reduzieren. Entspannungstechniken, Stressmanagement und gegebenenfalls eine Anpassung der Ernährung (Vermeidung von sauren, scharfen oder stark gewürzten Speisen) können ebenfalls unterstützend wirken.
Behandlung des sekundären Zungenbrennens
Die Behandlung des sekundären Zungenbrennens ist unkomplizierter und besteht hauptsächlich darin, die zugrundeliegende Ursache zu beheben. Dies kann beispielsweise die Einstellung des Blutzuckers bei Diabetes, die Substitution von Eisen oder Vitaminen bei Mangelzuständen, die Umstellung von Medikamenten oder die Behandlung einer Pilzinfektion umfassen. Sobald die primäre Ursache behoben ist, klingen die Symptome des Zungenbrennens in der Regel ab.
Fazit
Zungenbrennen ist ein komplexes Krankheitsbild, das durch anhaltende, oft quälende brennende Empfindungen im Mund gekennzeichnet ist. Die Unterscheidung zwischen primärem und sekundärem Zungenbrennen ist essenziell für eine zielgerichtete Diagnostik und Therapie. Während sekundäres Zungenbrennen durch die Behandlung der zugrunde liegenden Erkrankung gelindert werden kann, erfordert das primäre Zungenbrennen, das als neuropathisches Syndrom verstanden wird, spezifische medikamentöse Therapien wie α-Liponsäure, Gabapentin, Pregabalin oder lokales Clonazepam. Die Forschung schreitet fort, um die Mechanismen des Zungenbrennens besser zu verstehen und effektivere Behandlungsstrategien zu entwickeln. Bei anhaltenden Symptomen des Zungenbrennens ist es ratsam, einen Arzt oder Zahnarzt aufzusuchen, um eine genaue Diagnose zu erhalten und einen auf Ihre individuellen Bedürfnisse zugeschnittenen Behandlungsplan zu erstellen.
